Nest vs. Baumarkt
Intelligente Heizungssteuerungen sollen massiv Energie einsparen. Wie genau soll das eigentlich gehen?
Intelligente Heizungssteuerungen sollen massiv Energie einsparen. Wie genau soll das eigentlich gehen?
Ich bin ja immer wieder beeindruckt, welches Einsparpotenzial intelligenten Heizungssteuerungen zugetraut wird. Bei der Ăśbernahme des Thermostatherstellers Nest durch Google war zum Beispiel von 20 bis 25 Prozent die Rede. Ich frage mich dann immer: gegenĂĽber was? GegenĂĽber einem dauerlĂĽftendem Heizungs-DAU in einer Holzbaracke?
Und worin soll eigentlich dieses Einsparpotenzial bestehen? Um in einem gegebenen Raum bei gegebener Witterung eine bestimmte Temperatur aufrechtzuerhalten, braucht es eine bestimmte Energiemenge – Punkt. Da hilft auch keine hochbegabte Heizungsregelung mit gutem Draht zur Cloud.
Sparen kann man also nur durch die zwischenzeitliche Absenkung der Raumtemperatur. Ob und wann das Sinn macht, hängt vor allem von der Art des Hauses und der Heizung ab und ist Gegenstand temperamentvoller Debatten. Tendenziell dürfte sich bei Holzhäusern im Nest-Heimatland USA durch Absenkung wesentlich mehr sparen lassen als bei europäischen Massivbauten. Allein das sollte schon Grund genug sein, den prognostizierten Einsparungen gegenüber misstrauisch zu sein.
Und welche Rolle soll dabei eigentlich die vielgepriesene Lernfähigkeit der Nest-Regler spielen? Habe ich einen relativ gleichmäßigen Tagesablauf, lässt sich der auch einprogrammieren; ist mir das zu umständlich, weil ich mehrmals täglich außer Haus gehe, dürften die Intervalle so kurz sein, dass sich das Runterregeln ohnehin kaum lohnt; und habe ich einen völlig erratischen Lebensrhythmus, wird ihn das Thermostat auch nicht vorhersagen können.
Ähnlich argumentieren auch die Anbieter von Smart-Home-Lösungen. Ihr Lieblingsbeispiel für eine sinnvolle Vernetzung ist seit Jahren immer wieder das gleiche: Wenn Sensoren ein offenes Fenster melden, wird gleichzeitig die Heizung heruntergeregelt – was dann insgesamt soundsoviel Prozent Energie sparen soll. Mag sein, aber das gilt doch nur für Zeitgenossen, die blöd oder faul genug sind, ständig gegen offene Fenster anzuheizen. Für Leute, die beim Lüften ohnehin die Heizung runterdrehen, bringt die ganze Technik in diesem Fall also lediglich einen kleinen Komfortgewinn und null Energieeinsparung.
Nun ist menschliche Faulheit ein nicht zu vernachlässigender Faktor. Trotzdem sollte man sauber trennen, ob eine Technik in erster Linie einen Komfortgewinn bringt oder echte Einsparungen, die sich auf anderen Wegen nicht realisieren ließen.
Der Thermostat-Hersteller Tado verweist zwar auf eine Fraunhofer-Studie, die seinen Produkten eine Einsparung von 14 bis 26 Prozent attestiert. Doch auch hier wieder die Frage: gegenüber was? Als Referenz haben die Forscher konstant auf 20 Grad eingestellte Thermostate verwendet – ohne jede Absenkung. Das ist allerdings ziemlich weltfremd. Praktisch jede moderne Heizung hat ein Steuergerät, mit dem sich Absenkungen programmieren lassen, falls sie denn sinnvoll sind. Außerdem kann man zu diesem Zweck elektronische Heizkörper-Thermostate für etwa 15 Euro in jedem Baumarkt erwerben. Sie sind zwar nur mäßig bedienungsfreundlich und in keinster Weise mit irgendwas vernetzt oder gar intelligent. Trotzdem kriegen sie es ziemlich gut hin, zu jeder gewünschten Zeit eine konstante Raumtemperatur einzustellen. Sollten unabhängige Studien ergeben haben, dass Highend-Heizungsregelungen auch gegenüber korrekt eingestellten Baumarktthermostaten nennenswerte Einsparungen bringen, wäre ich für den entsprechenden Hinweis dankbar.
Mehr ĂĽber den Hintergrund und die Macher von Nest erfahren Sie ĂĽbrigens im aktuellen Heft 2/2014 (ab Donnerstag am Kiosk oder hier zu bestellen).
(grh)