ICANN: Wirtschaft verlangt mehr Mitsprache

Die Internationale Handelskammer fordert mehr Einfluss der Unternehmen bei der zentralen Netzverwaltung und spricht sich vorsichtig für eine unabhängige ICANN aus.

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Von
  • Monika Ermert

Die Internationale Handelskammer (ICC) fordert mehr Einfluss der Unternehmen auf die Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN). In ihrem im Rahmen der Debatte um die kĂĽnftige Organisation der privaten Netzverwaltung vorgelegten Positionspapier (PDF-Datei) empfiehlt die ICC-Arbeitsgruppe Internet, Telekommunikationsinfrastruktur und Dienstleistungen eine angemessene "Einbeziehung von Wirtschaftsvertretern aus verschiedenen Branchen".

"Die Weltwirtschaft ist sehr interessiert an der weiteren Entwicklung von ICANN", sagte David Appasamy von der indischen Firma Sify Technologies, der als Co-Vorsitzender der ICC-Arbeitsgruppe fungiert. Er wies laut der Mitteilung auf die zentrale Bedeutung der Stabilität des Domain Name System hin. "Die Mitglieder der ICC bringen gerne ihre Expertise innerhalb von ICANN ein – gerade angesichts der wichtigen Weichenstellung beim Übergang zu einer unabhängigen Organisation mit weltweiter Präsenz". Mit diesem Hinweis stellt sich die ICC sehr vorsichtig auf die Seite derer, die eine von der aktuellen Aufsichtsmacht USA unabhängige private Netzverwaltung wollen.

Im Streit um eine solche Unabhängigkeit hatte die US-Verwaltung kürzlich unterstrichen, dass man ICANN aktuell noch nicht in einer Verfassung sehe, die eine vollständige Privatisierung erlaube. Zudem pocht die US-Regierung darauf, dass man das Herzstück der privaten Netzverwaltung, die für das Management der Rootzone verantwortliche Internet Assigned Numbers Authority (IANA), auf jeden Fall weiterhin unter US-Aufsicht behalten will.

Die Internationale Handelskammer greift in ihrer Stellungnahme eine Befürchtung auf, die insbesondere in den USA auf Seiten von Verwaltung und Wirtschaft als Gegenargument gegen eine vollständige Privatisierung der Netzverwaltung ins Feld geführt wird. So wurde in den vergangenen Jahren wiederholt die Angst vor einer Übernahme der Netzverwaltung durch die Vereinten Nationen geschürt. Bei der ICC heißt es dazu, ICANN müsse im Rahmen seines Übergangsprozesses Sicherheitsmechanismen entwickeln, dass die Organisation nach einer Entlassung in die Unabhängigkeit nicht von einzelnen Regierungen oder multi-lateralen Bürokratien übernommen und dominiert werden könne.

Eine zweite klare Forderung betrifft die Vermeidung einer "Übernahme der ICANN von innen", wie es in der ICC-Position heißt. Es dürfe nicht so sein, dass Partikularinteressen die Organisation dominieren. In dieser Forderung spiegelt sich der schwelende Konflikt zwischen der Registry/Registrarwirtschaft und den Vertretern anderer Unternehmen, etwa großer US-Telekommunikationsanbieter, wieder. Bei Fragen wie der Erweiterung des Namensraumes vertreten die klassischen Großkonzere konservative Positionen. Die Registry/Registrarunternehmen sehen dies als Blockade einer weiteren Marktöffnung durch wenige große Unternehmen und machen sich seit längerem insbesondere für eine Beschränkung des Einflusses der Markeninhaber in der ICANN stark. Im Vorstand der Netzverwaltung kommen derzeit übrigens rund die Hälfte der Direktoren von Unternehmen wie Google, Sify oder IBM.

Auch andere Wirtschaftsverbände, etwa der Verband der Europäischen Netzwerk- und Telekommunikationsbetreiber (ETNO), warnen vor einer möglichen schleichenden Übernahme der ICANN und fordern Gegenmaßnahmen. Bei der ETNO ist man allerdings wesentlich deutlicher in Bezug auf einen klaren Schritt weg von der US-Verwaltung. Solange ICANN nicht selbst die Autorität habe, einmal beschlossene Änderungen in der Rootzone einzutragen, könne man kaum von einer unabhängigen Organisation sprechen. ETNO sieht auch den Standort in den USA nicht als gottgegeben an. Allein historische Argumente sollten einen Umzug in der Zukunft nicht verhindern. (Monika Ermert) / (vbr)