Der Kampf um die Atomkraft, nächster Teil

Südkorea plant den Ausbau der Atomkraft, Japans Ministerpräsident Shinzo Abe die atomare Wiedergeburt seiner derzeit kernkraftfreien Nation. Da taucht auf einmal überraschender Widerstand auf.

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Von
  • Martin Kölling

Südkorea plant den Ausbau der Atomkraft, Japans Ministerpräsident Shinzo Abe die atomare Wiedergeburt seiner derzeit kernkraftfreien Nation. Da taucht auf einmal überraschender Widerstand auf.

Wenn es nach vielen Politikern weltweit und besonders in Ostasien geht, ist die Atomkatastrophe in Fukushima nur noch eine Fußnote der Geschichte. In Südkorea hat die Regierung am Dienstag beschlossen, neue Atomkraftwerke zu bauen. Und in Japan hat die Regierung am Mittwoch den Geschäftsplan des Betreibers der Atomruinen von Fukushima abgesegnet, noch dieses Jahr zwei Atommeiler im abgeschalteten größten AKW der Welt, Kashiwazaki-Kariya, wieder ans Netz zu bringen. So will Tepco wie den Geldgebern versprochen wieder Gewinne machen.

Dass Südkorea noch stärker als bisher auf Atomstrom setzt, mag wenig überraschen. Das Land leidet an Stromnot, weil der Stromkonzern Kepco seit Jahren den Strom unterhalb der Produktionskosten verschleudert. Inzwischen kommt es fast regelmäßig im Winter und Sommer zu Stromrationierungen oder gar Blackouts. Zudem hat das Land wie Japan kaum eigene fossile Rohstoffe zum Verfeuern. Atomstrom erscheint dabei in Korea heute wie in Japan gestern als adrette Alternative, sich unabhängiger von Öl-, Gas- und Kohleimporten zu machen. Die Regierung hat daher beschlossen, bis 2035 den Anteil des Atomstroms an der Grundlast von derzeit 30 auf über 40 Prozent auszubauen. Dies erfordert, dass zusätzlich zu den elf geplanten sechs bis sieben weitere Atommeiler errichten werden müssen.

In Japan wiederum versucht der als Regierungschef getarnte Atomlobbyist Shinzo Abe, den Wiedereinstieg der derzeit atomstromfreien Nation in die Atomenergie durchzusetzen. Er reist dazu auch als Chefverkäufer für Atomkraft "Made in Japan" durch die Welt. In der Türkei hat ein japanischer Atomstromkonzern voriges Jahr einen Deal geangelt. Diese Woche meldete Toshiba, drei Reaktoren in Großbritannien bauen zu dürfen. Abe drängt auch darauf, möglichst viele der noch funktionstüchtigen Reaktoren daheim wieder ans Netz zu bringen. Um politisches Störfeuer zu verhindern, hat er Regierungsausschüsse von Atomkraftgegnern bis auf wenige Feigenblätter gesäubert.

Abes neue Energiestrategie, die nun im Februar verabschiedet werden soll, sieht folgerichtig vor, den Beschluss der vorigen Regierung zu kippen, die einen schrittweisen Ausstieg aus der Atomkraft plante. Konkrete Ziele nennt die Regierung für ihre nukleare Renaissance allerdings sicherheitshalber nicht. Wer weiß schon, wie viele Atommeiler überhaupt wieder eingeschaltet werden können.

Zudem: Wozu soll man ohne Not heute mit allzu forschen Plänen den Widerstand der Atomkraftgegner schüren, solange der noch schwelt? Abe setzt stattdessen darauf, dass der Faktor Zeit in Kombination mit stetiger Medienmassage den Elan der Atomkraftgegner irgendwann brechen wird. Immerhin rehabilitiert er im Rahmen der Strategie Atomkraft fürderhin als "wichtige Stromquelle für die Grundlast", auf der der Rest der Energieträger aufbauen kann. Außerdem will Japan nach diversen Verzögerungen nun endlich seine Wiederaufbereitungsanlage im nordjapanischen Rokkasho starten.

