Was war. Was wird.
Große Koalition? Das klingt mittlerweile wie der Gott-sei-bei-uns aller Netzpolitiker. Was da alles wieder aus der Kiste geholt und schön geschminkt wird, wundert sich Hal Faber. Der neue Sicherheitsstaat hängt eben nicht nur an der NSA.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Lets Dance, damals in den 80ern, mit dem 8080ern, das war schon eine Art Aufbruch. Die wilde Post-Halloween-Geburtstags-PARTY im Wasserturm ist vorüber, der Kopf ernüchtert. Was bleibt, ist die Erinnerung an die seltsame Heise-Nummernrevue, nach US-amerikanischem Vorbild vom Mitarbeiter Nr. 59. Lustige Gespräche mit Nummer 22 und Nummer 2 und dann der Bahnsteig 9 3/4, ab nach Hause. Früher, ja, da hatte Halloween noch was, als dank Eric Raymond die Halloween Leaks die IT-Gemüter und besonders Bill Gates beschäftigten.
*** Zum 30. Geburtstag der c't gab es leider keine Gratulation von Gates, doch eine kleine Ermahnung, die an alle gerichtet ist, die sich von der Informationstechnologie und dem Internet per se eine Verbesserung der Welt erhoffen. So einfach geht das nicht, denn die Welt ist nicht flach und Computer gehören nicht zu den fünf wichtigsten Dingen des Lebens: "Innovation ist eine gute Sache. Die Bedingung für ein menschliches Leben verbessert sich wegen dieser Innovation – wenn man Bioterrorismus und ein paar andere Sachen beiseite lässt. Aber während die Technologie wunderbar ist, verbessert sich nicht das Leben der Menschen, die am bedürftigsten sind, jedenfalls nicht in dem Ausmaße, in dem wir das alle brauchen." Dank der Millionen von Gates ist die Kinderlähmung in Indien ausgerottet, dank des Syrien-Krieges steht sie wieder vor unserer Tür.
*** Ja, ja, so mancher hat Probleme, sich den richtigen Tod auszusuchen. Der gewünschte schnelle Herzinfarkt ist in deinem Land leider nicht verfügbar, erfährt der Held der c't-Geschichte. In den USA ist Bill Lowe gestorben, der IBM-Manager beim Schnellkochprojekt, einen PC zu bauen. Anders als sein Ingenieurskollege Don Estridge und Betriebssystem-Lieferant Bill Gates wird Lowe von den Wikipedantisten ignoriert, da er nur ein Manager war. Neben dem IBM PC hatte Lowe viel Geld in die Produktion des Next-Würfels von Steve Jobs investiert und könnte somit dank Tim Berners-Lee auch zu den vielen Vätern des Internet gehören. Doch diese Welt ist ungerecht: Wer in den Fachbüchern nachschlägt, findet viele kontroverse Einträge über William C. Lowe. Er war als Manager auch dafür verantwortlich, dass IBM die PC-Produktion stoppte und seinen Kunden die PS/2-Reihe verordnete. Sie wurde seinerzeit in der c't mit sanftem Spott empfangen. Sein Nachfolger bei Big Blue war James Cannavino, der uns mit OS/2 und OS/2-User Groups beschenkte.
*** Big Blue? Dieser Tage verlor die Firma endgültig das Rennen um den Auftrag, eine Cloud-Lösung für die CIA zu bauen. Damit sind wir fast schon wieder in der NSA-verseuchten Jetztzeit angelangt, war IBM über viele Jahre hinweg doch ein Haus- und Hoflieferant der Sicherheitsagentur. Vor allem Systeme zur Kryptoanalyse wie etwa Harvest gehörten zum Geschäft. Wer ein Faible für Verschwörungstheorien hat, wird die Geschichte des "Biestes" kennen, jenen von IBM gebauten Nazi-Supercomputer, der irgendwo im tiefsten Schwarzwald stehen soll, damit US-Amerikaner im Sinne der zulässigen Auslandsaufklärung wenigstens nicht von US-amerikanischen Boden aus belauscht werden. Nun erfahren wir tagtäglich Neues von der NSA, dem GCHQ und vom hiesigen Pendant, dem eng kooperierenden BND. Was wir noch nicht erfahren, sind die Namen der Konzerne, die eng mit den Diensten verflochten die nötige Hard- und Software für den "neuen Sicherheitsstaat" liefern. IBM, Oracle oder EMC mögen darunter sein, ebenso Telefonkonzerne. Ein Klick auf die verdienstvolle Website Bugged Planet zeigt die kleinen Krauter an, die sich mit allerlei Tarnung der Beobachtung durch Überwachungskritiker entziehen. Die Großen lässt man laufen. Da ist Google dann aufgebracht, hatte sich aber zuvor mit IBM und Amazon um den CIA-Auftrag beworben.
