Zensur ist Big Business: Pseudo-Facebook studiert Internet-Freiheit
Ein Harvard-Professor hat in China ein soziales Netzwerk gegründet, um die Netzzensur aus nächster Nähe untersuchen zu können.
Der Harvard-Politologie-Professor Gary King hat in China ein neues Social Network gegründet, um zu untersuchen, wie genau es in dem Land um die Internet-Freiheit steht, berichtet Technology Review in seiner Online-Ausgabe. Das auf Chinesisch angelegte Netzwerk soll ihm als Forschungsinstrument für die chinesische Internet-Zensur dienen. Unter welcher URL das Netz zu erreichen ist, verrät King deshalb nicht – auch um Menschen zu schützen, die an dem Projekt beteiligt sind. Kings Social-Media-Labor unterscheidet sich deutlich von bisherigen Untersuchungen. Die verfolgten bestehende soziale Netzwerke und notierten, welche Statusmeldungen die Zensoren entfernt hatten. Dazu kamen einige seltene Interview mit Leuten, die aktiv an der Zensur beteiligt und bereit waren, Auskunft zu geben.
Mit seinem eigenen Dienst und Untersuchungen etablierter Netzwerke hat King bereits aufgedeckt, dass die chinesische Zensur viel stärker auf automatischen Filtern aufbaut als zuvor angenommen. Mitteilungen von Nutzern werden blockiert, bevor überhaupt die Augen von Verantwortlichen einen Blick darauf werfen können. Besonders pikant: In China ist ein pulsierender, äußerst kapitalistischer Markt für Zensurwerkzeuge entstanden.
In einem parallelen Experiment heuerte Kings Gruppe einige Dutzend Leute an, die 1200 Nachrichten in 100 verschiedenen Netzwerken veröffentlichen sollten. Die Forscher wollten so herausfinden, was zensiert wird. Ergebnis: 60 Prozent der Nachrichten wurden von den Zensurwerkzeugen durchgelassen. Von den Zurückgehaltenen erschienen manche mit ein bis zwei Tagen Verspätung, andere nie. Anhand identischer Nachrichten in verschiedenen Netzwerken konnten die Harvard-Wissenschaftler auch beobachten, welche unterschiedlichen Zensurwerkzeuge eingesetzt werden.
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(bsc)