Dunkle Zukunft

Woher kommt eigentlich die aktuelle Lust am Weltuntergang in der Science-Fiction?

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Woher kommt eigentlich die aktuelle Lust am Weltuntergang in der Science-Fiction?

Ja, ja, ich weiĂź schon: Der arktische Eisschild schmilzt, der Meeresspiegel steigt, die Ozeane versauern und der Permafrost-Boden taut auf. Wer sich Sorgen um die Zukunft machen will, hat seit dem Erscheinen des jĂĽngsten Weltklima-Berichts wieder jede Menge spannenden Lesestoff.

Wir wussten es schon immer: Das nimmt kein gutes Ende mit der Menschheit. Schaut man, was prominente Science-Fiction-Autoren in letzter Zeit in Sachen Zukunft veröffentlicht haben, fällt die Prognose auch nicht besser aus.

Gut, ich habe bisher gedacht, Bücher wie Metro 2033 von Dmitri Glukhovski sind halt ein Ausdruck der etwas depressiven russischen Seele. Aber wenn man sich die aktuellen SF-Bestseller und -Filme so anschaut, scheint das ein globales Phänomen zu sein. Nehmen wir "Silo" von Hugh Howey und die Fortsetzungen „Shift“ und „Dust“. Das ist spannend und macht Spaß zu lesen. Aber es spielt in einer Welt, die von Nano-Maschinen komplett unbewohnbar gemacht worden ist. Und der klägliche Rest der Weltbevölkerung sitzt in 50 unterirdischen Bunkern und gibt sich von Zeit zu Zeit fröhlich aufs Mett. Oder „Elysium“, dieser neue Film von Neill Blomkamp. Auch da ist die Erde zerstört und übervölkert. Dafür war nicht mal ein Krieg nötig. Einfach nur Business as usual. Und die Reichen und Mächtigen haben sich auf eine nette Orbitalstation zurückgezogen, die sie mit Waffengewalt verteidigen. Von der ganzen Zombie-Welle will ich jetzt gar nicht reden.

Woher kommt diese Lust am Weltuntergang? Ist es die unübersichtliche Weltlage? Das Gefühl auf einem sinkenden Schiff zu sitzen, auf dem die Band zwar fröhlich weiterspielt, aber am Schluss saufen doch alle ab? Ist es die vage Ahnung auf Kosten Anderer zu leben? Vielleicht auch ein Stück schlechtes Gewissen? Oder der Wunsch, dass die Welt nach dem großen Knall wieder einfacher und überschaubarer wird? Der vorhin schon erwähnte Hugh Howey hält die Lust am Untergang für ein genetisch festgelegtes Programm. Einige seiner Autoren-Kollegen vermuten zwar eher gesellschaftliche Ursachen, aber im Großen und Ganzen ist auch die Autorenzunft ratlos. Ich bin es zwar eigentlich auch. Was ich aber weiß, ist, dass wirklich gute Science-Fiction die Zukunft nicht einfach linear extrapolieren sollte. Soll heißen: Bloß weil sich die Menschen schon immer an die Gurgel gegangen sind, wenn es eng wurde, müssen sie das in Zukunft nicht auch tun.

Dass ein Weltuntergang auch ganz anders verarbeitet werden kann, als im „Jeder-gegen-Jeden-Modus“ zeigt die Kurzgeschichte, die in diesem Jahr den Hugo Award gewonnen hat. Der Preis ist benannt nach Hugo Gernsback, dem Herausgeber der Zeitschrift Amazing Stories, die das Genre der modernen Science Fiction begründet haben soll. Und wenn man sich die Liste der Preisträger anschaut findet man alle großen Namen: Isaac Asimov natürlich, Arthur C. Clarke, John Brunner und Bruce Sterling - um nur ein paar zu nennen.

2013 hat Ken Liu gewonnen mit „Mono no aware“. Das ist ein japanischer Begriff, der eigentlich ein ästhetisches Konzept beschreibt. Ein Gefühl für die Vergänglichkeit der Welt, und die Schönheit von Momenten, die sich nicht festhalten lassen. Aber die Geschichte ist keine literaturtheoretische Abhandlung. Auch hier steht am Beginn des Plots eine Katastrophe: Ein Meteor droht auf der Erde einzuschlagen. Die großen Raumfahrer-Nationen beschließen, Evakuierungsschiffe zu bauen. Kurz bevor der Meteor einschlägt stellt sich heraus, dass viel zu wenig Schiffe gebaut worden sind, weil Betrüger das Geld für den Bau eingesteckt haben. Was dann passiert? Lesen Sie selbst. Mich hat die Geschichte jedenfalls ein kleines bisschen optimistischer gestimmt. (wst)