IBC: DVB-T2, Super Hi-Vision und 3D in HD-Qualität

Neben der Vorstellung der neuesten Geräte für den Produktionsalltag gab die Fernseh- und Filmmesse IBC2008 auch Ausblicke auf die nahe und ferne TV-Zukunft.

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Am heutigen Dienstag geht in Amsterdam mit der IBC2008 die weltweit zweitgrößte Messe für die professionelle Medienbranche zu Ende. Neben dem Frühjahrs-Pendant NAB ist das Amsterdamer Messezentrum RAI im Herbst Treffpunkt für die Geräteproduzenten und ihre Abnehmer bei den Fernsehanstalten und Produktionsfirmen. Außer der Vorstellung der neuesten Geräte für den Produktionsalltag – also zunehmend HDTV-Equipment – gibt es auf der IBC auch Ausblicke auf die Zukunft der Film- und Fernsehproduktion. In diesem Jahr wurden mit Präsentationen zu den Themen DVB-T2, Super Hi-Vision und 3D-HD-Übertragungen Sende- und Aufzeichnungsstandards sowohl für die nahe als auch für die fernere Zukunft vorgestellt.

Am ausgereiftesten präsentierte sich dabei DVB-T2, der Nachfolger für die vor wenigen Jahre erst eingeführte digitale terrestrische Übertragung DVB-T. Durch eine bessere Frequenzausnutzung und die Verwendung des effizienteren Kompressionsformat MPEG-4 AVC (H.264) anstatt des bisherigen MPEG-2-Verfahrens kann das Nachfolgesystem mindestens 30 Prozent höhere Datenkapazitäten bewältigen und taugt daher besser für HDTV-Übertragung als der Vorgänger. Nach Einschätzung des DVB-Projekts eignet sich DVB-T2 aber nicht zur Neueinführung von digitaler terrestrischer Übertragung in bisher analog versorgten Gebieten, weil mit der neuen Technik zunächst recht hohe Gerätepreise zu erwarten sind. Entgegen der abrupten Umstellung beim Übergang von analoger zu digitaler Technik rechnet das DVB-Projekt mit einem fließenden Übergang von DVB-T zu -T2 durch die allmähliche Erneuerung des Receiver-Bestandes der Konsumenten, wie es momentan auch bei DVB-S2 geschieht. Der endgültige Normen-Vorschlag für DVB-T2 wurde Ende Juni veröffentlicht und soll noch in diesem Jahr zum ETSI-Standard (European Telecommunications Standards Institute) werden.

Auf der IBC2008 bewerkstelligte die BBC die erste öffentliche Präsentation einer HD-Übertragung via DVB-T2, die beispielsweise mit dem von Pace gezeigten Prototyp eines DVB-T2-Receivers mit Tuner- und Demodulatorchips von NXP Semiconductors zu empfangen wäre. In Großbritannien ist der DVB-T2-Start für 2010 anvisiert, erste konkrete Umstellungen hat die britische Regulierungsbehörde Ofcom für Ende 2009 angekündigt. Dabei soll einer von sechs DVB-T Multiplexen mit drei Kanälen auf DVB-T2 und HD-Programme umgestellt werden. Aus BBC-Kreisen verlautete allerdings, 2010 sei wahrscheinlicher, da die Betreiber der DVB-T-Sendeanlagen Kapazitätsprobleme hätten.

Während man in Deutschland bisher nur die vier HDTV-Kanäle Premiere HD, Discovery HD, Arte HD und Anixe HD empfangen kann, erhielt man in Amsterdam schon an mehreren Ständen und im großen Projektionssaal einen Einblick in die ultrahochaufgelöste Videozukunft. Die Studie des japanischen Senders NHK namens Super Hi-Vision" (SHV) hat eine Auflösung von 7680 × 4320 Pixeln (33 Megapixel), im 16:9-Bildformat werden 60 Bilder/s inklusive 22.2-Mehrkanalton übertragen – wohl eher etwas für Digitalkinos als für Fernsehübertragungen. NHK zeigte Super Hi-Vision zwar schon früher, doch wurden die Signale auf der IBC2008 erstmals über eine Internet- und eine Satellitenübertragung eingespeist. Die Internetübertragung erfolgte live aus London, wo die BBC in der City Hall eine neu konzipierte Kamera mit 8K-Auflösung und einem SHV-Kamerachip installierte. Um den Signaltransport kümmerten sich Siemens IT Solutions and Services und Cable&Wireless, die dafür eigene Glasfaserleitungen mit 1 GBit/s Durchsatz nutzten. Das Satellitensignal kam aus Turin über zwei gebündelte Eutelsat-Kanäle.

Mit der Markteinführung von Super Hi-Vision rechnen selbst Optimisten frühestens in zehn Jahren, da noch viel Entwicklungsarbeit nötig sei, bis das Verfahren wirklich alltagstauglich wird. Für ihre Leistungen erhielt das Entwicklungsteam von Super Hi-Vision zwar einen Excellence Award der IBC, aber in der Branche fragt man sich nach der schleppenden Einführung von HDTV und der Blu-ray Disc, ob Zuschauer und Käufer wirklich ein Bedürfnis nach noch höherer Auflösung verspüren oder ob ein Zukunftssystem nicht viel mehr weitere Attraktionen bieten muss, etwa ein dreidimensionales Seherlebnis.

Passend dazu wartete die IBC mit der ersten transatlantischen HD-Übertragung in 3D auf. Live aus den DreamWorks Animation Studios in Glendale war CEO Jeffrey Katzenberg zugeschaltet. Der als 3D-Enthusiast geltende DreamWorks-CEO verkündete kurzerhand: "In absehbarer Zeit wird man alle Spielfilme in 3D produzieren [...] 2D-Filme werden der Vergangenheit angehören."

Schon im Vorfeld der Veranstaltung hatte Katzenberg erklärt, dass dies zurzeit die aufregendste Phase seines Lebens sei und am Sonntag zeigte er dann 3D-Ausschnitte aus den DreamWorks-Produktionen "Kung Fu Panda" und "Monsters Versus Aliens". Zusätzlich berichtete Katzenberg davon, dass DreamWorks zusammen mit dem Brillenhersteller Luxottica and Oakley an einer Kombination von Sonnenbrille und 3D-Adapter arbeitet, so dass zumindest eingefleischte Kalifornier beim Kinobesuch keine 3D-Brille mehr ausleihen müssen. Auch wenn sich dieser Modetrend wohl nicht im meistens grauverhangenen Mitteleuropa durchsetzen wird, so könnte die geballte Macht der dreidimensionalen Filme vielleicht dass Henne-Ei-Problem des Digitalkinos lösen. Die neuen 3D-Werke lassen sich nämlich nur in Kinosälen mit spezieller digitaler Projektion vorführen, wodurch es bei einem durchschlagenden Erfolg des neuen Genres zu einer allgemeinen Umrüstung der Kinos käme. (Georg Immich) / (vza)