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Was war. Was wird.

Pässe und Doppelpässe, wie sie deutsche Kicker demnächst gegen Norwegen testen wollen, werden auch auf so mancher Konferenz geübt. Sie können misslingen, wenn der Moderator dringend zu einem Abendessen gehen will, beobachtete diese Woche Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ich gebe zu: Bisher wusste ich nicht, dass es Cello-Hoden und Gitarren-Nippel gegeben haben soll. Als ehemaliger Handball-Torwart kannte ich nur gedellte Hoden, die man bekommt, wenn man das Suspensorium vergisst. (Das vergisst man nur einmal.) Nun weiß ich, dass es weder Cello-Hoden noch Gitarren-Nippel gibt. Ob die Wissenschaft sich wirklich intensiv mit dem Cello-Hoden beschäftigt hat, weiß ich immer noch nicht, aber wohl kann ich mir junge Leute vorstellen, deren Weltbild nun kräftig schwankt. Was ist mit dem begabten Jüngling, der Querflötist wurde aus Angst vor dem Cello-Hoden und nun mit seinem Stummelchen dasteht? Was mit den wenigen Gitarristinnen, die die Angst vor dem Gitarren-Nippel überwanden und mit Bands wie Nashville Pussy losrockten? Wie viele Träume junger Menschen wurden so zerstört?

*** Digital, Life Design, auch DLD genannt, ist eine Konferenz, die viel von einem Cello-Hoden hat, weil auf ihr Einbildungen aller Art gefragt sind. Die Süddeutsche Zeitung berichtete von dem im vorigen WWWW erwähnten Auftrieb der digitalen Avant-Herde in München und zitierte ausgerechnet ein Mädchen: "Ich lebe auf Facebook. Alle meine Freunde sind da. Zusammen können wir viel erreichen, Peace and everything." Da ist er, der strahlende Glaube der Jugend, die vom jungen Herzen gekommene Aussage der Lisa Furtwängler. Ihre Familie finanziert dieses DLD und der SZ-Journalist hat nicht die Cojones, ihren Namen zu nennen. Vielleicht wäre er dann im Nu weg von Fenster, in der Isar, an ein Beton-Cello gekettet. DLD, das ist ein deutsch-israelischer Spaß, den sich zwei alte Männer leisten, der Verleger Hubert Burda und Yossi Vardi, der Vater von Arik Vardi. Dieser programmierte den Instant Messanger ICQ, den sein Vater 1998 erfolgreich an AOL verscherbelte. Wer die spezielle Sorte DLD-Spaß nächtens erleben will, sei auf dieses Video verwiesen.

*** DLD startete im Mai 2000 unter dem Titel Cool People in the Hot Desert punktgenau zur Feier des 35. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel. Die von Burda und Vardi konzipierte Veranstaltung sollte eine Mischung aus Präsentationen deutscher wie israelischer Startups sein, komplettiert von einer philosophisch-wissenschaftlichen Konferenz und einem politischen Treffen, das Shimon Peres und sein Peace Technology Fund finanzierte. Schon zum Start gab es Probleme: Wizapp, ein Startup ultra-orthodoxerJuden, an dem Yossi Vardi beteiligt war, verweigerte den Auftritt mit Deutschen, Hi-Tek-Engineering aus dem palästinensichen Ramallah, ein Startup mit Siemens als Investor, wurde als Sicherheitsrisiko ausgeladen. Insgesamt präsentierten 30 Startups, von denen heute offenar noch drei im ursprünglichen Sinne existieren: JustBooks, Desaster und Browzear. Eingeschränkt könnte man noch Ciao nennen, obwohl längst nicht mehr Opinion Community.

*** Fünf Jahre lang wollten Burda und Vardi die Cool People-Konferenz in Israel durchführen und die richtige Mischung aus Startup/Investoren-Laufsteg und Philosophie finden. Doch schon in der letzten Nacht, als Burda und Vardi als Sheiks verkleidet in einem Wüstenlager zu dieser Musik von Shlomo Gromich und des Sheba Choir tanzten, war Schluss. In dieser Nacht lieferten sich Palästinenser und Israelis in Ramallah ein heftiges Gefecht zum 52. Jahrestag der Naqba. Das war das Vorgeplänkel zur Zweiten Intifada. Wir wurden unter verschärften Sicherheitsmaßnahmen zum Flughafen gebracht. Die nächste Konferenz war folgerichtig eine der ersten zum Thema Cyberwar zwischen Israel und Palästina.

*** Die deutsch-israelische Verständigung, getragen von Startups wie Investoren, ist nur noch auf der "hidden agenda" der DLD zu finden. Man findet sie noch, wenn die Startups-Investments der Gründer wie Fring (Vardi) oder Semantinet (Burda) ihren Auftritt haben, doch viel ist nicht mehr geblieben. Jahr für Jahr bevölkern die immergleichen Redner und/oder Moderatoren wie Marissa Meyer, Martin Varsavsky oder Jeff Jarvis, die meistens aus jüdischen Familien stammen, die Podien. Wenn es Ausnahmen gab, wie in diesem Jahr der furiose Auftritt von Nassim Taleb, dann hörten die netzwerkenden Gäste nur noch hin, weil gleich danach der jüdische Bengel Mark Zuckerberg Wunderzahlen aus seinem wunderbaren Facebook präsentiert. Talims Forderungen, gesprochen im Tagungszentrum der Hypovereinsbank, die gesamte Banking-Kamarilla zu feuern, wurde von den Entreprenören nicht begriffen. Die Krise ist noch lange nicht vorbei. Ebensowenig begriff der mit Handschuhen behandelte Mark Zuckerberg, was es mit der Privatsphäre auf sich hat, um die sich Europa so kümmert. Das begriff aber auch der fragende Journalist nicht, der ganz zufällig ein Buch über Facebook schreibt. Schließlich gibt es viel geilere Sachen, etwa wie aus der Datenmasse der Facebook-Nutzer ein Barometer des Befindens zu destillieren. Wer einen schlechten Tag erwischt hat, bekommt dann "Happy News" vom Cello-Hoden zur Aufmunterung. In welcher Stimmung diese Nachricht über die negative "Legal- und Sozialprognose" eines bekannten Anwalts erheitern kann, überlasse ich den Lesern dieser Wochenschau.

