Boom bei privater Raumfahrt erwartet

In der Raumfahrt bahnt sich ein grundlegender Wandel an: Statt weiter nur als Zulieferer für staatliche Agenturen zu agieren, wollen private Unternehmen das Geschäft stärker selbst in die Hand nehmen – und es natürlich ausbauen.

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In der Raumfahrt bahnt sich ein grundlegender Wandel an: Statt weiter nur als Zulieferer für staatliche Agenturen zu agieren, wollen private Unternehmen das Geschäft stärker selbst in die Hand nehmen – und es natürlich ausbauen. Das berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 04/08 (ab dem 20.3. am Kiosk oder hier portokostenfrei online zu bestellen).

"Wir befinden uns in der Raumfahrt etwa dort, wo die kommerzielle Fliegerei um 1915 oder 1920 stand", sagt G. Scott Hubbard, ehemaliger Direktor des Ames-Forschungszentrums der Nasa und heute Professor für Aeronautik und Astronautik an der Universität Stanford. Er geht davon aus, dass die private Raumfahrt phasenweise voranschreiten wird – angefangen bei touristischen Ausflügen in die oberen Grenzen der Atmosphäre bis hin zu regelmäßigen Speditionsdiensten in die Umlaufbahn und später außerirdischen Siedlungen oder Fabriken auf Mond oder Mars.

Der Einstieg privater Unternehmer, sagt Hubbard, kann nur gut sein für ein Feld, das noch vor jeder Menge ungelöster technischer Fragen steht. In einer Fallstudie preist er das Weltall als "the final business frontier". "Wir stehen vor einem Wachwechsel, wie wir ihn bei anderen Transportmitteln beobachten konnten – vom Ausbau des Eisenbahnnetzes quer durch die USA bis zum Highway-System in den 50er-Jahren: Die Regierung steckt den Rahmen ab, fördert die Pionierleistungen und überlässt das Feld dann den Unternehmern", erklärt der Stanford-Akademiker. Dabei dreht es sich immerhin um einen Markt, der schon heute rund 180 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz abwirft, vor allem aus Satellitenstarts und Diensten bestehend. Zum Vergleich: Der Etat der Nasa für das Haushaltsjahr 2011 beträgt 17,3 Milliarden Dollar, die europäische Raumfahrtbehörde Esa muss sich mit knapp 3 Milliarden Euro begnügen.

Branchen-Primus Virgin Galactic will ab 2010 zunächst rund 500 Hobby-Astronauten in den Himmel heben, sagt Vorstandschef Stephen Attenborough; in den ersten drei Jahren will er 5000 Passagiere haben, in den ersten zehn insgesamt 50.000. Doch das Unternehmen selbst sieht sich keineswegs nur als teures Unterhaltungsprogramm für reiche Abenteurer. Attenborough hat bereits klar gemacht, dass sein Unternehmen auch an die Beförderung von Nutzfracht denkt. Dazu würde das Trägerflugzeug beibehalten, das SpaceShipTwo aber gegen eine bislang noch nicht entwickelte unbemannte Rakete ausgetauscht. "Wir haben noch viele Tests vor uns. Erst muss der Passagierverkehr anlaufen, bevor wir das nächste Geschäft in Angriff nehmen", sagt der Virgin-Manager, "aber wir wissen schon heute, dass sich die beiden gut ergänzen, so wie Fracht und Passagiere beim Luftverkehr. Wir können das Geschäft mit kleinen Satelliten umkrempeln, was Kosten, Flexibilität, Verlässlichkeit und Umweltfreundlichkeit angeht." Von einem regelmäßig verkehrenden Transporter ließen sich Satelliten zwischen 50 und 100 Kilogramm Gewicht bereits für weniger als 2,5 Millionen Dollar pro Stück ins All befördern. Damit würde der Orbit auch für Universitäten und mittelgroße Unternehmen erschwinglich, sodass sie etwa Forschungsplattformen oder Sensoren am Himmel deponieren könnten.

Attenborough erwartet einen Dominoeffekt für die gesamte Industrie, sobald Virgin seinen Betrieb in New Mexico aufgenommen hat: "Es wird eine Lawine privater Gelder niedergehen, die schnellere Innovation ermöglicht und die uns als einem der ersten Anbieter zugute kommen wird." Damit würden "in relativ kurzer Zeit" bemannte Flüge in die geostationäre Umlaufbahn rund 36.000 Kilometer über der Erde, suborbitale Linienflüge zwischen zwei Punkten auf der Welt sowie Transport und Betrieb von permanenten Raumstationen durch private Betreiber möglich. (wst)