Größte Agenten-Simulation der Welt spiegelt Europa

Acht europäische und ein amerikanisches Forschungsinstitut haben sich im Projekt Eurace zusammengeschlossen, um nicht weniger als die gesamte europäische Wirtschaft im Computer zu simulieren. Das berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe.

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Ein amerikanisches und acht europäische Forschungsinstitute haben sich im Projekt Eurace zusammengeschlossen, um nicht weniger als die gesamte europäische Wirtschaft im Computer zu simulieren. Das berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 2/09 (seit dem 22. 1. am Kiosk oder portokostenfrei online zu bestellen).

Nicht nur der Rechenaufwand dafür ist beeindruckend – das gesamte Projekt läuft auf vierhundert parallel geschalteten „IBM pSeries 575“-Rechnern, die in Oxford stehen. Auch der wissenschaftliche Ansatz unterscheidet sich grundlegend von bisherigen ökonomischen Modellen: Die Simulation basiert auf Software-Agenten, die individuelle Fähigkeiten und Möglichkeiten haben, die Arbeit suchen, miteinander Handel treiben, Geld verdienen, sparen und ausgeben. Deren Verhalten basiert zwar nach wie vor auf vorgegebenen Parametern, doch die stützen sich auf empirische Beobachtungen aus Psychologie und Sozialforschung – und sie können sich im Verlauf einer Simulation ändern.

Wenn die verschiedenen Eurace-Teilbereiche wie Arbeitsmarkt, Kredit- und Finanzwesen wie geplant im Laufe dieses Jahres zusammengeschaltet werden, beherbergen sie insgesamt eine Million Agenten. Damit wäre Eurace nach Angaben des Konsortiums das „bei weitem größte und vollständigste agentenbasierte Modell der Welt“. Durch seine Größe, hoffen die Forscher, sollen auch seltene Phänomene entdeckt werden, die bei kleineren Simulationen unter den Tisch fallen würden. Zudem ermöglicht es die große Zahl der Agenten, die Heterogenität Europas mit all seinen unterschiedlichen Regionen abzubilden. Mit diesem Mega-Modell sollen Fragen geklärt werden, die bislang außerhalb des Horizonts der Wirtschaftsforschung lagen. Herkömmliche ökonomische Modelle betrachten die Wirtschaft nämlich als eine Art Schaukelstuhl, der von irgendetwas – etwa dem Ölpreis-Schock – angestoßen wird und langsam wieder zum Stillstand kommt, wenn Angebot und Nachfrage sich dem Gleichgewicht nähern. Menschen kommen in solchen Modellen nur als Homo oeconomicus vor: Akteure, die topinformiert, rational-eigennützig und – vor allem – alle gleich handeln. Doch diese Modelle können nicht erklären, warum Systeme aus sich heraus Neues entwickeln.

Allerdings gibt es für die agentenbasierten Modelle, anders als für die etablierten makroökonomischen Theorien, noch keine akzeptierten Standardverfahren, um zu testen, ob Ergebnisse durch zufällige Einstellungen bestimmter Parameter verzerrt werden. Ob die agentenbasierte Simulation einmal die herkömmlichen Wirtschaftswissenschaften mit ihren physikalischen Gleichgewichtsmodellen und holzschnittartigen Vorstellungen vom Homo oeconomicus ersetzen wird, ist deshalb noch immer umstritten. Herbert Dawid, Professor für Wirtschaftspolitik und mathematische Wirtschaftsforschung in Bielefeld und innerhalb des Eurace-Projekts für den Teilbereich Arbeitsmärkte und Realwirtschaft zuständig, glaubt zwar nicht an eine Revolution in der Wirtschaftswissenschaft, aber sehr wohl an die praktische Relevanz seiner Forschung: „Bei welcher Art Probleme kann man mit unseren Modellen Einsichten gewinnen und mit den anderen nicht?“: Diese pragmatische Frage hält er für interessanter als einen Methodenstreit. „Es ist gut möglich, dass der herkömmliche Ansatz auf vielen Feldern gar nicht zu schlagen sein wird“, meint auch Cars Hommes von der Universität Amsterdam. „Stattdessen könnten sich aber Politiker und Politikberater an agentenbasierte Modelle halten, um auszutesten, wie sich größere Kurswechsel bemerkbar machen, die weit vom bisherigen Pfad der Politik abweichen“. (Ralf Grötker) / (wst)