4W

Was war. Was wird.

Ach, Spenden. Den Protagonisten aktueller Ereignisse wünscht man, dass sie anständig bezahlt werden. Revolutionen machen sich zwar schlecht mit gefüllten Bäuchen, verhungerte Revolutionäre sind aber auch nicht so richtig erfolgreich, behauptet Hal Faber.

vorlesen Druckansicht 17 Kommentare lesen
Lesezeit: 9 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Lang, lang ist es her, anno 1993, da donnerte und grollte es in Davos und die Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace wurde verlesen von einem, der aus der Zukunft kam, in der Staaten und Konzerne nichts mehr zu sagen haben. Perry Barlow ist in dieser Woche noch einmal aufgetreten, mit einer weitaus weniger donnernden Botschaft: Für die genaue Kontrolle dessen, was über ihn bei NSA und Co gespeichert ist, wäre er bereit, seine "Privacy" aufzugeben. Offenbar hält der alte Cowboy wenig von der Privatsphäre, auf die in Europa so viel Wert gelegt wird. Und die schöne Zukunft des Cyberspace ist klebrig und eklig geworden: "Schleimspuren im Netz" ist alles, was wir hinterlassen, ständig und selbst noch dann, wenn wir vor der Glotze hängen, den Großinquistor Lanz bei der Arbeit zuguckend. Wie schön das doch war:

"Der Cyberspace besteht aus Beziehungen, Transaktionen und dem Denken selbst, positioniert wie eine stehende Welle im Netz der Kommunikation. Unsere Welt ist überall und nirgends, und sie ist nicht dort, wo Körper leben. Wir erschaffen eine Welt, die alle betreten können ohne Bevorzugung oder Vorurteil bezüglich Rasse, Wohlstand, militärischer Macht und Herkunft."

*** Nun gut, das Weltwirtschaftsforum in Davos ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Wer Fotos sieht, wie sich der künftige Davos-Chef Philip Rösler samt Frau an die Maschmeyers anschmiegt, wird an Richard Sennetts Charakterisierung des Homo Davosiensis und seines Hofstaates der Medienschranzen im Jahre 1998 denken müssen, der den Homo Faber abgelöst hat:

"Hier auf den Schweizer Skipisten, wie zum Sport gekleidet, sind die Sieger versammelt. Eines habe ich aus meiner Vergangenheit gelernt: es wäre fatal, sie bloß als Bösewichte zu sehen. Während meinesgleichen darin geübt ist, die Realität ständig mit einer Art passivem Argwohn zu betrachten, ist der Hofstaat von Davos voller Energie. Er verkörpert die großen Veränderungen, die unser Zeitalter geprägt haben: neue Technologien, den Angriff auf starre Bürokratien und eine grenzüberschreitende Wirtschaft. Dies ist eine Versammlung der Erfolgreichen, und viele ihrer Erfolge schulden sie der Ausübung der Flexibilität."

*** Ja, dort in den Schweizer Bergen, wo keine Himmler-Briefe auftauchen, aber die 85 Reichsten mit ihrem Gefolge und ihren Politikern zusammenkommen, um darüber zu beraten, wie es weitergehen kann mit der Exenteration der Welt. Das mag der Papst noch so sehr an die Verantwortung der Erfolgreichen appellieren, die aus dem Geschenk Gottes ordentlich Kapital schlagen – und wenig für Spenden und mildtätige Gaben übrig haben. Bill Gates sei hier ausdrücklich ausgenommen: Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass Sennett den damals noch amtierenden Microsoft-Chef als Prototyp des Homo Davosiensis beschrieb.

*** In München bedauerte John Perry Barlow, dass kein Geld für eine Videoschaltung mit seinem Freund Julian Assange zur Verfügung stand. Die von ihm mitgegründete Freedom of the Press Foundation habe eine halbe Million Dollar für Wikleaks sammeln können. Das ist, verglichen mit der Spende von 3885 Bitcoins von mehr als 2200 Spendern sehr wenig Geld. Vergleicht man es gar mit den wenigen Spenden, die nach der Fragestunde mit Edward Snowden kommen, kann man nur hoffen, dass er für das Fernsehinterview, das die ARD mit ihm heute abend ausstrahlt, besser bezahlt wird. Revolutionen machen sich zwar schlecht mit gefüllten Bäuchen, verhungerte Revolutionäre (zu denen sich Snowden aber wohl eh nicht zählt, verhungert oder nicht) aber sind auch nicht so richtig erfolgreich. Vielleicht sollte er sich mal bei seinem alten Arbeitgeber melden, wo der Abweichler dafür gesorgt hat, dass neue Arbeutsplätze geschaffen werden.

