Inside Samsung

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"Es ist eine Hass-Liebe, die die Koreaner mit Samsung pflegen", sagt der ehemalige Samsung-Ingenieur Chung Dong-uk. "Einerseits sind sie unglaublich stolz, dass es eines ihrer Unternehmen in der Welt so weit gebracht hat. Andererseits sind ihnen die Größe und der Einfluss suspekt." Denn Konzerne wie Samsung steuern fast im Alleingang einzelne Wirtschaftszweige, weil Zulieferer und Kleinbetriebe nahezu alle am Tropf des Riesen hängen. Wer nicht nach der Pfeife von Samsung tanzt, muss damit rechnen, dass seine Geschäfte einbrechen.

Schließlich stammt fast ein Fünftel der koreanischen Exporte aus den Werkshallen des Konzerns, der sein Geld bei Weitem nicht nur mit Elektronik verdient. Samsung produziert Küchengeräte und Chemikalien, baut Autos, Häuser und Schiffe. Das Unternehmen verkauft Lebensversicherungen, Vermögensberatung und Marketingstrategien, es betreibt Krankenhäuser und Vergnügungsparks. Konzernchef Lee Kun-hee ist seit 2010 der reichste Mann Südkoreas. Sein Vermögen soll mehr als sieben Milliarden Dollar umfassen.

Auch 75 Jahre nach seiner Gründung wird der Konzern noch immer von der Gründerfamilie geführt. Sie soll über ein kompliziertes Geflecht von Beteiligungen an Tochtergesellschaften den gesamten Konzern kontrollieren. Nur so könne Lee seit Jahren ungehindert die Übergabe der Kontrolle an seinen Sohn Lee Jae-yong vorbereiten, monieren Kritiker – obwohl der Sprössling bislang den Beweis schuldig geblieben sei, einen Weltkonzern erfolgreich leiten zu können. Samsung ist mit seiner Struktur in Korea kein Einzelfall. Das wirtschaftliche Leben in dem asiatischen Land beherrschen dynastische Konglomerate. 2010 summierten sich die Netto-Profite der 30 größten unter ihnen auf 40 Prozent des Staatsbudgets.

Mittlerweile allerdings regt sich Widerstand gegen diese Riesenkonzerne, bei denen die Gründerfamilien über Generationen die Macht in den Unternehmen verteidigt haben. Diese Macht muss beschnitten werden, fordern die einen. Andere widersprechen vehement: Ohne solche Konglomerate, Chaebol genannt, wäre Korea nicht dort, wo es heute ist. Sie täten dem Land gut. Wie sehr die Menschen das Thema umtreibt, zeigt die Tatsache, dass es sogar im Präsidentschaftswahlkampf vor wenigen Monaten eine große Rolle spielte.

Die Bürger forderten vehement mehr demokratische Kontrolle über die ökonomischen Kräfte, vor allem mehr Schutz für kleinere und mittlere Unternehmen. Das Schlagwort der "ökonomischen Demokratie" machte die Runde – ein eigentlich seit 1987 in der Verfassung verankerter Begriff. Damals fanden nach fast drei Jahrzehnten Militärregierung die ersten demokratischen Wahlen statt. Der Paragraf soll Chancengleichheit und die Gleichbehandlung aller Unternehmen sicherstellen. Doch umgesetzt wurde das Vorhaben bis heute nicht ernsthaft. Nun musste angesichts des öffentlichen Drucks die neue Staatspräsidentin Park Geun-hye öffentlich versprechen, das Treiben der Konglomerate sorgfältiger im Auge zu behalten. Ob sie ihre Zusage einhält, ist allerdings zweifelhaft. Schließlich ist sie die Tochter des früheren Präsidenten Park Chung-hee – und er hatte in den 60er-Jahren den Aufstieg der Chaebols erst ermöglicht.

Die Philosophie von Samsungs Firmengründer Lee Byung-chull wird heute noch in Vorstellungsgesprächen von den Bewerbern abgefragt: Saupboguk (Mach Geschäfte und hilf der Nation), Yinjejeil (Unsere talentierten Mitarbeiter sind die wichtigste Resource), Haplichugu (Strebe nach Vernunft). Wie Hohn müssen die Losungen zumindest den Menschen vorkommen, die jeden Donnerstag direkt vor der Firmenzentrale in Gangnam ihren Ärger aus vollem Leib herausbrüllen. Sie tragen Plakate mit Fotos von verstorbenen Verwandten, die bei Samsung gearbeitet haben. Der Vorwurf lautet, Samsung nehme den Tod seiner Fabrikarbeiter besonders bei der Produktion von Halbleitern billigend in Kauf.

Seit den 1990er-Jahren wird weltweit über mögliche Gefahren bei der Halbleiterproduktion diskutiert. Lösungsmittel und giftige Metalle wie Blei oder Arsen, die bei der Produktion verwendet werden, stehen im Verdacht, Krebs auszulösen. Der unmittelbare Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und den Arbeitsbedingungen lässt sich allerdings – bisher – nicht gerichtsfest beweisen. Einer, der für die Aufklärung der Todesfälle kämpft, ist Kim Sung-hwan, Vorsitzender der Arbeiterorganisation Samsung Union Group. 59 stehen bislang auf seiner Liste. Die Verstorbenen waren allesamt Beschäftigte von Samsung und starben an Krebs, häufig Leukämie. 101 weitere Frauen und Männer sind erkrankt. Im Sommer verurteilte ein Gericht den Konzern in zwei von fünf Fällen erstmals zu Entschädigungszahlungen an Hinterbliebene. Doch Samsung bleibt stur und streitet jede Verantwortung ab. "Samsung fürchtet, dass sein sauberes Image befleckt wird, wenn seine Produktion mit Todesfällen in Verbindung gebracht wird", sagt Investment-Manager Kim Sung-hwan. Das könnte im eigenen Land am gesellschaftlichen Status kratzen und Anziehungskraft auf die besten Köpfe des Landes kosten.

Knapp einen Monat nach dem Schadensersatzurteil präsentierte das Unternehmen eine wissenschaftliche Studie der auf Umweltfragen spezialisierten US-Beratungsfirma Environ. Die Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass die Arbeitsbedingungen in Samsungs Fabriken "akzeptierten Standards" entsprächen. Ein Zusammenhang mit den Todesfällen konnte nicht nachgewiesen werden. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung zu der Studie lehnt der Konzern bis heute ab, da darin Betriebsgeheimnisse verraten werden könnten.