Internet-Theoretiker Morozov warnt vor Gefahr fĂĽr die Demokratie

Der Medienwissenschaftler und Publizist Evgeny Morozov hält die NSA für gar nicht so gefährlich. Im blinden Vertrauen auf technische Lösungen für gesellschaftliche Probleme sieht er dagegen eine „Gefahr für die Demokratie“.

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Evgeney Morozov, Medienwissenschaflter und in letzter Zeit vor allem mit harscher Kritik an der Internet-Euphorie bekannt geworden, warnt vor einer "Gefahr für die Demokratie", wenn man blind auf technische Lösungen für gesellschaftliche Probleme vertraue. Die NSA dagegen sei gar nicht so gefährlich. Das erklärte Morozov in einem Interview, das im Rahmen eines Heft-Schwerpunktes zum Thema Netzpolitik in der aktuellen Ausgabe von Technology Review erscheint.

„Die Frage ist, ob sich die Bürger aktiv über die sozialen und politischen Bedingungen, die ihr Leben bestimmen, beraten wollen und ob sie diese Gesellschaft formen wollen“, sagte Morozov. „Oder ob sie sich einfach damit zufriedengeben, das System mit ihren Daten zu füttern, sodass es ihr Verhalten optimieren kann. Ohne jede demokratische Debatte.“

Genau das passiere beispielsweise, wenn es um die Abwehr von Terroristen gehe, erklärte Morozov. „Wir vertrauen auf diese ganze Big-Data-Auswertung, um Menschen aufzuspüren, die möglicherweise gefährlich sind. Statt über die Frage nachzudenken, warum es so viele Menschen auf der Welt gibt, die unsere Gebäude in die Luft jagen. Es könnte ja sein, dass sie das tun wollen, weil Amerika Drohnen schickt, um Kinder im Jemen zu töten.“

Der 30-jährige weißrussische Autor, der mittlerweile an der Harvard University promoviert, hat zunächst selbst an die demokratisierende Kraft des Internets geglaubt – um die Idee dann nach den Recherchen zu seinem ersten Buch „The Net Delusion“ umso lustvoller zu demontieren. Dabei wirkt der Mann, der beispielsweise von der Wochenzeitung „Zeit“ als „brillantester Internet-Theoretiker unserer Zeit“ gefeiert wird, bei flüchtigem Hinsehen selbst wie ein typischer Nerd: Hemd ohne Krawatte, schmalrandige Brille, beginnende Stirnglatze. Er redet schnell, bildet lange, komplizierte Sätze, wobei er zwischendurch unvermittelt aufhört zu reden und sich einen Zettel schnappt, um schnell etwas zu notieren.

„Die Leute, die Technologie als Medium untersuchen, gehen immer davon aus, dass die Art und Weise, wie diese Technologie benutzt wird, etwas mit ihren inhärenten Eigenschaften zu tun haben muss“, sagte Morozov, der kürzlich auch bei der Internet-Konferenz DLD kritische Akzente setzte. Nur weil das Internet auf einer offenen technischen Plattform beruhe, führe das nicht automatisch zu mehr gesellschaftlicher Offenheit und Demokratie. „Das ist einfach dumm. Es geht nicht um Technologie an sich. Es geht darum, unter welchen ökonomischen und politischen Bedingungen diese Technologie eingesetzt wird.“

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(wst)