*** Womit wir wieder einmal beim Schnüffel-Thema NSA angelangt sind. Denn es gehört zu den Seltsamkeiten in diesem unseren Land, dass ein Bundespräsident Kritik übt, während der zuständige Minister die Geschichte verharmlost, vielleicht sogar veralbert. Während der Präsident Gauck in dieser Woche in Hinblick auf die NSA proklamiert, dass eine flächendeckende Speicherung der Kommunikationsdaten nicht hinnehmbar ist, kommt Innenminister de Maizière zu dem Schluß: "Es gibt andere Staaten, die sich viel schlimmer verhalten.". Dies als Antwort auf die Frage türkischer Journalisten, was er denn zum Abhörskandal der NSA sagen könne. Währenddessen kommt dem führenden investigativen Journalisten Deutschlands der schauerliche Verdacht, die NSA könnte getäuscht haben. Wie gruselig! Wie wäre es mit einem weiteren gelehrten Zitat.

"Vorausschauend stellt die NSA, während der Rest der Welt in John von Neumanns klassische Computer-Architektur eingeht, schon wieder um: auf optische Rechner, Oberflächenwellenfilter und Ladungsverschiebungselemente, die (als 'Ladungs-Übertragungsgeräte' im Übersetzerdeutsch) 'mehr als tausend Billionen Multiplikationen pro Sekunde' leisten. So mögen eines Tages jene 99,9 Prozent, die im Datenstrom auf diesem Planeten noch an der NSA vorbeigehen, zu erfassen und auszuwerten sein."

*** Eine neue Erkenntnis? Keineswegs. Die Zeilen schrieb der :verstorbene Friedrich Kittler im Jahre 1986, als er das erste NSA-Buch von James Bamford rezensierte. Eigentlich kann man noch weiter zurückgehen, bis zu Kafkas Process, dem unfertigen Buch, das vor 100 Jahren entstand. Als im Sommer 2013 die Konturen der neueren geheimdienstlichen Überwachung bekannt wurden, schrieb John W. Whitehead, der Präsident des Rutherford Institutes über das neue Amerika:

"Josef K’s plight, one of bureaucratic lunacy and an inability to discover the identity of his accusers, is increasingly an American reality. We now live in a society in which a person can be accused of any number of crimes without knowing what exactly he has done. He might be apprehended in the middle of the night by a roving band of SWAT police. He might find himself on a no-fly list, unable to travel for reasons undisclosed. He might have his phones or internet tapped based upon a secret order handed down by a secret court, with no recourse to discover why he was targeted. Indeed, this is Kafka’s nightmare, and it is slowly becoming America’s reality."

*** Nun gab es schon einmal eine Periode, in der die USA aus Sicht der Linken in Ost wie West ein grundübler Staat war. Es war die Zeit, als man für Angela Davis demonstrierte, die heute ihren 70. Geburtstag feiert. Sie wurde seinerzeit der Black Panther Party zugerechnet, obwohl sie nur Mitglied der braven "moskautreuen" CPUSA war. Der Universitätsdozentin, die gegen den Widerstand des kalifornischen Gouverneurs Ronald Reagan unterrichten durfte, wurde ein Waffenkauf zum Verhängnis, weil die gekaufte Waffe bei einer missglückten Gefangenenbefreiung benutzt wurde. Gegen ihre Verhaftung und gegen die Verfolgung der Mitglieder der Black Panther protestierten viele K-Gruppen und anarchistisch Bewegte, auch die Informatiker der Roten Zelle Kybernetik und Elektrotechnik (Rotzkybel). Gegenwärtig lehrt Angela Davis an der Universität Frankfurt und trifft auf Leute, die die T-Shirts mit ihrem Afrokopf tragen, aber nicht ihre Geschichte kennen. Die Frau, die Jahrzehnte lang vom FBI beschattet wurde, ist von den Enthüllungen Edward Snowdens nicht überrascht worden. Na, wie wäre es mit einem kleinen zeitgenössischen Geburtstagsständchen?

Was wird.

Achja, die Zeiten, aber von wegen die guten, alten. Seit wenigen Wochen sind in den USA Dokumente freigegeben worden, die für Historiker wie Drohnenforscher interessant sind. Zwischen 1968 und 1972 waren ferngesteuerte Drohnen die einzigen US-Flugzeuge, die ungefährdet über Vietnam, China und Nordkorea fliegen konnten, so der Bericht eines Staffelführers. Angesichts der nachweisbaren Tatsache, dass in diesem Zeitraum mit Agent Orange bombardiert wurde, darf die Frage nach Kampfdrohnen jetzt auch von Historikern gestellt werden. Das kleine Detail aus der Vergangenheit soll darauf hinweisen, dass ab Montag die Drohnendebatte weiter geht, abseits der zeitgenössischen Spionagedebatten. Denn dann wird das friedensethische Papier der evangelischen Kirchen Deutschlands vorgestellt. Ein kleiner Vorgeschmack auf das Papier, mitverfasst von unserem neuen Gesundheitsminister Gröhe: "Fünftens: Die institutionalisierte Praxis des gezielten Tötens nicht staatlicher Gewaltakteure sowie die Entwicklung und der Einsatz der Drohnen-Technologie erweisen sich als dringend zu klärende Fragestellungen auch infolge des Afghanistan-Einsatzes." Die ach so familienfreundliche Bundeswehr, die Probleme mit Frauen und mit Minderjährigen hat, freut sich schon auf die Debatte im Vorfeld der Münchener Sicherheitskonferenz. Oder hört man da ein gequältes Stöhnen im Bendlerblock? (jk)