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Was war. Was wird.

Government gegen Googlement, der neue Kalte Krieg anno 2014. Ach, es gibt keinen Unsinn, der auf dieser Welt nicht als ernsthafte Kritik am digitalen Alltag zu verkaufen wäre, grummelt Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Noch erscheint diese kleine Wochenschau im kleinen Verlag im schönen Hannover am Rande der Norddeutschen Tiefebene, hochgepumpt auf die Server in Frankfurt. Noch die nächsten 86 Jahre, bis Hannover abgesoffen ist und Ibbenbüren ein Erholungsort an der Nordseeküste ist, von dem die Niederländer (die das Saarland aufkauften) sehnsüchtig gen Westen schauen. Das alles ist natürlich die Schuld der bösen NSA und ihrer treu sorgenden Firma CSC, die gemeinsam den Klimagipfel ausspionierten, was die Klimakatastrophe alternativlos macht. All das nur, um in Rockville einen schönen Strand zu haben, mit Surftripps rund um die Ruinen der alten NSA. Keine Bange: All die abgeschlämmten Inhalte und viele, viele Metadaten liegen sicher und trocken in Utah.

*** Wo es solche unruhigen Perspektiven bis anno 2100 gibt, stimmt es doch besinnlich, dass es auch in 86 Jahren etwas gibt, an dem man sich festhalten kann: Wenn es Computer-Tipps fĂĽr die Ewigkeit gibt, dann muss es auch auf ewig Computer geben, die dank ewiger Weisheiten funktionieren. "Lesen Sie das Handbuch", diese uralte Weisheit hat noch Bestand, wenn sich die Seehunde auf der Sandbank der Elbphilharmonie tummeln.

*** Wer heute etwas vorausschauend agieren will und sein Haus nicht auf Sand bauen will, dem rät ein Experte wie Rosling zum Kauf von somalischen Küstengrundstücken. Denn nicht nur das Wasser steigt, auch die Bevölkerung schwillt an. Somalia, dieser aufstrebende Staat ist eine echte Option, gleich gegenüber den Vereinigten Staaten von Arabien gelegen und neben Europäisch-Südafrika, wo unsere Jungs von Bundeswehr und Bundesmarine nach Maßgabe der Gauck-Doktrin klar Schiff gemacht haben. Denn seit dem 1.2.2014 braust ein Ruf wie wie Donnerhall: "Abwarten ist keine Option!" Was übrigens auch ein zeitloser Computer-Tipp sein könnte.

*** Ja, Isaac Asimov war ein besserer Visionär als unsereins, aber schließlich stand ihm der Personal Computer als Konzertflügel begabter Pianisten nicht im Visionswege, als er die Welt im Jahre 2014 anlässlich der Weltaustellung 1964 schildern sollte. Von wegen "Friede durch Verstehen", beginnt Asimov doch gleich mit dem thermonuklearen Krieg. Wenn dieser passieren sollte, macht er jede Diskussion der Zukunft überflüssig. Uns steht bekanntlich ein anderer Krieg bevor. Bei Maybritt Illner wurde vom neuen Kalten Krieg der Bits und Bytes gesprochen, der eine Welt des Misstrauens entstehen lässt, die schlimmer sein soll als der Kalte Krieg anno 1964. Warum? Weil neben den Regierungen nun auch Konzerne kämpfen und Government gegen Googlement steht. Das hat jedenfalls ein adliger Powerpoint-Präsenter in München gemeint, der zum Schaudern seiner Zuhörer ein "pointillistisches Gemälde" eines Cyberangriffes zeigte – vielleicht war die Auflösung des Beamers falsch eingestellt. Aber, hach, die Message tuts auch ohne Pünktchen: "Facebook könnte Regierungen stürzen." Das ist mal eine Ansage. Vielleicht sollte Zuck klein anfangen, wie wäre es mit Mali?

*** Genau, genau, Facebook hat ja Geburtstag, irgendwie, und da 10 Jahre in diesem Netz der Kurzzeitgedächtler 10 Internet-Jahre sind, bei denen man Männchenjahre mulitplizieren muss, hagelt es Ergebenheitsadressen für den Viel-Apper. Ja, wie sieht eine Welt ohne Facebook-Freunde aus? Was sind überhaupt Freunde, wenn nicht die Gefälltmirs auf Facebook? Ganz zu schweigen von dem Beziehungsstatus, für den es einstmals 25 verschiedene Einstellungen gab. Wann und warum ist eigentlich polymorph pervers gestrichen worden? Es wird Menschen geben, die bei der Berechnung ihres Facebook-Lebens entdecken, das das Ganze das Unwahre ist und andere, die in wirklich jeder NSA-Debatte auf die Jugend verweisen, die alle ihre Daten bei Facebook liegen lässt zur geflissentlichen Auswertung. Deshalb ist die NSA gleich ein ganzes Stück weniger böse, da sie kein Profit macht mit ausgrepressten Daten. Und bittschön, kann die NSA überhaupt noch heutzutage eine Regierung stürzen wie Facebook? Was dann in den nächsten 10 Jahren passieren müsste, ehe Facebook gruschelnd untergeht.

