Was war. Was wird.
Hal Faber will es wissen, offen und ehrlich, so ganz ohne Jugendschutzfilter, wir sind ja unter Erwachsenen: Wie wichtig ist wohl die Freiheit, also die Option, jemanden spontan und unkontrolliert nach seiner Meinung zu fragen?
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Hallo? Hallo Sie da, darf ich Ihnen eine Frage stellen? Danke, es geht auch ganz schnell. Sie surfen doch in diesem Internetz, ja? Gut, gut, dass ist alles also kein Neuland für Sie. Jetzt die Frage: "Wie wichtig ist Ihnen Freiheit, also die Option, die Möglichkeiten der digitalen Welt ohne Kontrollmechanismen auszuschöpfen?" Ist das äußerst wichtig, sehr wichtig, wichtig, weniger wichtig oder überhaupt nicht wichtig? Und gleich die nächste Frage: "Wie wichtig ist Ihnen Sicherheit, also die Option, die Möglichkeiten der digitalen Welt unter Kontrolle unserer Behörden auszuschöpfen?" Ja und da sind wir schon bei der letzten Frage, wir haben ja nicht ewig Zeit: "Was ist Ihnen persönlich im Zweifelsfall in der digitalen Welt wichtiger: Freiheit oder Sicherheit? Nachfrage: Meinen Sie wirklich Freiheit? Sind Sie überhaupt Deutscher?"
*** Leider hat die Deutsche Telekom ihre via TNS Infratest ausgeführten Fragen anders gestellt. Vielleicht, weil nach der zweiten Frage und der Kontrolle durch Behörden eine dritte Frage fällig gewesen wäre, ob private Firmen wie die Telekom für die Sicherheit sorgen müssten. Vielleicht, weil man sonst nach der Furcht vor der Freiheit hätte fragen müssen, die zur grenzenlosen Unterwerfung unter den Gottkonzern führt. So fragte man "Wie wichtig ist Ihnen Sicherheit, also der Schutz Ihrer Daten vor Angriffen beziehungsweise Missbrauch durch Dritte?" Dass hier die Freiheit und Sicherheit zu jeweils anderen Kategorien gehören, störte die Telekom nicht, der Firmenname laut Impressum stand da wohl schon fest: "Deutsche wollen lieber Sicherheit als Freiheit".
*** So über die Deutschen aufgeklärt, klettert die Telekom auf ihren 2. Cyber Security Summit mit Neelie Kroes und Hans-Peter Friedrich. Journalisten sind diesmal eingeladen, doch spontane Fragen sind nicht erlaubt: "Bitte haben Sie Verständnis, dass der Summit auch Raum für einen vertraulichen Austausch der Teilnehmer untereinander bieten soll. Bitte sehen Sie daher von einer spontanen Ansprache der Teilnehmer bezüglich Interviews ab." Wie wichtig ist wohl die Freiheit, also die Option, jemanden spontan und unkontrolliert nach seiner Meinung zu fragen? Jetzt mal offen und erhlich, auch Ausdrücke wie "Scheiße" sind erlaubt, wir sind ja unter Erwachsenen: Der Jugendschutzfilter der Telekom blockiert heise.de.
*** Wie war das noch damals, mit der Kontrolle durch wachsame Bürger in Zeiten der Rasterfahndung? Horst Herold hat Geburtstag und der Journalist Heribert Prantl besuchte den Mann, der einstmals Deutschlands wichtigster Datenverarbeiter war. Man liest erstaunt von der besten Polizei, die Deutschland jemals hatte und von einem "grundgütig grübelnden weisen alten Herrn", der sich immer noch für Spracherkennung und Handschrift-Prüfung durch den Computer begeistern kann. Mit fünfzehn Computern rasterte der Jubiliar die Bundesrepublik. Ganz so toll war es nicht bestellt mit der "besten Polizei der Welt": "Doch das eine, das entscheidende Spurenblatt aus Erftstadt-Liblar, dort wo Schleyer versteckt gehalten wurde, ging irgendwo verloren, Herolds Computer wurden daher nicht mit diesen Daten gefüttert." Es war ein Fernschreiben, das nicht eingespeichert wurde in die umfassende Rasterung, es war eine Technik, die in diesen Tagen auch Geburtstag feierte. Was nützt das beste Raster, wenn die Daten nicht vollständig sind, etwa von allen Telefon- und Netzteilnehmern vollständig erfasst, wie das die Vorratsdatenspeicherung will. Das bisschen Kreuzrelation, da braucht man keine mächtigen Rechner.
