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Was war. Was wird.

Der Vorhang zu und alle Fragen offen? Oder sind wir doch Gefangene einer "sogenannten Technologie"? Ach was, die CeBIT geht zu Ende: "Such dir selbst den Schluss! Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!", greift Hal Faber zu einem Zitat.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** We are prisoners in a fantasy world built of incompatible pieces and broken dreams; and this is called "technology", so nobody questions it. (Ted Nelson)

*** STÖHN!, Frauentag! STÖHN!, noch einen Tag CeBIT! KREISCH!, am Heise-Stand werden alle Rekorde gebrochen und Geeks wie Grrls zu abonnemontlüsternen LeserInnen. Ich begrüße mit diesem Link alle neue Abonnenten, die als Tickerleser den Sprung in die analoge Welt gewagt haben. Ein feiner Zug, auch wenn die Technologie, der wir anhängen, der komplette Irrsinn ist.

*** Gut, manche werden von der Messe geflohen sein wie der zur CeBIT als Covergator-Ambassador gekürte Marco Börries, nur nicht mit 300 km/h. Ja, die Sonne lacht zum Wochenende und die Welt kann so schön sein, wenn, ja wenn sich nicht auch die Sauertöpfe aus dem Mutterland des Sauerkrauts der Messe hingeben und so stumpfsinnig auf die IT gucken wie deutsche Popfans auf Kiki Dee:

When something gets in my way I go round it.
Don't let life get me down.
Gonna take life the way that I found it.
(Kiki Dee / Tobias Boshell)

*** Vielleicht sollte man den messigen Beuteltieren die kuschelige Rundumbrille verpassen, damit sie wirklich nichts mitbekommen. Das Verständnis für die IT-Branche, die im Zeichen der Krise einen ganzen Schritt ernsthafter geworden ist, gewinnt man eh nicht durch das Tütensammeln und das Gucken auf die tollen E-Book-Reader, die PDF-Dateien und andere mehr proprietäre Formate anzeigen.

An Acrobat file is a data lump /.../ Adobe has convinced the world – even lawyers – that this typesetting lump is the most appropriate form in which to store and read documents – a remarkable context switch. (Ted Nelson)

*** Während der CeBIT ist es nicht falsch, ein Buch im Tornister zu haben, um in einem Päuschen lesend Abstand zu dem Zirkus finden zu können. Denn selbst ein überdrehter Gag-Schreiber kann sich nicht das ausdenken, was die IT-Szene so produziert. Nehmen wir nur Skyla, die Prosumer-Marke der Brennerbauer von Lite-On. Scilla soll sie ausgesprochen werden, wurde die Presse belehrt, weil das Wort in einer unbekannten Sprache die "Schönheit und Wärme des Frühlings" bezeichnet. Kulturtechnisch Behinderte werden eher Skylla assoziieren, eine ungemütliche Frau mit Hundeköpfen und -füßen. Ganz so falsch ist das nicht, bekamen doch Kollegen auf der Pressekonferenz einen digitalen Fotorahmen von Hewlett Packard (gefertigt von Lite-On) als Präsent und durften mit den Hunden heulen.

*** Im schönen Frühling der norddeutschen Tiefebene hatte ich 1989 als CeBIT-Lektüre "Who's Afraid of Big Blue" des damaligen Apple-Evangelisten Regis McKenna dabei, der den Aufstieg von Apple zum Weltkonzern prophezeihte. Ähem. Diesmal war Geeks bearing Gifts von Ted Nelson dabei. Und ich erwähne nun 1989, weil vor 20 Jahren im CeBIT-Märzen Tim Berners-Lee etwas Zeit über hatte, ein epochales Dokument zu schreiben. 260 Jahre, nachdem der anglo-irische Schriftsteller Jonathan Swift den Iren den bescheidenen Vorschlag machte, doch einfach ihre Kinder in Zeiten des Hungers zu essen, machte sich der Brite Berners-Lee daran, die Papierkultur zu pulverisieren. Er schrieb in jenen lustigen Märztagen Information Management. A Proposal, gewissermaßen den Urtext zum World Wide Web. Ende März las sein Chef Mike Sendall den Vorschlag und kommentierte ihn mit Vague, but exciting .... Das bringt uns zurück zu Ted Nelson, dessen Xanadu-Projekt in einer Fußnote von Berners-Lee als NEL67 referenziert wird. In seinem neuen Buch findet sich das bittere Urteil zum World Wide Web:

But its rough an beguiling simplicity pushes dozens of problems into the laps of users and creates a maintenance nightmare, resulting in the Content Management industry and millions of broken links. (Ted Nelson)