Gleichzeitig soll an den Tarifen für Ökostrom im Energieeinspeisegesetz gedreht werden. Die extrem generösen Kaufpreise für Sonnenstrom sollen bis zum Ende des Jahres 2014 von ursprünglich 40 Yen pro Kilowatt auf knapp über 30 Yen gesenkt, die für Windstrom von 22 auf 35 Yen angehoben werden. Damit wollen die Planer die inzwischen global übliche Fehlsteuerung der Investitionen beheben. Denn bisher wirkten auch in Japan die Anreize so, dass die Investoren ihr Geld fast ausschließlich in Solarkraftwerke steckten, während die für eine stabile Stromerzeugung weitaus wichtigeren Windkraftanlagen ein Schattendasein, pardon, Windstille fristen. Außer einigen Prestigeprojekten ist bisher wenig passiert.

Obwohl ich nun schon seit mehr als zehn Jahren in Asien lebe, ist für mich die Anziehungskraft der Atomenergie noch immer ein Rätsel – besonders wenn ich die an Pannen, Vertuschungen und Unfällen reiche Geschichte der Betreiber bedenke. In Südkorea wurden nicht genehmigte Bauteile verbaut, Störfälle verschwiegen. In Japan überließ die Atomaufsicht es lange den Betreibern, sich selbst zu kontrollieren, selbst nach schweren Störfällen wie dem Brand in einem Schnellen Brüter und einer nuklearen Kettenreaktion im Atomforschungsdorf Tokaimura – von der Atomkatastrophe in Fukushima ganz zu schweigen. Richtig schlecht wird mir bei der Vorstellung, dass China in Windeseile die Atomkraft ausbaut. Gewiss, die neuen Bauten sind im Schnitt wahrscheinlich besser als während meines Studiums in China vor nun mehr als 20 Jahren. Aber Pfusch am Bau und das Prinzip Pi mal Daumen sind selbst bei Prestigeprojekten noch immer keine Seltenheit.

Immerhin wird es wenigstens in Japan noch einmal überraschend spannend. Bisher sah es nach einem Durchmarsch von Atomfreund Abe aus. Doch plötzlich gibt es für die Atomkraftgegner eine wichtige Wahl, in der sie Siegchancen haben. Wegen eines Skandals musste der Tokioter Gouverneur Naoki Inose zurücktreten. Und zwei ehemalige Ministerpräsidenten haben es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, die Regionalwahl im Februar zu einem Referendum für den Ausstieg aus der Atomenergie umzufunktionieren.

Der Kandidat ist Morihiro Hosokawa, der Anfang der 1990er Jahre die Liberaldemokratische Partei von Shinzo Abe erstmals seit ihrer GrĂĽndung 1955 von der Macht vertrieb. Sein prominenter UnterstĂĽtzer ist pikanterweise Abes Parteifreund und politischer Ziehvater Junichiro Koizumi, der sich seit der Atomkatastrophe vom Saulus zum Paulus der Anti-Atomkraftbewegung gewendet hat.

Die Blitzwahl in Tokio sei ein Kampf zwischen Gruppen für und gegen eine Ausstieg aus der Atomenergie, sagte der brillante Wahlkämpfer Koizumi am Dienstag bei der Ankündigung des überraschenden parteiübergreifenden Altherrenbunds. "Wir können das Land sicherlich ändern, wenn wir zeigen, dass Tokio ohne Atomkraft leben kann." Wenn Hosokawa gewinnt, kann es eng für Tepcos und Abes Pläne werden, alte Meiler wieder einzuschalten. Denn Tokio ist mit zwölf Millionen Einwohnern das Herz des Landes und auch Tepcos. Ich bin mal gespannt, wie die Tokioter auf die Kampfansage der alten Haudegen an die erstarkende Atomlobby reagieren werden. (bsc)