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Was war. Was wird.

Weihnachtsmusik? Äh bäh, es nervt schon genug, wenn das weihnactsmärktliche Kinderkarussel, mit Kinder-Weihnachtgsliedern den verdienen Espresso-Genuss mehr als vergällt, meckert Hal Faber. Was gibt es auch schon zu feiern...

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Verehrtes Publikum, liebe Kleienscheißer, Fetzenschädel, Hirntrampl und Urschels, es weihnachtet. Die Publikumsbeschimpfung fällt daher österreichisch-gemütlich aus, ganz anders als bei Lenny Bruce, der die Hälfte der sieben schmutzigen Worte in einem Begrüßungssatz unterbrachte. Für diesen Satz wurde der Streiter der freien Rede heute vor 49 Jahren zu vier Monaten Haft verurteilt. Eigentlich sollte das Urteil noch höher ausfallen, denn Bruce hatte in seinem am Be-Bop Charlie Parkers angelehntem freiem Assoziationswirbel auch den Mord an J.F.Kennedy verulkt und gemeint, dass Jackie aus dem Auto fliehen wollte und sich mitnichten schützend über ihren angeschossenen Mann warf. Das aber sah der Richter vom Recht auf freien Meinungsäußerung gedeckt.

*** "What a fucking great audience of cockablers" zur Begrüßung reichte aus zur Verurteilung. die Bruce nie verwunden hat. Er versuchte, sich selbst zu verteidigen und wurde heroinabhängig. Sein letzter Auftritt wurde von Frank Zappa und den Mothers of Invention begleitet. Sein Erbe lebt in der Musik weiter im großen Remix: It's the end of the world and Bruce is not afraid. Heute vor 10 Jahren wurde das Urteil gegen Lenny Bruce aufgehoben. Natürlich darf Bill Burr nicht fehlen, der im Stil von Lenny Bruce die Arbeit des Whistleblowers Edward Snowden würdigt. Jedes verfickte Detail aus unserem Leben wird von der NSA gespeichert, bis zum Einbruch der Dunkelheit. Dann kommen die Wissensficker und hinterfragen, ob "das Verlangen nach Privatheit lediglich regressiver Eskapismus ist". Der NSA geht das am Arsch vorbei, wie uns der Abschied von Harald Schmidt, angeblich an Stand-Up Comedians geschulter deutscher Entertainer.

*** Habemus Maman Merkelam, die neue Regierung ist da. Mit einem Internet-Minister, der sich um die Ausländermaut auf deutschen Datenautobahnen kümmert. Souverän wie üblich kommentiert die deutsche Provinzpresse all das, was sie selbst vorhergesehen hat. Die Wahl einer nicht besonders ausgewiesenen Juristin zur Bundesbeauftragten für Informationsfreiheit und Datenschutz wird prompt damit kommentiert, dass ihr Vorgänger Peter Schaar ein "personalpolitisches Überbleibsel der rot-grünen Koalition" war (FAZ) und ein Querulant obendrein. Das Ganze wird vom zuständigen Ministerium mit einer extrem dürren Meldung begleitet, während der neue alte Innenminister in einem längeren Text an das Jubiläum des Volkszählungsurteils erinnern darf: "Wenn Daten so etwas wie eine Währung des 21. Jahrhunderts sind, haben wir durch unser Netzverhalten so etwas wie eine Freihandelszone ungekannten Ausmaßes geschaffen", heißt es in dem Text, der tut, als ob "wir" in alles freiwillig eingewilligt haben.

*** "Jeder Internetnutzer ist mal Auftraggeber einer Datenverarbeitung, mal Datenverarbeiter, mal von der Datenverabeitung Betroffener", fährt Thomas de Maizère fort. Seine Argumentation greift in die Werkzeugkiste klassischer Datenschützer mit Auftraggeben, Datenverabeitung und Betroffener. Dass jeder Internetnutzer erst einmal ein Bürger ist, kommt unserem Bundesinnenminister nicht in den Sinn, ganz anders als im Urteil, das er feiert: "Mit dem Recht auf informationelle Selbstbestimmung wären eine Gesellschaftsordnung und eine diese ermöglichende Rechtsordnung nicht vereinbar, in der Bürger nicht mehr wissen können, wer was wann und bei welcher Gelegenheit über sie weiß." Auch das Wort "Privatsphäre" fehlt bei Thomas de Maizière. Stattdessen soll es die EU-Datenschutzverordnung reißen. Eine programmatische Ansage sieht anders aus, etwa so, wenn die Zivilgesellschaft in den Mittelpunkt des Datenschutzes gerückt wird. Dies liest man natürlich im Blog des Überbleibsels Peter Schaar. Er begreift Datenschutz als Menschrecht. Die Distanz zu dem technischen Begriff des Auftragsverarbeiters könnte größer nicht sein.

