Killer-App verzweifelt gesucht

Das Internet der Dinge ist das nächste große Ding, glaubt man seinen Evangelisten. Was ist da dran?

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Das Internet der Dinge ist das nächste große Ding, glaubt man seinen Evangelisten. Was ist da dran?

Die Wortwahl erinnert frappierend an die Dotcom-Hysterie der späten Neunziger: Die ganze Welt wird sich ändern, kein Stein bleibt auf dem anderen, den Letzten beißen die Hunde. Doch diesmal geht es um weit mehr als um vernetzte Computer – es geht um Alles. Auf der „Internet of Things World“ Ende Oktober in Barcelona rief Cisco-Chef John Chambers wie ein amerikanischer Fernsehprediger die neue Ära der vernetzten Dinge aus. Straßenlaternen, Smartphones, Autos, Überwachungskameras, Hausthermostate, Parkplatzsensoren, Kühlschränke, Kraftwerke, Mülltonnen, Gasdetektoren, Temperaturfühler und U-Bahnen sollen eines Tages miteinander kommunizieren und uns einweben in einziges cyberphysisches Netz. Soweit zumindest die Vision.

Doch es gibt einen zentralen Unterschied zwischen der New Economy und dem Internet der Dinge: Die Dotcoms boomten damals tatsächlich. Einige Online-Läden waren zwar krass überbewertet, aber E-Business und E-Commerce existierten auch jenseits des üblichen Buzzword-Geklingels. Anders beim Internet der Dinge. Hier gab es in Barcelona vor allem große Visionen zu hören, konkrete Anwendungen dagegen weniger. Und wenn doch, hatte man von ihnen schon unter anderen Schlagwörtern gehört: Smart Grid, Intelligentes Haus, Industrie 4.0, Telemedizin, Condition Monitoring, Connected Cars und so weiter.

Fast flehentlich appellierte Moderatorin Inbar Lasser-Raab an die Teilnehmer: „Schauen Sie in ihren Branchen nach, wo es eine Killer-Applikation geben könnte.“ Vielleicht hat sich ja irgendwo noch eine in einer Sofa-Ritze versteckt. Doch ohne Killer-App fehlt der finanzielle Anreiz, ein Netzwerk aus Sensor- und Funkknoten zu finanzieren. Und ohne solche Infrastruktur auch kein Internet der Dinge. Ein klassisches Henne-Ei-Problem also, das schon so mancher Innovation den Garaus gemacht hat.

Die Stadt Barcelona hat beschlossen, in Vorleistung zu gehen. Sie besitzt ein eigenes Glasfasernetz und will darauf jetzt ein Internet der Dinge aufbauen. Zu besichtigen sind heute schon Bushaltestellen mit riesigem Touchscreen und eigenem WLAN-Hotspot, Parkplätze mit in den Asphalt eingelassenen Sensoren oder Mülltonnen mit Füllstands- und Gassensoren. So brauchen die Müllwagen nur noch anrücken, wenn die Tonnen wirklich voll sind oder anfangen zu riechen. Auf Dauer spart man auf diese Weise natürlich Geld. Doch wie viel Geld genau? Und wann amortisiert sich die Investition? Der dafür zuständige stellvertretende Bürgermeister Antoni Vives antwortet darauf mit entwaffnender Nonchalance: „Das macht uns keine Sorgen. Natürlich wird es sich irgendwann bezahlt machen, aber im Moment ist das wichtigste Ziel, unsere Bürger mit Mehrwert zu versorgen.“

Diese Haltung finde ich nicht unsympathisch, aber man muss sie sich auch leisten können. Keine Ahnung, woher Barcelona das Geld hat. Hier in Deutschland jedenfalls ist weniger der fehlende Sensor im Asphalt das Problem, sondern der fehlende Asphalt. In meiner Straße sind jetzt noch nicht alle Frostschäden vom letzten Winter ausgebessert.

Dabei scheint mit, in einem speziellen Bereich ist die Killer-App schon gefunden: bei der Überwachung. Nur will da lieber keiner so laut drüber reden. Natürlich tauchte das Thema Security und Privacy in allen Vorträgen auf – meist in Verbindung mit „challenge“, „big issue“ oder „we have to deal with that“. Nach dem Motto: Es sage uns bitte niemand nach, wir würden das Thema totschweigen. Konkreter wird es allerdings selten. Und wenn doch, dann in einer ganz speziellen Lesart: So berichtet Jason Stark von der Firma AGT International munter von einer nicht genannten Stadt im mittleren Osten, bei der Ende 2014 rund 20.000 Überwachungskameras installiert sein werden, die mit 6 Megabit pro Sekunde Daten streamen, assistiert von hunderten Gesichts- und Nummernschild-Erkennungssystemen. Die Daten fließen petabyteweise in ein virtuelles 3D-Modell der Stadt ein, mit einer Auflösung von rund zehn Metern.

„Dadurch bekommen Sie ein sehr genaues Verständnis davon, was auf den Straßen passiert”, sagte Stark. So kann man es natürlich auch ausdrücken. Ein Konferenzteilnehmer versicherte mir, das Beispiel sei nichts Besonderes – er kenne zahlreiche Städte im arabischen Raum, die längst ähnlich ausgestattet seien.

So wird es wohl aussehen, das künftige Internet der Dinge. Den Leuten, mit denen ich darüber gesprochen habe, war der Stolz auf die technische Lösung deutlich anzumerken – als habe es nie eine NSA-Affäre gegeben. So scheint es fast tröstlich, dass die Branche zumindest in der westlichen Welt immer noch nach einer Killer-App sucht. (grh)