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Was war. Was wird.

Die Freiheit vor die Sicherheit stellen: Tja, wer solche Sätze als Motto ausgibt, kann vielleicht doch über Wasser gehen. Hierzulande dürfen wir darauf lange warten, befürchtet Hal Faber. Dafür aber haben wir wenigstens die Zappanale.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Er ist da. Noch ist er nicht über die Wasser gegangen, aber einige Wunder haben sich schon ereignet. Durch Handauflegen aktualisierte er Laptops, ein Lächeln genügte und robots.txt änderte sich. Ein noch größeres Wunder als die Verwandlung von Wein in Wasser war das Erscheinen eines virensicher gemachten Internet Explorer. Zählt man zu diesen Wundern ein paar dringend notwendige Korrekturen wie die Anordnung, Guantánamo Bay zu schließen, Folterungen zu verbieten und die Geheimniskrämerei früherer US-Regierungen zurückzunehmen, so kann der Regierungsantritt von Barack Obama als durchaus gelungen bezeichnet werden. Komplettiert wird das Ganze natürlich von Fidel Castro, dem unzerstörbaren Revolutionsführer, der meint, das Ende von Obamas Amtszeit nicht mehr erleben zu können.

*** Vom ganzen Tamtam der Amtseinführung bleibt eine Bemerkung Obamas haften, den ich gerne deutschen Politikern auf die Bretter tackern würde, die sie vor dem Kopfe tragen. Dass die Gründungsväter Amerikas in schweren Zeiten die Freiheit über die Sicherheit gestellt haben, ist ein Satz, den Innenminister Schäuble nicht verstehen kann. Er hat schon Probleme genug mit Menschen, die Amerika als Unschuldige bezeichnet. Was kann mit der Amtsübernahme besser gefeiert werden als die Revolution im Journalismus, die heute vor 48 Jahren zur ersten modernen Presse-Konferenz mit frei gestellten Fragen führte. Ehe John F. Kennedy dieses Wagnis einging, mussten alle Fragen vorab schriftlich gestellt werden, wie dies heute noch bei einigen Firmen in der IT-Branche gepflegt wird. Kennedy schaffte das höfische Zeremoniell ab – allerdings sprach er die Fragen später mit befreundeten Reportern ab und ließ sich mit witzigen Antworten von professionellen Gagschreibern beliefern.

*** Natürlich darf Tanz und Musike nicht fehlen, wenn der erste schwarze Präsident Amerikas den Dienst aufnimmt. Nein, nicht Howard Carpendales elendes Motivationsgehauche. Das perfekt zu Obama passende Jubiläum am 12. Januar erfuhr erstaunlich wenig Beachtung. Vor fünfzig Jahren gründete Berry Gordy in der prosperierenden Motor Town Detroit mit schlappen 800 Dollar die Tamla Records, aus denen noch im selben Jahr die Motown Records hervorgingen. Die schwarze Musik wurde kommerzialisiert, die Musikproduktion gnadenlos industrialisiert. Heraus kam etwas, das auch für Weiße verständlich davon kündete, das etwas passiert, auch wenn sie das nicht tanzen konnten und an den falschen Stellen klatschten. Und die Erben von Motown machen weiter. Apropos Erben: Ein besondere Glückwunsch geht in diesem Fall an die Arf Society als Veranstalter der Zappanale.

*** Obama hat sein Smartphone, sein White House, seine Musik – und sein Pageranking, letzteres als legitimer Nachfolger von Bush. Er bewegt sich in der Abtreibungsfrage und in der Diskussion um die Stammzellenforschung von Bush weg, während er an der bewährten Praxis des Ausspionierens seines Vorgängers festhalten will. Freiheit und Sicherheit sind doch skalierbar. Obama hat sogar eine Art Waffenstillstand zwischen Israel und der Hamas bekommen, komplett mit dem Beweis, dass Israel seine Gegner nicht vernichten kann. Die Waffen schweigen, aber die Parteien sprechen nicht miteinander. Braucht es jemanden, der von sich überzeugt ist, unfehlbar die Wahrheit in den Gesichtern der Anderen lesen zu können? Der Forscher der Mikroausdrücke glaubt an Menschen, hilft aber beim Bau der besten Video-Überwachungsanlagen, denn auch das ist Amerika: "Aber wir sind ein Technologie-Land. Das unausgesprochene Motto der Amerikaner lautet: Bau mir eine Maschine, sonst bringt das nichts. Das Motto der Israelis lautet: Holt uns die besten Leute, wir geben ihnen das beste Training."

*** Zurück in die heile Welt der Datenverarbeitung. Heile Welt, wenn selbst Microsoft Stellen streichen muss und damit ausgerechnet bei den Programmierern des Flugsimulators beginnt? 26 Jahre konnte die Truppe bei Microsoft arbeiten, der Pakt hielt länger als jede andere Franchise-Vereinbarung der Industrie. Wer erinnert sich noch daran, dass die Geschichte des Flugsimulators mit der Firma Sublogic und dem Apple II begann? Es folgte eine Version für den TRS-80 und seiner Grafik von 128 × 48, die mangels Instrumentendarstellung als "Blindflugraten" in die Computergeschichte einging.