*** Zur letzten Wochenschau wurde gefragt, warum die Redtube-Abmahnwelle kein Thema war. Die Sache entwickelte sich, erste Details zur dubiosen Ermittlung der IP-Adressen wurden von heise online erst Tags zuvor veröffentlicht. Nun scheinen sich die letzten Hoffnungen auf eine ertragreiche Abmahnmasche zu zerschlagen, zumal auch die Staatsanwaltschaft ermitteln will, auch wenn selbst diese Ermittlungen wiederum dubios genannt werden können. Der letzte Stand der Dinge ist, dass Redtube selbst eine einstweilige Verfügung zwischen Redtube und den Abmahnanwälten gegen weitere Abmahnungen erwirkte. Am Landgericht Hamburg, dem fliegenden Gerichtsstand so manch fragwüdriger Entscheidung. Die Abzockerei ist noch nicht vorüber; bis zur generellen Klärung, ob Streaming nur ein flüchtiger und damit zulässiger Weg des Medienkonsums ist, dürften noch viele Taschentücher feucht werden.

Was wird.

Das Weihnachtsfest wird wohl heute am nicht überall verkaufsfreien Sonntag seine festliche Spitze erreichen. Bekanntlich steht die Branche unter einem Tablet-Schock: die Schwuppdizität der Wischplatten dürfte unter dem Baum neue Höhepunkte erreichen. Weil das Fairphone Weihnachten offenbar verpasst hat, sieht man in diesem Jahr nicht nur in glückliche Kinderaugen, sondern liest die Warnung: "Dieses Gerät enthält von Kindern geförderte Konfliktmaterialien". Nein, nicht? Aber wenigstens an Rank a Brand gehalten? Hm. Bei den Smeaugs von Amazon bestellt? Schon gut, schon gut, niemand will das Fest der Liebe miesmachen.

Die Weihnachtskarten von Banksy sind mittlerweile wieder unterwegs und größtenteils gefährlicher Spam, wenn sie auf unsicheren Rechnern geöffnet werden. Allen unverdrossenen Lesern dieser kleinen Wochenschau wünsche ich frohes Verschaufen, Wegwischen und Abklicken. Wer immer dabei zuschaut, was wir auf unserer kleinen Murmel so treiben.

Gleich nach dem kleinen Aussetzer geht es in die Vollen, wenn Glenn Greenwald nach seinem Video-Auftritt vor dem Europa-Parlament in der nächsten Woche auf der Leinwand des Hacker-Parlamentes eingeblendet wird. Gemeint ist der 30. Chaos Communication Congress, für den die Häcksen und Hacker derzeit fleißig Dränagerohre verlegen, um ein selbstgebautes Rohrpostsystem in Betrieb nehmen zu können. Anders als das Vorbild der Berliner Rohrpost soll Seidenstrasse nicht überwacht werden, jede Schweinerei darf durch die Röhre: Bis zum Ende der Berliner Rohrpost gab es am zentralen Verteiler in der Oranienburger Straße einen allierten Kontrollposten, der Rohrpost öffnen durfte. Aber auch das ist Bestandteil des Hacker-Kongresses, wenn ein angesehener Historiker auftritt, der klar und deutlich sagt, dass ein Merkelphone überwacht werden darf. "Deshalb hat sich die Kanzlerin ja auch so merkwürdig zu der NSA-Affäre verhalten. Sie hat sich ein paar Mal ausweichend dazu geäußert, aber nichts dazu, was hier eigentlich mit dem Rechtsstaat passiert. Das deutsche Recht verhindert die Überwachung nicht. Die Verträge mit den USA verpflichten die Bundesregierung vielmehr, ihre Informationen darüber für sich zu behalten." Das gilt auch für die dritte Regierungszeit der Kanzlerin.

Schrecken ist genug verbreitet, Hilfe sei nun eingeleitet. Ein 30C3-Vortrag, wie man sich wehren kann, kann bereits angeschaut werden. Auch das christlich-nächstenlieb eingeläutete Crowdfunding für GnuPG gehört in diese Kategorie. Wer etwas blättert und liest, wie die Hacker Firmen, Projekte und Fördermittel miteinander verzahnen, wird weitere Fragen haben, etwa zum Thema, wo das Cryptophone für die Massen bleibt. In Hamburg kann man überdies mit William Faulkner lernen, dass die Vergangenheit nicht einmal vergangen ist: Die Überwachung läuft weiter, wenn Jacob Appelbaum recht hat. Appelbaum tritt übrigens zusammen mit Julian Assange auf, was zu einigen Diskussionen geführt hat.

Keine Lust auf Hamburg, keine Lust auf moderne Technik und überhaupt, was hat es denn schon nach den revolutionären Anfängen wirklich Neues gegeben? Da gibt es noch die Vintagebytes in den Bergen. CP/M war doch völlig ausreichend. PIP PUN:=B:WWWW749.TXT Und nun: keine Weihnachtsmusik. (jk)