US-Militär setzt im Irak auf neue Informations-Software

Nach zwei Jahren intensiver Programmierarbeit bei der DARPA bekommen die US-Truppen jetzt etwas, das man als Google Maps für den Straßenkampf bezeichnen könnte, berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe.

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Screenshot des Tactical Ground Reporting System. Die blaue Linie stellt eine mögliche Route durch Bagdad dar, rote (interaktive) Icons registrierte "feindliche Aktionen".

Nach zwei Jahren intensiver Programmierarbeit in der DARPA bekommen die US-Truppen jetzt etwas, das man als Google Maps für den Straßenkampf bezeichnen könnte, berichtet Technology Review in seiner Ausgabe 05/08 (seit dem 17.4. am Kiosk oder hier portokostenfrei online zu bestellen).

Die neue Technologie trägt den offiziellen Titel Tactical Ground Reporting System, kurz TIGR und ist eine auf Landkarten basierende Anwendung. Offiziere können das Material vor dem Einsatz nicht nur einsehen, sondern hinterher auch ergänzen. Durch das Anklicken von Icons und Listen können sie die Position von wichtigen Gebäuden wie Moscheen, Schulen und Krankenhäusern herausfinden und Informationen über vergangene Anschläge abrufen. Auch mit GPS-Daten versehene Fotos von Häusern und anderen Gebäuden sowie von verdächtigen Aufrührern sind abrufbar. Die Truppführer können sich sogar Befragungen von Zivilisten anhören.

Das Pentagon spricht schon seit Langem davon, Soldaten mit Informationen stärken zu wollen. Während des Einmarschs in den Irak wurden einige neue Netzwerktechnologien eingesetzt, wenn auch mit gemischten Ergebnissen (siehe TR 11/04). In den USA laufen mehrere Milliarden Dollar teure Forschungsprogramme mit Namen wie Future Combat System. Sie nehmen den Tag vorweg, an dem Flugzeuge, Bodenfahrzeuge, Roboter und Sensoren in Uniformen Massen von Informationen liefern; Software soll sie auswerten, Veränderungen erkennen und Ziele identifizieren. Drahtlose Netze sollen Einheiten verbinden und sogar einzelne Soldaten, die an ihren Helmen kleine Bildschirme befestigt haben. Solche Technologien sind Teil der langfristigen Pläne für "network-centric warfare", netzzentrierte Kriegsführung also.

Gerade die einfachen Soldaten allerdings, die in den gefährlichen Straßen Iraks auf Streife gehen müssen, können von diesen Hightech-Visionen nicht profitieren. Jeden Tag sind im ganzen Land etwa 300 Patrouillen unterwegs. Lange Zeit aber war es für die Truppführer schwierig, digitale Informationen über ihre Routen zu bekommen. "Beim Heer, der Marine und in der Luftwaffe gibt es erstens die Tendenz, Systeme auf eine Plattform hin zu entwickeln – einen bestimmten Panzer oder ein Flugzeug. Zweitens werden sie nur für die höheren Ränge geschaffen", sagt Pat O’Neal, früher Brigadegeneral und heute Berater der DARPA, dessen Sohn derzeit selbst als Soldat im Irak ist. Im Kalten Krieg sei es darum gegangen, Truppen im sehr großen Maßstab zu koordinieren. "Das hat uns nicht gerade geholfen, als wir uns im Irak wiederfanden", sagt der Ex-General, "denn das ist ein sehr feinkörniges Gebiet, eine Stück-für-Stück-Umgebung."

Im Jahr 2005 nahm sich die DARPA in Fort Hood im Bundesstaat Texas dieses Problems an, unterstützt von zurückgekehrten Soldaten des First Brigade Combat Teams. Programmierer aus von der Agentur beauftragten Unternehmen fragten die Heimkehrer, was sie denn in der Ferne hätten brauchen können. Daran beteiligt waren auch Beschäftigte der Beratungsfirma Ascend Intel.

Technisch ist das System nichts besonders aufregend – die Software läuft auf normalen Computern und zapft eine verteilte Datenbank an. Bei der Entwicklung galt es im wesentlichen zwei Herausforderungen zu meistern, die vor allem wegen der lückenhaften Versorgung mit Datenverbindungen im Irak schwierig waren: Verteilte Kopien derselben Datenbank mussten so synchronisiert werden, dass jeder Patrouillenführer sie nach seiner Rückkehr für alle modifizieren kann; und Multimedia-Informationen für die Soldaten mussten so ausgeliefert werden, dass das System dadurch nicht überlastet wurde. Teil der Lösung war ein vorsichtiger Umgang mit Bandbreiten. So wurde zum Beispiel sichergestellt, dass Fotos standardmäßig nur als kleine Vorschau angezeigt werden. Für eine größere Version muss der Soldat sie anklicken – und bekommt nur dann eine Reaktion, wenn die aktuell zur Verfügung stehende Bandbreite das zulässt. (wst)