Irrungen und Wirrungen des Geo-Engineering

Britische Wissenschaftler haben eine vergleichende Studie zur Klimawirksamkeit großtechnischer Verfahren zur Eindämmung des Treibhauseffekts vorgelegt - und erteilen der sogenannten Meeresdüngung eine klare Absage.

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Von
  • Richard Sietmann

Schematische Darstellung der untersuchten Geo-Engineering-Konzepte

(Bild: Vaughan and Lenton)

Nach den Wirtschaftslenkern drehen inzwischen auch einige Klimaschützer ein immer größeres Rad. Vor zwei Jahren rechnete Nobelpreisträger Paul Crutzen vor, dass zur Abwehr des Treibhauseffektes 1,5 Millionen Tonnen winziger Schwefeldioxid-Partikel in der Stratosphäre als Schatten für die überhitzte Erde ausreichen würden, den Klimawandel zu stoppen. In diesen Tagen schlug der Streit um die Eisensulfatdüngung des Meeres Wellen, zu der das deutsche Forschungsschiff Polarstern das LOHAFEX-Experiment im Südatlantik durchführt – ein Experiment, das Bundesforschungsministerin Annette Schavan als "Grundlagenforschung zum Verständnis der Wechselwirkungen zwischen der Atmosphäre und dem Ozean im globalen Kohlenstoffkreislauf" verteidigt. "Befürchtungen über einen Einstieg in das Geo-Engineering", so die Theologin an der Spitze des Forschungsministeriums, "sind unberechtigt".

Jetzt haben Forscher der englischen University of East Anglia (UEA) erstmals eine quantitativ vergleichende Untersuchung verschiedener Konzepte des Geo-Engineerings durchgeführt. In ihrer in der Wissenschaftszeitschrift Atmospheric Chemistry and Physics Discussions (ACPD) veröffentlichten Studie kommen sie zu dem Schluss, dass kurzfristig bis zum Jahr 2050 nur das Ausbringen von Aerosolen in die Stratosphäre über die Reflektion des Sonnenlichts einen hinreichend großen Effekt hätte, um das aus den Fugen geratende Strahlungsgleichgewicht der Erde wieder ins Lot und auf ein vorindustrielles Niveau zurückzubringen. Dieser Ansatz sei aber mit großen Risiken verbunden, weil jede Störung oder Unterbrechung der Aerosol-"Impfung" abrupte Sprünge der Temperaturen auf der Erde zur Folge hätte.

Weniger riskant seien die Ansätze, der Atmosphäre das Kohlendioxid zu entziehen. Keine Chancen geben die Studienautoren in diesem Zusammenhang jedoch der Meeresdüngung. Weil sich hierbei die Klimawirkungen in der erforderlichen Größenordnung erst über einen Zeitraum von etlichen Jahrhunderten einstellen würden, halten sie das jüngst entflammte Forschungsinteresse an diesem Zweig des Geo-Engineering mit britischem Understatement für "etwas fehlgeleitet".

Langfristig das größte Potenzial hätten ihrer Analyse zufolge Vermeidungsstrategien in Verbindung mit der Kohlendioxidspeicherung unter der Erde. Die "CO2-Sequestrierung", auch "Carbon Capture and Storage" (CCS) genannt, war eine besonders von der US-Regierung unter George W. Bush favorisierte Alternative zu Strategien eines sparsameren Energieeinsatzes. Zu der günstigen Prognose, mit der CCS bis zum Jahr 2100 wieder ein vorindustrielles CO2-Niveau in der Atmosphäre erreichen zu können, gelangen die britischen Forscher jedoch nur, weil sie in ihrer Untersuchung als Vergleichsmaßstab lediglich die Effizienz zur Beeinflussung des Strahlungsgleichgewichts der Erde heranziehen – die Frage, welchen Stauraum die weltweiten Massenströme von jährlich knapp 9 Milliarden Tonnen anthropogen erzeugten Kohlendioxids bei der unterirdischen Speicherung in Kavernen benötigen würden, zogen sie nicht in Betracht. Eher noch als ein klimarelevanter Anteil des Treibhausgases dürfte deshalb wohl das CCS-Entsorgungskonzept, einschließlich der hineingesteckten Fördermittel, begraben werden. (Richard Sietmann) / (pmz)