*** Die heißeste Nachricht des DLD produzierte übrigens Mike Arrington, wie Robert Basic ein ausgebrannter Blogger, der sein Techcrunch verhökern will und nach der DLD-Buschtrommel nur schlechte Angebote bekam. Auf dem Podium glänzte er mit Sottisen gegen Journalisten, bei der Abfahrt ins Hotel wurde er nach eigener Darstellung bespuckt. Das Kuriose an der Tat: Obwohl beim DLD jeder laufend über jeden twitterte, das Bankgebäude von Sicherheitskräften umstellt und von Videokameras überwacht wird, hat niemand sonst den Angriff auf Arrington gesehen. Traditionell gilt in der Branche die Torte als Protestmittel, oder auch das Ei, wenn der Geek keine Torte gebacken kriegt. Aber Spucke kann sich jedes Startup leisten. Wie ein Schuh draus wird (den man nicht werfen soll), demonstrierten prompt die einschlägigen Kommentatoren, die sich anschleimen und jedes harte Wort bitterlich bereuen.

*** Eine Konferenz weiter, in Davos, auf einer Veranstaltung, die von einem Tross größenwahnsinniger Manager produziert wird, wollte der Moderator David Ignatius unbedingt pünktlich beim Abendessen sein. Er provozierte damit den Türken Erdogan, der auf den Israeli Peres antworten wollte. Prompt katapultierte dies Davos in den Mittelpunkt der laufenden Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und Israelis. Seit der zweiten Intifada hat sich wenig verändert. Den Blödsinn von Davos I-tüpfelnd schaffte ein deutscher Journalist mit der Forderung nach Arbeitslosenorchestern. Das steht in einem Blatt, dass sich schon mal über die Berechnung von Kindern in Hartz-IV-Familien mit der Bemerkung mokiert, ob denn die Kleinen Instrumente bräuchten.

Was wird.

Selten verweise ich auf tagesaktuelle Sachen, doch der Tatort "Kassensturz" heute abend darf die Ausnahme sein. Er wurde produziert, als die Überwachung von Mitarbeitern bei Lidl bekannt wurde. Szenen mussten noch einmal gedreht werden, weil die Wirklichkeit dem Film voraus war. Dazu genieße man einen Wein und die Jahresbilanz (PDF-Datei) des Bundesarbeitsgerichtes. Hier findet sich nicht nur viel Erhellendes zum Fall Lidl, sondern auch zu weiteren Fällen, die uns 2009 begleiten werden: Ob betriebliche E-Mail-Adressen, die Namen und Vornamen des Mitarbeiters enthalten gegen den Datenschutz verstoßen, soll höchstrichterlich entschieden werden. Also: Hal.Faber@heise.de geht gar nicht, während Bussibär@heise.de ausreichend die Person schützt.

Wie wäre es mit 20er@dfb.de? Schließlich lesen wir, dass ein gestandener Funktionär für die UEFA kandidiert. Wer international reüssieren will,muss sich modern zeigen und so lesen wir ergänzend, dass der DFB für die Zukunft sich die Voraussetzungen geschaffen hat, um sich im Internet besser währen zu können. Wer jetzt die große Freistoßmauer gegen freie Meinungen über Demagogen und Demeleen erwartet, muss enttäuscht werden. Ganz schlicht sagt die Pressestelle, dass man im Internet Blogs und Diskussionsplattformen einrichten will. Ob auf ihnen die Kritiker plattgemacht werden, überlasse man den guten Deutschen, denn bekanntlich ist Fußball ein Volkssport. Und wenn es Verletzte gibt, dann kommen sie in eine schicke Datenbank. Wenn Deutschland gegen Norwegen antritt, wird offiziell die "Fußballdatenbank Nationalmannschaften" ans Netz gehen. Wen der Name verwirrt: Das ist eine zentral geführte Gesundheitsakte aller Leistungskicker, auf die die vernetzten Trainer, Ärzte, Physiotherapeuten und Betreuer zugreifen können. Vom erlaubten Dope bis zum verrenkten Knorpel wird sie alles enthalten, was die Kickerkörper unserer Besten plagt. Auch die Balltreter sollen zugreifen können, natürlich nur, wenn Gesundheitskarte und Heilberufsausweis gesteckt sind. Und alles ist so sicher wie ein Sieg gegen Norwegen.

Zum guten Schluss sei noch der Hinweis erlaubt, dass am Donnerstag der Freitag beginnt, im Journalismus mit Pass und Doppelpass zu experimentieren, wie Heise-Forums-Liebhaber das von ihrem Lieblingstreff im Internet her kennen. Das seit vielen Jahren geschätzte Blatt versucht so, die Auflage ohne Meldungen vom Cello-Hoden zu erhöhen. Die Blogwerker von der aasigen Medienlese meinen ja, wir hätten's nötig – und geben allen Lesern Tipps, warum dieser kleine Nachrichtenticker so erfolgreich ist. (Hal Faber) / (anw)