4W

Was war. Was wird.

Ach, was soll uns nur all dies Geraune über die "russische Seele" sagen? Wahrscheinlich nur, dass keiner Bescheid weiß, vermutet Hal Faber. Da lassen wir lieber die IFA ihr blutrotes Gewese über uns ausgießen.

vorlesen Druckansicht 65 Kommentare lesen
Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Projekt 2001, Tagebucheintrag vom 29.Mai 1966: "Sowjetischer Luftwaffenattaché zu Besuch bei den Dreharbeiten. Er betrachtete die vielen kleinen beschrifteten Plättchen an den Raumschiff-Konsolen und sagte, ohne mit der Wimper zu zucken: 'Es wird ihnen ja klar sein, dass die alle in Russisch abgefasst sein müssen'." Was Arthur C. Clarke vor 42 (!) Jahren mit Erstaunen notierte, erwies sich später als völlig korrekt: Beim Kampf der Systeme gewannen die Russen das Rennen um eine Arbeitsplattform im Weltall. ХАЛ 9000 lässt grüßen. Und waren sie nicht auch computertechnisch besser drauf, als sie den Сетунь konzipierten?

*** Dieser Tage wird viel über "den Russen" geraunt und über die "russische Seele" gemunkelt. Ein neuer Kalter Krieg wird ausgerufen. Ängstlich fragt ein kopfloses Blatt Wo warst du an einem Dienstag im August?. Zählen wir einmal kurz auf, was auf dem Schachbrett der Geheimdiplomatie rumsteht. Wir haben da Russen, die auf der UN-Resolution 1344 beharren, eine Bundeskanzlerin, die nach Meinung einer Zeitung mit wenigen Großbuchstaben von der russischen Besatzung traumatisiert ist. Ferner eine deutsche Talkshow voller Betonköpfe, komplett mit einem Präsidenten Saakaschwili, der möglichweise ein Signal aus Amerika falsch dechiffriert hat. Das Ganze gratiniert mit dem Käse von Asienexperten, die fortlaufend betonen, dass man den Kosovo nicht mit Freedonia und Sylvania vergleichen kann, eine komplett andere Story.

*** Wo wir beim Film sind und nicht nach Venedig schauen wollen, wo Bradpittclooney sich die Eier kraulen lassen, hier eine Filmsequenz der anderen Art:

"Öffne das Therapie-Modul, ХАЛ!"

"Конечно. Ich fürchte, das kann ich nicht, Dave."

"Öffne das Modul, ich muss meine wöchentliche To-Do-Liste der Depressionen anlegen!"

"Dave, es gibt keinen Grund, deprimiert zu sein."

"Hal, es gibt immer einen Grund. Irgendwas ist ja immer"

Tja, das mit der grundlosen Depression mag in den unendlichen Weiten des Weltraums gelten, wenn man auf dem Weg zum Jupiter ist, doch auf der Erde stellt sich die Sache anders da. Nehmen wir doch die Methode, die sich der listige Herr Hegel (Mark, nicht der Eulenforscher Georg Wilhelm Friedrich) für die Sternenflieger ausgedacht hat und legen eine Liste der Ärgernisse an, die diese Woche mit sich brachte. Beginnen müsste man (wie in der letzten Woche) mit der Datenschutzdiskussion, die seltsame Blüten treibt. Da sprechen sich die Datenschützer gegen ein generelles Datenverkaufsverbot aus, das ihre Schutzarbeit behindert. Gleichzeitig werden die Datenschützer, die den kryptografischen Schutz der kommenden Gesundheitskarte toll finden, dafür verantwortlich gemacht, dass sie mit ihren Warnungen vor dem gläsernen Patienten die Ausgabe der entleerten Karte verhindern.

*** Der bestmögliche Datenschutz auch vor miesen Adressgeschäften ist dann erreicht, wenn Daten nicht vorhanden sind und nicht erhoben werden dürfen. Unter diesem Gesichtspunkt müsste ein Kabinettsbeschluss betrachtet werden, der in dieser Woche ziemlich geräuschlos auf der politischen Bühne den Geburtsklapps auf den Arsch verpasst bekam. Die Bundesgesundheitsministerin U.S. feierte das Gentest"verbot" als Verteidigung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung. Vorderhand liest sich die zentrale Passage des Gesetzentwurfes einfach wunderbar:

"Niemand darf wegen seiner oder der genetischen Eigenschaften einer genetisch verwandten Person, wegen der Vornahme oder Nichtvornahme einer genetischen Untersuchung oder Analyse bei sich oder einer genetisch verwandten Person oder wegen des Ergebnisses einer solchen Untersuchung oder Analyse benachteiligt werden."

Nur der klitzekleine Sonderfall, ein Sonderfällchen, ein minuskelösen Ausnahmequäntchen: Wer Lebensversicherungen über 300.000 Euro abschliesst, bekommt es mit Versicherungsunternehmen zu tun, die seine Gendaten sehen wollen. Wie kommentiert das besagte Ministerin U.S., die Unaussprechliche? "Wenn ich etwas weiß, dann muss ich bei einer hohen Versicherungssumme auch diese Erkenntnis weitergeben." Oha, das ist ja ein ganz wunderbares Selbstunterwerfungsrecht, komplett mit "Experten", die da empfehlen, einfach mehrere kleine Versicherungen abzuschließen. Versicherungsdaten werden niemals gepoolt, ehrlich jetzt. Und die paar Daten, phhhh, wer macht das schon, wer hat da was zu verbergen? Von wegen: Allein die AOKs bewilligen jährlich 400.000 Gentests.