Das Web mag in den Augen eines solchen Vordenkers ein furchtbar platter Rückschritt gewesen sein, der uns in ein dunkles Zeitalter geworfen hat, in dem Ratten die Überreste verhungerter Genies wie Nathan Stubblefield fressen, der das Mobiltelefon erfunden haben soll. Logisch wird diese Erzählung damit fortgesetzt, dass Genies wie Douglas Engelbart mit seiner Maus und Ted Nelson mit der Zurück-Schaltfläche a.k.a. Back Button verkannt werden. Wir leben in einer Periode, in der die Ökonomie zusammenbricht, die Texte im Gefängnis proprietärer Formate stecken und der politische Wille von Technologien abhängig ist, die eine Handvoll Ingenieure verstehen und eifersüchtig schützen.

*** In dieser Hinsicht ist das Urteil zu den verfassungswidrigen Wahlmaschinen ein seltener Lichtblick, der die gesamte CeBIT überstrahlte: Baut Maschinen, baut Computer mit offen überprüfbarer Software, die transparent die Wahl begleiten und das Recht auf freie, gleiche und anonyme Wahlen sichern. Proprietärer Murks darf keine Chancen haben und das Prinzip der Öffentlichkeit der Wahl muss auch von der Technik abgebildet werden. Wer die Dauer-Debatte um die Wahlmaschinen kennt, darf noch einen anderen Aspekt des Urteils begrüßen: TINA ist tot! All die Argumente, dass es zu solchen Maschinen keine Alternative gäbe, sind hinfällig. Wenn die Technologie keine kontrollierbare Systeme schaffen kann, ist es besser, sie zu ignorieren.

The electronic voting machine is best understood as a video game programmed to look like a democratic input device. In the future we may never know the true vote count, just what some hidden technician tells these machines to report. (Ted Nelson)

*** In seinem Buch erinnert Ted Nelson übrigens daran, dass die berühmte Formel WYSIWYG – What you see is what you get – von Flip Wilson geprägt wurde, einem Komiker, der sich passend zum kämpferischen Frauentag in Frauenkleidern Geraldine nannte und auf Männerfang ging, komplett mit den plattesten Blondinenwitzen. Das, was man bekommt, ist genau das, was man im Transvestiten-Fummel gesehen hat – oder was man selbst hat sehen wollen. Das gilt auch für das CeBIT-Messethema schlechthin, das seit Donnerstag jedes Gespräch beherrschte: Jörg Tauss, der deutsche Internet-Politiker, der Kämpfer gegen 2500 und mehr Online-Durchsuchungen im Jahr, das Bollwerk gegen die lächerlichen Kinderporno-Sperren von der Leyens – ein Kinderporno-Konsument? In dem Fall gibt es Seltsamkeiten wie die Real-Time-Berichterstattung eines Hamburger Verlages, aber auch die Angaben der Staatsanwaltschaft, dass man einschlägiges Bildmaterial außerhalb von Rechnern und Computern gefunden habe. Sollte dieses Material wirklich zur Arbeit eines vielbeschäftigten Politikers gehören, müsste dieser, wie Journalisten auch, zumindest eine andere Instanz über seine Aktivitäten informieren und sich absichern. Es gehört zur berühmten Ironie der Geschichte, dass Jörg Tauss offenbar für die deutsche Ausgabe der öffentlichen Politiker-Profile vorgesehen war, mit denen Facebook sein Mantra vom Sharing & Caring verbreiten will. Wir kriegen, was wir sehen.

Was wird.

No one can argue: We must fight terrorism, child pornography, money laundering and drugs. These are the so-called "four horsemen of the Internet", and tend to put an end to any discussion of freedom or privacy. (Ted Nelson)

Die vier apokalyptischen Reiter jagen vorbei und immer quer durch die Nachrichten. Es gibt so viele Zwischentöne, die durch die dröhnenden Geräusche dieser Reiter-Themen kein Gehör finden. Jede Zensur-Bestrebung im Internet, die etwas auf sich hält, lässt einen oder zwei oder gleich alle Reiter auf die Kritiker los. Aus diesem Grunde sei auf den Welttag der Internet-Zensur verwiesen, den die Journalisten-Organisation ROG/RSF veranstaltet. Am Donnerstag wird darum eine Liste der "Feinde des Internet" veröffentlicht. Sie ist nichts für Knüller (die in Deutschland nur 6 Prozent ausmachen), aber auch nicht eine ganze Rolle (die in Deutschland 1000 Blatt enthalten kann). Beschissen genug ist es so oder so.

When something gets in my way I go round it.[br Don't let life get me down.
Gonna take life the way that I found it.
anonymer Router

(Hal Faber) / (jk)