Mit Nanotechnik gegen Nebenwirkungen
Neuartige Verfahren sollen Wirkstoffe, die in klinischen Studien eigentlich als unverträglich identifiziert wurden, doch noch nutzbar machen.
Die Entwicklung neuer Medikamente wird seit jeher von einem Problem geplagt: Ein Wirkstoff, der im Labor beeindruckende Ergebnisse zeigt, scheitert in klinischen Versuchen an toxischen Nebenwirkungen. Ein Beispiel ist das Präparat TNP-470. Als es in den Neunzigerjahren getestet wurde, verlängerte es bei einigen Krebspatienten die Lebenserwartung drastisch, bei anderen führte es sogar zu einer vollständigen Rückbildung von Krebs. Doch dann entdeckte man, dass es mitunter auch neurotoxisch wirken kann – woraufhin die klinischen Versuche abgebrochen wurden.
Dank nanomedizinischer Verfahren könnten solche Medikamente eine zweite Chance bekommen. Forscher an der Kinderklinik Boston haben jetzt eine sicherere Version von TNP-470 hergestellt und bereits an Mäusen getestet, berichtet das Technologiemagazin Technology Review in seiner Online-Ausgabe. "Das ist eins der ersten Beispiele, wie Nanotechnik ältere Präparate wieder aufleben lassen kann", sagt Piotr Grodzinski, Leiter des Nanotech-Programms am Nationalen Krebs-Institut der USA.
Im Labor von Judah Folkman hatte man TNP-470 nicht vergessen. Vor einigen Jahren nahm man dort die Forschung an dem Mittel wieder auf. Um die neurotoxische Wirkung zu unterbinden, versahen Mitarbeiter den Wirkstoff mit einem großen Polymer-Molekül. Auf diese Weise konnte der nicht mehr die Blut-Hirn-Schranke passieren. Der Haken dabei: Die neue Formulierung ließ sich nur intravenös verabreichen. Patienten hätten also für eine Therapie mit dem modifizierten TNP-470 immer wieder in die Klinik kommen müssen.
Folkman ermutigte daraufhin seine Mitarbeiterin Ofra Benny, eine neue Formel zu suchen, die oral eingenommen, also geschluckt werden kann. Benny kapselte das Medikament in eine so genannte Mizelle ein. Das ist eine Hohlkugel aus Polymer-Molekülen, die an eine winzige Pusteblume erinnert. Diese neue, Lodamin getaufte Variante testete Benny dann an Mausmodellen von Haut- und Lungenkrebs. Die Ergebnisse, die sie inzwischen in Nature Biotechnology veröffentlicht hat, zeigen: Lodamin wirkt genauso gut wie TNP-470 – aber ohne die toxische Wirkung. Der Grund: In der Nanokugel verborgen, kann der Wirkstoff aus dem Darm in die Blutbahn gelangen. Zuerst erreicht er die Leber, wo sich häufig die ersten Metastasen bilden. Von da aus sammelt er sich in anderen Tumoren an und behindert deren Wachstum.
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(bsc)