*** Als die PC-Kisten populär wurden, war der auch der Flugsimulator auf dem Höhepunkt seiner Popularität, jedoch nicht als Computerspiel, sondern als Testprogramm. Ein Rechner wie mein erster Apricot-PC, auf dem der Simulator abstürzte, galt als nicht IBM-kompatibel. So bestand das "Testen" in vielen Computerzeitschriften darin, auf der ausgepackten Kiste die "Testdiskette" mit dem Flugsimulator zu starten. Mehr passierte meistens nicht, da schrieb man lieber über das gefällige Logo einer Firma oder dass der Monitor schwenkbar von 0 bis 180 Grad ist. Viele Tester haben ihre Fähigkeiten nicht weiter entwickelt, wie man an den "ersten Testeindrücken" sehen kann, komplett mit Prognosen, dass Windows 7 der Linux-Killer schlechthin sein wird, dank des überarbeiteten User-Interfaces.

*** Im Jahre 2004 zeichneten einige helle Köpfe ein düsteres Bild der Bedrohung des freien Internet durch die Pläne von Google. Daraus entstand ein Video, Epic 2014 genannt, weil für das Jahr 2014 die Weltherrschaft von Google prognostiziert wurde. Nun schreiben wir 2009, das erste Google-Telefon kommt auf den deutschen Markt und die Weltherrschaft des Konzerns ist zum Greifen nahe. Ohne Google-Mail, Maps, die Streetview und das Googlen nach Produkten geht gar nichts. Das Gerät liefert seinen Nutzer auf Gedeih und Verderb dem Cookiemonster Google aus. Ja, das G1 hat einen schicken Bildschirm und eine lustige Rollkugel-Handsteuerung, mit der man sich durch Boschs Garten der Lüste treiben lassen kann: "In der Verwandlung dieser Bilder in schwindelerregende Mikrokosmen manifestiert sich auch die Utopie einer totalen Verdauung, einer totalen Vergoogelung der Welt durch das Internet, dessen elektronische Kutteln sich über alles und jedes stülpen können. Bleibt abzuwarten, wann und wie dieses Organ seine ersten Rülpser produziert." Einen Klingeltonpfurz für das G1 gibt es schon im Android Market.

Was wird.

Niemand anders als Marissa Mayer, das Google Covergirl, hatte als erste ein Google-Telefon angekündigt, angeblich um Google zu den Menschen auf Kontinenten wie Afrika zu bringen, in denen die Internet-Infrastruktur fehlt. Das geschah 2005, auf einem Panel namens "The Next Big Thing" der Burda-Konferenz Digital Lifestyle Day. Auch dieses Jahr findet der Herden-Auftrieb der Internauten vor dem Davoser Weltwirtschaftsforum in München statt. Zur Zeit blökt die Avant-Herde des Web 2.0 aus München und frisst Wiener Schnitzel, doch morgen Mittag ändert sich das alles gründlich. Besagte Marissa Mayer diskutiert beispielsweise mit Monika Wulf-Mathies und Silvana Koch-Mehrin. Die Leitung hat Maria Furtwängler-Burda. Women Power ist das Thema, nicht die Suche nach einem hübschen Doppelnamen für Marissa. Noch schöner klingt das Thema Philanthrocaptitalism, moderiert von einem Matthew Bishop vom Economist. Im Jahre 2006 im Juli hatte der Economist eine sarkastische Titelgeschichte mit Bill Gates als Coverboy, die sich über die "Billanthropy" des Microsoft-Gründers lustig machte. Heute sind das alles nur gute Taten und so kann der gütige Gates in einer Epistel verkünden, dass seine Stiftung im Jahre 2009 noch einmal 3,9 Milliarden Dollar von ihm bekommt. Ja Leute, das schreit doch nach einem "Woodstock für Philokapitalisten" am 15. August!

Wir sind natürlich gute Deutsche. Wir haben Pickelhauben, die kleineren Schwänze und kleineren Autos und freuen uns mächtig auf den 150. Kaisergeburtstag. Das ist nicht der Kaiser mit dem Fußball oder das blaue Werbemännchen von 02, sondern ein IIter, der bis zum letzten Hauch von Roß und Reiter kämpfen lassen wollte – in eeinem unsäglich mörderischen Weltkrieg, in die er seine Untertanen schickte. Wer heute die virtuose Beherrschung des Web 2.0 durch Obama über den grünen Klee lobt, hat schnell vergessen, dass es unserer Kaiser Wilhelm II war, der alle Register im Umgang mit Presse und Öffentlichkeit zog und darum als Medienkaiser berühmt wurde. Ob Beckenbauer, Hitler oder Obama, alle haben sie von ihm lernen können. (Hal Faber) / (jk)