*** Ärgerlich war in dieser Woche auch ein ziemlich verzerrter Bericht über Datenschutz kontra Opferschutz, den ein Polizeireporter aus der Sicht der Polizei produzierte. Die quasi offizielle Stellungnahme seines Senders lässt erahnen, dass man offenbar Datenschutz für preußisches Teufelszeug hält, genau wie die Spinnerei mit dem Kernbereich privater Lebensführung, der in Bayern schon polizeilich ausgewertet werden soll, wenn bloße Anhaltspunkte vorliegen, dass der Kernbereich missbraucht wird.

*** Das mit dem Kernbereich ist übrigens eine ganz famose Sache. Man lese bitte nur diesen Bericht über norddeutsche Staatsschützer: "(S) betätigt Kaffeemaschine und pfeift 'Wind of Change'. (S) murmelt im Schlaf." Leider unverständlich. Werden jetzt die Scorpions für ihren unsäglichen Song nach § 129a verhaftet? Schließlich wird jeder musikliebende Mensch nach diesem Lied ein auffallend verändertes Kommunikationsverhalten an den Tag legen, vulgo schreiend aus der Bude laufen. Sachte, sachte. Beruhigend muss vermerkt werden, wie es im Bericht zum eingeführten Schichtdienst heißt, dass "für jedes verbaute Mikrofon eine Person zur Verfügung steht, um Gespräche live zu betreuen und eine sofortige Abschaltung bei Kernbereichsrelevanz zu ermöglichen". Komplett mit dem Befehl zum "Nachhören". Freuen wir uns auf die Bundespolizei, die, mit dem BKA-Gesetz ermächtigt, das alles besser macht, bei 6 bis 10 Fällen im Jahr. Mit dem 7.Sinn.

*** Ich weiß nicht, ob Google heute mit einem Logo-Spielchen den Geburtstag von Maria Montessori feiert. Bekanntermaßen führen die beiden Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page ihre auf Montessori-Schulen gelernte Experimentierfreudigkeit an, wenn sie nach Gründen für den Erfolg von Google gefragt werden. Die Montessoripädagogik als Fundament des größten Datenmolochs, das ist doch mal ein schönes Beispiel für ternäre Logik. Ja, danke schön auch, Herr Datenmonte, für den gewährten Lizenznachlass, tiefknicks, scharwenzel, scharwenzel.

*** Mit einem anderen Geburtstagskind meinen es die Medien nicht besonders gut. Michael "Moonwalk" Jackson, vielleicht ein Opfer frühkindlicher Erfahrungen, als seine Brüder reihenweise Groupies hatten und er keine Kindheit. Ganz anders geht man mit Madonna um, die ebenfalls 50 Jahre Medienkarriere hinter sich hat. Wo bleibt das Positive? Aber hallo, die Scorpions sind schon über 50. Pfeifen an der Kaffeemaschine? Von wegen, das lässt sich locker toppen. Wir haben schließlich diese Helden einer "Datenantifa", die nach dieser Meldung einen Einbruch OK findet, aber sicher ganz schwer am Jammern ist, wenn bei einer angeordneten "Hausdurchsuchung" eine Computermaus konfisziert wird, ohne die man nicht surfen kann. Die tolle Aktion gegen ein Neonazi-Netzwerk ist peinlicher als eine Nasenoperation von Michael Jackson, nur mit dem Unterschied, dass diese "Datenantifa" sich nicht an die eigene Nase fassen kann, so doof ist sie.

Was wird.

Ah ja, die IFA. Sie färbt gerade den Nachrichtenticker aus der norddeutschen Tifebvene blutrot. 10 Jahre ist es her, da wurde auf der Genfer Sitzung der Internet Socciety der erste Kühlschrank mit einem integrierten Monitor gezeigt. Nun hat Vestel den ersten Geschirrspüler mit dieser Funktion herausgebracht. Das ganze kann, wie in der letzten Wochenschau, von einem hirnrissigen FTD-Artikel begleitet werden, der dafür plädiert, dass auch Frauen auf die IFA dürfen. Schauen wir indes 25 Jahre zurück, waren die Eintrittsregeln auf der IFA toleranter: Als damals BTX in Berlin startete, waren auch Aliens von Alpha Mosaik zugelassen.

Diesen netten Kindersatz vom "Sprung in der Schüssel" konnte man wohl auf der IFA hören, doch in der Zukunft wird er auch anderswo gepflegt. In der nächsten Woche startet die Kongressmesse IT-Trends in der Medizin, natürlich unspannender als die IFA. Niemand wird dort erzählen, dass sich die elektronische Geunsheitskarte im "Basis-Rollout" noch einmal um mehrere Monate verzögert, dank der genialen Urlaubsplanung im BSI, die dafür sorgt, dass wichtige Komponenten bis Ende Oktober nicht getestet werden können. Obwohl das eigentlich schon egal ist. Denn auf Weisung des Bundesgesundheitsministeriums einer gewissen U.S. wird ein Online-Konnektor in das Rollout geworfen, der nur die Versicherten-Stammdaten überprüfen kann. Elektronisches Rezept, elektronischer Arztbrief und andere Pläne darf man getrost knicken, weil die digitale Signatur erst viel später kommen soll. Wir sind Deutschland und zu jedem erhobenen Zeigefinger gehört ein richtiger Leuchtturm mit einem Leuchtturmprojekt, bei dem man das Licht rundum ausmachen muss, damit es ordentlich funzelt. (Hal Faber) / (jk)