*** In dieser Woche hat einer der deutschen Journalistenverbände seine Mitglieder und die übrigen 40.000 deutschen Journalisten davor gewarnt Google- und Yahoo-Mail zu benutzen. Es gäbe bessere deutsche Alternativen, deren Namen allerdings nicht genannt werden. Ob es wohl GMX und Web.de sind? Oder T-Online und Vodafone oder Freenet oder, oder ...? Auf den wichtigsten Aspekt, dass Journalisten und Informanten nur verschlüsselt kommunizieren sollten im Sinne einer echten End-to-End-Verschlüsselung, ist besagter Verband gar nicht eingegangen. Das passt zu einer Zeit, in der ein Hollywood-Film über die Anfänge von Wikileaks allen Ernstes suggeriert, dass die Aktivisten in der Binnenkommunikation Skype nutzten. Das macht Assange heute bei seinen werbewirksamen Auftritten. Verschlüsseln tut Not, ist aber kein Allheilmittel, wenn selbst Bügeleisen im WLAN mitlauschen wollen. Was bleibt, ist die Frage, ob Verschlüsseln eigentlich erlaubt ist. Steht derjenige nicht außerhalb der staatlichen Fürsorge und Rechtsgarantien, wenn er dem Staat den Zugang zu seiner Kommunikation in einem Staat verweigert, der das Recht auf eine Privatsphäre nicht in seiner Verfassung oder seinem Grundgesetz verankert hat? Über diese Frage dürfte angesichts der Ziele der Dark-Mail-Allianz auch in Deutschland bald heftig diskutiert werden, zusammen mit der "kurzzeitigen Entschlüsselung" bei De-Mail und "E-Mail made in Germany".
Was wird.
Es ist kein Geheimnis, dass Deutschland eine Große Koalition bekommt, in der eine SPD das bisschen Internetpolitik, das es bisher gab, noch weiter zurückschraubt. Bezeichnend für die Stimmung unter den in der Partei beheimateten NetzpolitikerInnen ist dieser Abschiedsbrief über die abfällige Sicht des Partivorsitzenden Gabriel über Netzaktivisten als Berliner Intellektuelle, die keine Ahnung von den "echten Lebensrealitäten" hätten. Dass sich gerade für viele junge Städter, die gar keine Intellektuelle sind, ein ganz anderes Bild darstellt, zeigt die ganze Verkrustung der Partei, die ihre Wähler verkohlt. Passend uns pünktlich zu Halloween ist daher die schöne Leiche der Vorratsdatenspeicherung aus der Kiste geholt worden und wird nun fesch geschminkt. Vor allem muss ein neues Wort her. Es ist schon Jahre her, dass ein SPD-Minister die Mindestspeicherdauer für die Datenkabotage vorschlug. Geht es nach dem glücklichen BKA-Chef Ziercke (ebenfalls SPD), wird der neue Name auf der Herbsttagung des BKA bekanntgegeben. Die Tagung "beleuchtet das Thema Cybercrime aus phänomenologischer sowie polizeipraktischer Sicht". Vielleicht kommen so die Tage des frühen Internet in Deutschland wieder, als der Phänomenologe Bernhard Waldenfels in seinen Werken das ach so fremde Netz in Schutt und Asche schreiben wollte. Edward Snowden ist übrigens vom BKA nicht eingeladen, allen Ströbeleien zum Trotz. Dafür ist das Blog Netzpolitik mit von der Partie, wenn über "Freiheit im Netz und Cybersicherheit" diskutiert wird.
Ganz ohne Snowden geht es auch in dieser Wochenschau nicht. Denn der gute Mann mit seinem privaten Faktensilo wird gerade zu einer willkommenen Projektionsfläche, etwa für Trendforscher, die goldene Zeiten anbrechen sehen: "Welche Situation wird also am Ende des Weges stehen, wenn alle mal Edward Snowden besucht haben, die deutsche Politik mit der Technologiekompetenz ihrer Bevölkerung spricht und die Technologiekonzerne politische Ansprechpartner bekommen haben, deren Aussagen sie ernst nehmen können, weil sie im Sinne der Bedürfnisse der Kunden sprechen?" Tja, dann schlägt die große Stunde der Analyse und Jubel bricht aus. Kinners, es wird schön die nächsten 30 Jahre, natürlich mit c't! Achwas, da muss man ja keine 30 Jahre warten: "In etwa fünf Jahren wird sich unser Verständnis von Daten weiter verändern. Dann werden unsere Geräte zusätzlich zu den heutigen Bewegdaten auch die Emotionen der Menschen automatisch erkennen und auswerten können. Dann heißt unser Verständnis von Daten: Echtzeitauswertung von statischen Daten + Bewegtdaten + Emotionsdaten." Und wehe, da hinkt ein ewig gestriger Kritiker heran und warnt davor, alles den Computerprogrammen zu überlassen. (jk)