Software-Schizophrenie
Praktisch alle Smartphones liefern mittlerweile hochgenaue GPS-Daten. Doch einige Hersteller von Karten-Apps sabotieren die GPS-Ortung offenbar bewusst – um an mehr Nutzerdaten heranzukommen.
Praktisch alle Smartphones liefern mittlerweile hochgenaue GPS-Daten. Doch einige Hersteller von Karten-Apps sabotieren die GPS-Ortung offenbar bewusst – um an mehr Nutzerdaten heranzukommen.
Eigentlich bin ich ja ganz zufrieden mit meinem neuen Android-Smartphone. Nur eines nervt: Es braucht ewig und drei Tage, um sich per GPS zu orten. Wenn ich ihm aber erlaube, auch Funknetze zur Standortbestimmung zu benutzen, geht auf einmal alles ganz schnell: Schwuppdiwupp, schon steht das Kreuz auf der Karte.
Sind die in Handys verbauten GPS-Empfänger immer noch so schlecht wie bei meinem alten Nokia-Knochen? Oder ist die Lokalisierung per Funknetz zumindest in Städten per se die bessere Lösung? Damit würde ich mich nur ungern abfinden, denn wenn ich die Funkortung erlaube, sendet das Handy automatisch meine Standortdaten an Google-Server. Angeblich zwar anonymisiert, aber ich möchte trotzdem möglichst wenig mit Daten um mich werfen.
Um dem GPS-Empfänger mal auf den Zahn zu fühlen, habe ich einen kleinen Spaziergang zum Neuen Rathaus in Hannover gemacht. Dort gibt es neuerdings einen GPS-Referenzpunkt, der die Bogenminute auf fünf Nachkommastellen genau angibt. Und siehe da: Wenn ich etwa bei der App „MapFactor Navigator“ auf „GPS Info“ tippe, bekomme ich die Koordinaten bis auf wenige Meter genau angezeigt. Viel genauer ist mein Garmin Etrex auch nicht (dafür aber immer noch deutlich schneller).
Laut Positionskreuz auf der Karte wähnte mich die Navigator-App aber fast noch in einem anderen Stadtteil. Ein klarer Fall von Software-Schizophrenie: Eigentlich weiß die App ganz genau, wo sie ist, aber irgendwie dringt das nicht ganz bei ihr durch.
Nicht ganz so weit daneben lag die vorinstallierte Karten-App von Google. Aber auch sie nimmt die zweifellos korrekten Daten des GPS-Empfängers offenbar nur widerwillig zur Kenntnis: Als ich mich fortbewege, aktualisieren weder die Apps von Google noch die von MapFactor meinen Standort. Selbst mit meinem Nokia aus dem letzten Jahrzehnt funktionierte das besser. Munter werden die Apps erst wieder, als ich dann doch die Ortung über Funknetze erlaube.
Eine andere ebenfalls vorinstallierte App für die Fußgänger-Navigation arbeitet hingegen auch bei abgeschalteter Funkortung tadellos – technisch geht es also.
Ich neige zwar nicht zu Verschwörungstheorien, aber für mich lässt das nur einen Schluss zu: Die Anbieter von Karten-Apps implementieren die GPS-Daten mit Absicht so lausig, dass der genervte Nutzer irgendwann aufgibt und die Funkortung permanent freischaltet. Für Google ist der Nutzen klar: Der Konzern kommt so an mehr Ortungsdaten heran. Was Drittanbieter wie MapFactor davon haben sollen, erschließt sich mir nicht – vielleicht ist es ja auch einfach nur ein Bug. Ich weiß jetzt jedenfalls, dass der Fehler nicht in der GPS-Hardware liegt, und werde weiter nach einer vernünftigen Navigationslösung suchen, die auch ohne Funkortung funktioniert.
(grh)