IAA Nutzfahrzeuge: Die Telematik soll es richten
Neben "sauberen" Motoren und Hybridantrieben werden auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover auch zahlreiche Telematiklösungen gezeigt, die eng verzahnt mit einer Backend-IT wahre Wunderdinge vollbringen sollen.
Verhalten optimistisch, mit einem obligaten Moll-Ton zum wirtschaftlichen Abschwung und der prekären Lage an den Finanzmärkten, präsentiert sich die Brummi-Branche auf der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover. Alle großen Hersteller haben ihre Hausaufgaben gemacht und stellen Fahrzeuge mit Hybridantrieben aus, die mit Bioethanol, Erdgas oder Strom CO2-freundlicher fahren. "Saubere" Motoren nach der schärfsten Norm Euro 5 beziehungsweise EEV sind selbstverständlich. Doch wer kauft die schöne neue Technik, wenn die Konjunktur eine Delle hat? Die Hoffnungen der Fahrzeugbauer liegen auf den BRIC-Ländern (Brasilien, Russland, Indien, China), in denen jeder zweite neugebaute LKW angeworfen wird. Im dicht befahrenen Zentraleuropa ist es hingegen die Telematik, die eng verzahnt mit einer Backend-IT wahre Wunderdinge verrichten soll.
Aus Sicht der IT birgt die zweite Generation der digitalen Tachographen Wachstumschancen, mitunter gekoppelt mit Weiterentwicklungen in den diversen Mautsystemen. Mit dieser Generation hält der Fern-Download von Fahrer- und Fahrzeugdaten Einzug in die Disposition. Mit neuen Systemen wie dem Remote Download Device (DLD) von VDO Continental, dem EFAS Remote Data Download (RDD) von Efkon Intellic oder der Remote Download Function (RDF) von Stoneridge fließen die aktuellen Daten via GPRS kryptografisch verschlüsselt (und vom BSI zertifiziert) in die Dispositionssysteme. Auf diese Weise weiß der Disponent beispielsweise genau, wie viel Fahrzeit dem Fahrer noch zur Verfügung steht. Im Verein mit der telematischen Bewirtschaftung von Parkplätzen könnte so der chronische Park- und Stellplatzmangel auf deutschen Autobahnen angegangen werden, der auch von der Politik (PDF-Datei) als Thema aufgegriffen wird.
Auch telematische Mehrwertdienste im Rahmen von landesweit arbeitenden Mautsystemen können dazu beitragen, Transportkosten zu reduzieren. So stellt der deutsche Mautbetreiber Toll Collect zusammen mit der Paderborner Firma OMP einen Demonstrator aus, in dem Telemetriedaten über die On-Bord-Unit (OBU) des Mautsystems an eine separate Mehrwertdienstzentrale geschickt und dort ausgewertet werden können. Gezeigt wird etwa, wie die Erkennung von KFZ-Kennzeichen durch das Mautsystem zur vollautomatischen Schrankensteuerung genutzt werden kann, wie fortlaufend der Reifendruck übertragen werden kann oder wie die OBU zur Positionsbestimmung des LKWs genutzt werden kann. "Toll Collect wird aus rechtlichen Gründen diese Dienste nicht selbst anbieten. Mit seinen technischen Möglichkeiten versteht sich Toll Collect jedoch als Partner von Politik, Anbietern und Nutzern", heißt es dazu bei Toll Collect.
Einsparungen beim Spritverbrauch wie Beschleunigungen in der Logistik sind die Trends, die auf der 62. IAA Nutzfahrzeuge Beachtung finden. Dokumentenscanner, die via USB an Telematikcomputer angeschlossen werden und unterschriebene Lieferscheine gleich nach dem Abladen als PDF zur Abrechnung schicken, gehören dazu. Eine solche Lösung hat Messeneuling Punch Telematix für ihr CarCube-Systeme parat. Viel verspricht sich Punch von einem Ecodrive-Konzept, das das Unternehmen gemeinsam mit dem Institut für Verkehrspädagogik entwickelt hat und gerade erprobt: Der Bordcomputer spricht dabei laufend mit dem Fahrer und ermahnt ihn zu einer energiesparenden Fahrweise. Angeblich sollen die Fahrer die "auditiven Hinweise" des Systems begrüßen, das ein bisschen wie ein Computerspiel aufgebaut ist. Am Wochenanfang starten die Fahrer mit einem "Kontenstand" von 90 Prozent bei den Unterkonten Verbrauch, Bremsen und Leerlauf. Selbst wenn sie einmal schneller fahren oder hart in die Eisen steigen müssen, haben sie unter der Woche Gelegenheit, ihre Werte zu verbessern, bis am Wochenende der Spielstand des besten Fahrers ermittelt wird.
Navigation und Disposition per SMS, integrierte Telefonie, per Bluetooth angeschlossene Sicherheitskameras für den toten Winkel oder das Rücksetzen, dazu Internet-Anbindung diverser Gerätschaften und die Fahrdatenkommunikation über den CAN-Bus – all das unter einen Hut zu bringen, ist nicht trivial. Hier stellt Funkwerk Dabendorf ein Bus-Konzept vor, das ähnlich dem AUTOSAR-Softwarekonzept die freie Kombination verschiedener Hardware-Bausteine möglich macht, das Ganze auf der Software-Plattform von Opensynergy. LKW-Hersteller sollen sich in Zukunft Infotainment- wie Kommunikations- und Dispositionsmodule zusammenstellen können, ohne sich über die Zusammenarbeit der einzelnen Systeme kümmern zu müssen.
Geht es nach Continental, so können viele Techniksysteme den LKW zu einem sichereren Verkehrsteilnehmer machen. Die Firma zeigt ein neu entwickeltes Blind-Spot-Detection-System (BSD) mit einem Radar im 24-GHz-Bereich, das den seit 2006 vorgeschriebenen vierten Spiegel ersetzen kann. Findet die Auswertungssoftware Hindernisse, kann der Außenspiegel rot blinken oder warnen, oder das Lenkrad beginnt zu vibrieren. Auch für Notbrems- und Spurhaltessysteme via Radar oder Lidar, die im 77-GHz-Bereich arbeiten, gibt es neue Lösungen. Bis sie jedoch für den Schwerverkehr gesetzlich vorgeschrieben sind – das dürfte frühestens 2013 zu erwarten sein – ist der Anreiz niedrig, dass Unternehmer solche Add-ons ordern. Auch Versuche, über niedrige Versicherungsprämien diese Sicherheitstechniken zu fördern, werden allgemein noch nicht akzeptiert. Notbremssysteme werden zwar als nützlich anerkannt, doch solange stehende Fahrzeuge an einem Stauende nicht zuverlässig erkannt oder von anderen Verkehrssystemen per Car-to-Car-Kommunikation weitergemeldet werden, werden sie kaum eingebaut. Bis zur nächsten IAA Nutzfahrzeuge im Jahre 2010 kann sich die Technik jedoch gründlich verbessert haben. (Detlef Borchers) / (pmz)