Inside Samsung
Während Apple schwächelt, entwickelt sich der koreanische Konzern zum Vorherrscher der Elektronikbranche. Das Unternehmen kämpft mit harten Bandagen, wie Recherchen in Seoul zeigen.
- Marcel Grzanna
Während Apple schwächelt, entwickelt sich der koreanische Konzern zum Vorherrscher der Elektronikbranche. Das Unternehmen kämpft mit harten Bandagen, wie Recherchen in Seoul zeigen.
Die Fassade hat Symbolcharakter. Von außen ist kein Einblick möglich in das Innere der glitzernden Wolkenkratzer. Die drei Bürotürme des Samsung-Hauptquartiers in Seoul reflektieren den Sonnenschein wie überdimensionale Spiegel. Der Konzern ist das glänzende Prunkstück der gesamten koreanischen Wirtschaft, vielleicht sogar des gesamten Kontinents, aber für Außenstehende absolut undurchsichtig. Samsung schirmt sein Innenleben ab wie die Schweizergarde den Vatikan. Kein Blick fällt hinein, der nicht autorisiert ist, keine Information soll herausschlüpfen, die nicht auf Herz und Nieren geprüft wurde.
Die Strategie war lange Teil des Erfolgsrezepts eines Unternehmens, das so viel für das Image Koreas getan hat wie kein anderes. Doch der Preis dafür ist hoch. Das glänzende Bild bekommt Kratzer: Vor der Konzernzentrale protestieren regelmäßig Familienangehörige verstorbener Arbeiter, die über schlechte Arbeitsbedingungen in der Produktion klagen und dem Konzern die Schuld am Tod ihrer Verwandten geben. Zusätzlich ist der interne Druck auf die Mitarbeiter immens, maximale Leistung zu bringen. Ehemalige Angestellte sprechen gegenüber Technology Review von einer Art "Gehirnwäsche" am Beginn des Arbeitsverhältnisses. Immer wieder werden zudem Vorwürfe erhoben, seine Führungsschicht sei so eng mit der Machtelite des Landes verwoben, die Machtfülle des Konzerns so groß, dass er nahezu unkontrollierbar sei.
Und zu guter Letzt will der Verdacht nicht weichen, dass der kometenhafte Aufstieg von Samsung nur möglich gewesen sei, weil die Koreaner die guten Ideen anderer gnadenlos kopieren. Was ist Wahrheit, was lediglich Vorurteil, geboren aus der Angst des Westens vor den Asiaten? Worin also besteht die Methode Samsung?
Die nackten Zahlen sprechen dafür, dass sie funktioniert: 56,3 Millionen Mobiltelefone verkaufte Samsung Electronics allein im dritten Quartal 2012. Marktanteil: 31,3 Prozent. Sony Ericsson, Nokia, Google oder LG laufen alle deutlich hinterher. Auch Apple erreicht mit seinen iPhones nicht annähernd diese Größenordnung.
In der jährlich vom Marktforschungsinstitut Interbrand veröffentlichten Liste der wertvollsten Marken der Welt belegte die Elektroniksparte des Samsung-Konzerns 2012 erstmals einen Platz in den Top Ten. 32,9 Milliarden US- Dollar ist Samsung Electronics demnach wert – satte 40 Prozent mehr als im Jahr davor. 2011 setzte Samsung Electronics 148,8 Milliarden Dollar um. Bis 2020 sollen es 400 Milliarden Dollar Umsatz jährlich sein. Bis dahin will das Unternehmen sich von Platz neun der Rangliste auf einen Platz in den Top fünf vorgearbeitet haben.
"Wir schlagen uns ganz ordentlich zurzeit", sagt Jeong Jun-ho, als er seinen alten Hyundai aus der Tiefgarage der Samsung-Zentrale steuert. Er ist Mitarbeiter der Kommunikationsabteilung und macht sich auf den Weg ins Zentrum der Samsung-Forschung nach Suwon. Dort liegt die Digital City, 37 Kilometer südlich der Firmenzentrale in Gangnam. Und dort begann 1969 die Erfolgsgeschichte von Samsung Electronics. 36 Angestellte entwickelten die ersten Schwarz-Weiß-Fernseher und Telefone für den koreanischen Markt. Heute arbeiten knapp 30000 von weltweit 200000 Mitarbeitern in Digital City. Das Gelände ist so groß wie 250 Fußballfelder. 600 firmeneigene Busse pendeln täglich auf Dutzenden Routen zwischen den anliegenden Wohngebieten, der Firmenzentrale im Stadtzentrum und Digital City hin und her. An der Eingangspforte prüft ein Scanner das Kennzeichen des weißen Hyundai. Mitarbeiter plus Gast sind angemeldet. Durchfahrt genehmigt. Fotos verboten. "Das könnte die Sicherheitsleute alarmieren", sagt Jeong. Offizielle Stellungnahmen sind Jeong nicht erlaubt. Alles, was er sagt, ist als rein privat einzustufen.
Vor der Schranke leuchtete der Schriftzug "Digital City" noch in vielversprechenden bunten Buchstaben. Hinter der Schranke ist zumindest vordergründig nichts mehr von dem Glitzer übrig. Wer sich ein elektronisches Disneyland für Erwachsene oder eine Stadt der Zukunft mit ferngesteuerten Autos und LED-Alleen erhofft, der wird enttäuscht. Dies hier könnte auch ein Werksgelände von Siemens oder Bosch sein. Kein Glanz, kein Glamour, kaum Elektronik. Selbst das Museum, in dem Samsung die Resultate seiner Innovationskraft präsentiert, ist in einem schlichten Flachbau untergebracht. Ein junger Mann namens Jayden führt Besucher vorbei an Fernsehern aus Großmutters Zeiten und den neuesten technischen Errungenschaften aus Digital City. Dazu rasselt er Daten und Zahlen wortgewandt und rasend schnell herunter. Vor dem Smart-TV beispielsweise kann man mit den Armen fuchtelnd aus drei Metern Entfernung das Display bedienen. Marketingexperte Jeong sucht derweil in seinem Samsung Galaxy nach Neuigkeiten. Dann sagt er: "Wir haben so viele Innovationen. Wir müssen mehr Gelegenheiten finden, das auch zu vermitteln." Aber das ist natürlich nur seine private Meinung.