*** Mit dem wunderbaren Aufruf Waffen für Ed Snowden hat die tageszeitung den Anfang gemacht, mit der Debatte über den Nobelpreis für Snowden geht es weiter. Sein Auftritt im Fernsehen hat die Menschen bewegt wie lanz nicht mehr. Wenn selbst ein die US-Geheimdienste beratender Cowboy wie John Perry Barlow für Snowden ist, kann daraus eine machtvolle Bewegung werden, wie es die Snowden-Solidaritätskomitees in ihrer Hommage an seelige AfE-Turmzeiten formulieren:

Wer Günther Jauch vor Edward Snowden sendet, mordet die Menschenwürde. Wenn wir nach langer und kontroverser Diskussion diesen Aufruf an Euch richten, so ist uns die politische Problematik bewusst. Die Entwicklung, die Widersprüche, auch das Scheitern oder die Perversion von Befreiungsbewegungen und Revolutionen, die in den letzten Jahrzehnten unsere Solidarität gefordert haben, muss die Linke sehr kritisch diskutieren. Aber wer in Deutschland im Warmen sitzt und sagt: "Wer gibt mir die Garantie, dass die globale digitale Revolution nicht ebenso im Meinungsfaschismus endet wie andere zuvor?", muss sich den Vorwurf gefallen lassen, das Recht der Menschen auf Selbstbestimmung zu missachten - und zwar auch auf Selbstbestimmung über den Charakter der Revolution. Die Snowden-Solidaritätskomitees haben darum gekämpft, die Öffentlichkeit zu informieren und zu mobilisieren. Auch sie stehen vor der Notwendigkeit, weiterhin die ständige Verletzung der Menschenrechte darzustellen und Unterstützung zu mobilisieren, andererseits aber nicht dabei stehen zu bleiben.

*** Aber Waffen? So richtig mit Knall, Plopp, Blut und Krepieren? Wie sang einst der groĂźe gefeierte Pete Seeger ĂĽber das glĂĽckliche Andorra, das vier Dollar und 90 Cents fĂĽr die Verteidigung brauchte? DafĂĽr gab und gibt Amerika Milliarden aus.

I said, "If security's what you need
I'll buy a couch for you,
A headshrinker is cheaper and quicker
And a damn site safer too."

Nun singt der Kommunist mit dem kleinen k dem beunruhigten Gott die Leviten. Wir haben immer noch Hannes Wader und eben den ganzen komischen deutschen Weg, bei dem mal eben ein Neubau des Internet angefordert wird. Snowden for ADAC-Präsident, das hätte was, der könnte uns ein No-Spy-Abkommen für Autos mit der datengierigen Autobranche aushandeln.

Was wird.

Mit wem müssen wir eigentlich noch ein abgeschmettertes No-Spy-Abkommen besprechen? Ach, das heißt Datenschutz. Nun denn: Am Dienstag soll der erste öffentliche Auftritt unseren Datenschützerin Ursula Voßhoff erfolgen, mit einer Grundsatzerklärung und ein paar ausgewählten Interviews. Ihr erster großer Fall: der seltsame Sicherheitstest des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik. Die Spannung steigt.

Am gleichen Tag steigt eine Konferenz über "Angewandte Forschung für Verteidigung und Sicherheit in Deutschland", nur für deutsche Augen. Was schwer philosophische Fragen aufwerfen könnte, hat sich mittlerweile als verunglückter Hinweis darauf herausgestellt, dass die Veranstaltung nicht gestreamt wird. Im Internet lauern doch die Schlitz- und Fettaugen der Anderen, immer bereit alles abzusaugen, was natürlich niemals Industriespionage ist. Wie sagte Ex-NSA-Chef Hayden noch bei Maybritt Illner, auf Snowdens Beispiel Siemens angesprochen: "Wir betreiben keine Wirtschaftsspionage. Aber Siemens baut diese SCADA-Systeme für Kraftwerke, da müssen wir schon handeln." In den Worten von Ritter Sir Oblong-Fitz-Oblong von Leitner steckt ein vernünftiger Spuckkern: eine Liste all derer, die im Dual-Use Spy/No-Spy-Bereich forschen und fördern, ist überfällig. (jk)