Wünsch' dir was: Online-Shopping für Individualisten

Über das Internet werden immer mehr individuell gefertigte Produkte vertrieben. Kunden bekommen so genau das, was sie wollen, zahlen aber mitunter einen hohen Preis.

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  • dpa

Das Supermarktregal strotzt nur so vor Müslisorten und trotzdem ist die Lieblingsmischung nicht dabei? Für Freunde von Frühstücks-Cerealien ist das kein Beinbruch, denn inzwischen mixen Online-Shops die Wunschsorte zusammen. Der Trend beschränkt sich nicht nur auf Müsli. Über das Internet werden immer mehr individuell gefertigte Produkte vertrieben. Kunden bekommen so genau das, was sie wollen, zahlen aber mitunter einen hohen Preis.

"Es gibt inzwischen fast keine Produktkategorie, die sich nicht individuell anfertigen und online bestellen ließe", erklärt Frank Piller, Wirtschaftswissenschaftler an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Dass man sich Autos oder Computer mit bestimmter Ausstattung im Netz konfigurieren kann, ist fast ein alter Hut. Große Beachtung fand dagegen vor eineinhalb Jahren der Start von www.mymuesli.com. Dort lassen sich individuelle Müslis mit verschiedenen Zutaten in angeblich 566 Billiarden Varianten mixen. Inzwischen existieren gleich mehrere Online-Shops fürs Wunschmüsli, etwa www.cereal-club.de und www.mybestmix.de.

 Spezielle Geschmäcker werden auch in anderer Hinsicht bedient. Wem zum Beispiel nach Schokolade mit Gummibärchenfüllung oder anderen ausgefallenen Zutaten ist, der wird bei www.deineschokoladen.com fündig. Nette Grüße können unter www.mymms.de auf Schokoladenlinsen gedruckt werden. Und einen Heiratsantrag aus einem persönlichen Glückskeks (www.wunschkeks.de) erhält man auch nicht alle Tage. Selbst Fruchtsaft (www.saftfabrik.de), Tee (www.allmytea.de), Kaffee (www.sonntagmorgen.com) oder Likör (www.wunschlikoer.de) können Genießer selbst zusammenstellen. Die individualisierten Produkte sind im Schnitt rund 40 Prozent teurer als die Standardversionen, zudem müssen längere Lieferzeiten einkalkuliert werden, sagt Piller.

 Warum die Kundschaft das akzeptiert? Auf der Hand liegt der größere Produktnutzen. "Es ist grundsätzlich von Vorteil, wenn die Anbieter versuchen, immer näher an die Kundenwünsche heranzukommen. Die Konsumenten kaufen somit genau die Artikel, die ihren Bedürfnissen entsprechen und bezahlen nichts Überflüssiges", erklärt Uwe Spiekermann, Konsumhistoriker an der Universität Göttingen.  "Zudem können die Kunden auf diese Weise relativ sicher sein, dass ihr Lieblingsprodukt immer erhältlich ist", meint Spiekermann. Dass die Wunschvariante vergriffen ist, ist so gut wie ausgeschlossen. "Eine Rolle spielt auch das "Prozesserlebnis"", erklärt Piller. Etwas zu nutzen, was man selbst gestaltet hat, macht Spaß. Das mag auch den Reiz von factory.lego.com erklären. Dort kann man sich ein Programm zum Entwerfen eigener Lego-Modelle herunterladen und die Kreationen dann bestellen.

Hersteller von Individual-Produkten setzen auch auf den "Snob-Effekt". Manche Zeitgenossen kaufen eben gerne Artikel, die voraussichtlich niemand anderes besitzt. Dies kommt besonders bei Kleidung und Accessoires zum Tragen. So können im Internet Sport- und Freizeitschuhe (www.adidas.com/de/miadidas und nikeid.nike.com) individuell designt werden. Auf www.myparfuem.com entsteht mit wenigen Klicks ein eigener Duft. Maßgeschneiderte Hemden zu massentauglichen Preisen sind bei www.hemdwerk.de oder www.tailorstore.de erhältlich. T-Shirts im Wunschdesign versenden www.spreadshirt.net, www.shirtinator.de oder www.shirtcity.com und andere. Eine Übersicht mit 500 Shops, die individualisierbare Produkte anbieten, listet www.configurator-database.com auf.

Die Wahlfreiheit bei der sogenannten individualisierten Massenfertigung hat aber auch Grenzen. "Letztlich müssen die Anbieter die Varianten begrenzen, damit sich die Herstellung von Einzelstücken in Großserien noch einigermaßen günstig realisieren lässt", erklärt Spiekermann. Kunden sollten zudem bedenken, dass sie durch die Gestaltung der Produkte ein Profil hinterlassen. Wem am Schutz persönlicher Daten liegt, der mag das befremdlich finden. Mitunter kostet es viel Zeit, ein eigenes Produkt zu gestalten. Manche Seiten ließen sich schlecht bedienen oder stürzten manchmal ab, ohne das Design zu speichern, kritisiert Piller. Außerdem sei viel Vertrauen nötig. Denn der Kunde bestellt – zumindest beim ersten Mal – etwas, wovon er nicht weiß, ob es ihm tatsächlich gefällt.

Die Ware einfach innerhalb von zwei Wochen zurückzuschicken, wie Kunden es vom Fernabsatzgesetz gewohnt sind, geht häufig nicht. "Werden Produkte nach Kundenspezifikationen angefertigt, besteht prinzipiell kein Widerrufsrecht", erklärt Ronny Jahn von der Verbraucherzentrale Berlin. Es komme darauf an, ob der Händler den fraglichen Artikel noch anderweitig verkaufen kann: Wurde ein T-Shirt auf Kundenwunsch mit einem Foto beflockt, ist es unwahrscheinlich, dass noch jemand anderes zugreift. Gibt ein Online-Shop jedoch mehrere Motive vor und der Kunde wählt eines davon aus, kann er das T-Shirt zurückschicken, denn es ist ja noch für andere tragbar.

Leicht verderbliche Lebensmittel werden allerdings in keinem Fall nur wegen Nichtgefallens zurückgenommen. Ist ein Produkt hingegen mangelhaft oder beim Transport kaputt gegangen, dürfen Kunden den Händler wie üblich zwei Jahre lang in die Pflicht nehmen, erklärt Verbraucherschützer Jahn. Einen löchrigen Maßanzug oder zerbröselte Wunsch-Schokolode muss also niemand hinnehmen. (Berti Kolbow, dpa) / (jk)