*** Irgendwo im Verteidigungsministerium muss es ihn geben, den Sonderbericht über die besonderen technischen Fähigkeiten, die das durchgetestete ISIS-System der Signalaufklärer der Bundeswehr hat. Derweil ist der noch amtierende Verteidigungsminister de Maizière urplötzlich von den Verträgen zum Euro Hawk überrascht worden, in denen die Tauglichkeit des Gesamtsystems nicht hinreichend genau festgelegt waren. Von wegen Schadensersatz: ein laues Bemühen des Herstellers Northrop Grumman zur Luftfahrtzulassung kann als Lieferung deklariert werden. Ein neues Luftfahrtamt für Zulassungsfragen soll gegründet werden, damit Deutschland die "goldene Ära der Drohnen" nicht verpasst, von der die Frankfurter Allgemeine Zeitung offline schwärmt. Da bietet sich glatt mit DroLuZu ein bundeswehrtauglicher Name an: Drohnen-Luftfahrt-Zulassungstelle. So entgeht man Fettnäpfchen, anders als in Baden-Württemberg, wo die Drohnenfahnder-Spezialisten mit Quax auf einen Namen kamen, der an einen der Lieblingsfilme Adolf Hitlers erinnert. "Die Zwänge der Zeit sollte man bei heutiger Betrachtung vielleicht ausser Acht lassen", heißt es ausgrechnet auf Archive.org zu diesem Propagandilm.
Was wird.
Ohne die Zusammenarbeit von Glenn Greenwald mit dem Guardian hätte die NSA-Affäre womöglich keine Fahrt aufgenommen, ohne die Betriebsamkeit von Greenwald wäre der Hawaiianer Snowden schnell mundtot gemacht worden. So muss man bedauern, dass Greenwald den Guardian verlässt, um eine neue Plattform aufzubauen, für die der Hawaiianer Pierre Omidyar Geld vorschießen will. Noch ist nicht bekannt, wie der Weg vom Philantrop zum Publizitrop aussehen kann, den Citizen Omidyar da mit Greenwald als Frontmann beschreiten will. So darf fröhlich spekuliert werden oder auch nicht. Unterdessen muss man dem Spiegel-Kolumnisten Georg Diez zustimmen, dass den US-Medien wohl der moralische Kompass stiften gegangen ist. "Wie ist denn dieses Gift in die Köpfe von Journalisten gedrungen? Wie können sie in einem freien Land tatsächlich solche Orwell-Sätze schreiben, dass der Staat schon wissen wird, was gut für uns ist? Ist das nur die Angst um die eigene Position, die Angst vor der medialen Herausforderung durch "das Internet"?" Pierre Omidyar scheint offenbar Ähnliches zu denken, wenn er in eine Plattform mit Glenn Greenwald in Rio de Janeiro, Laura Poitras in Berlin und Jeremy Scahill, am Montag in Potsdam 250 Millionen Dollar stecken will.
Montag, Montag, da war doch was? Richtig, in Berlin gibt es die deutsche Premiere des Films Inside Wikileaks – die fünfte Gewalt. Das ist der von Julian Assange vehement abgelehnte Film über die erste, ziemlich heroische Phase von Wikileaks, als Assange noch in einer Disko tanzen konnte. Die fünfte Gewalt, die Omidyar mit der Hilfe von Greenwald und Co installieren möchte, schien damals von Wikileaks auszugehen. Dass es anders kam und der historisch wichtige Assange in eine Botschaft flüchtete, um dort auf die Verjährung der schwedischen Forderungen zu warten, ist sehr bedauerlich. "Held oder Verräter?" fragen die Werbeplakate zum Film in ihren unterschiedlichen Varianten. Die Antwort liegt im Auge des Betrachters. Zu sehen ist die Antwort von Benedikt Cumberbatch auf Julian Assange, der ihn per Mail mit Traktaten aus seinem Cyberpunks-Buch instruieren wollte. Erstaunlich ist, dass es für Wikileaks derzeit kaum ein wichtigeres Thema gibt als dieser Spielfilm und das Road Movie Mediastan.
Noch ein bisschen Freiheit oder ein Schlag Sicherheit, wie hätten Sie es denn gerne? Aber klar doch, sicher ist das ein Politikwechsel, wenn die Opposition plattgemacht werden kann. Was bis jetzt über die künftige Netzpolitik der CDU/CSU bekannt wurde, lässt nichts Gutes bei der Großen Erdrückenden Koalition erahnen, die uns künftig regieren wird. Anscheinend wird alles versucht, damit das Neuland Neuland bleibt, mit einem ebenfalls bleibenden Innenminister, der Datenschützer mit ihren Einwänden bei der Vorratsdatenspeicherung schon mal als Cyber-Separatisten bezeichnet. Damit sind wir wieder am Anfang, bei der Deutschen Telekom, doch ganz ohne Fragebogen. Bei ihr unterhalten sich beim Telegraphen-Lunch Grün und Schwarz über die Zukunft der Netzpolitik. Abwesend die Partei von Siggy Pop, die in der Netzpolitik Flagge zeigen soll. Wahrscheinlich sucht man noch die passenden Wimpel für "Kursänderung". (vbr)