Neuronen-Chauvinismus
KĂĽnstliche Intelligenz war immer das, was gerade noch nicht geht. Doch jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Ăśberlegenheit der Maschinen endlich anzuerkennen.
KĂĽnstliche Intelligenz war immer das, was gerade noch nicht geht. Doch jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Ăśberlegenheit der Maschinen endlich anzuerkennen.
Ab wann darf man einer Maschine wirkliche Intelligenz zuschreiben? Als der IBM-Großrechner Deep Thought 1997 den Schach-Großmeister Garri Kasparow schlug, zuckten die meisten mit Schultern und sagten: „Reine Rechenpower, hat ja nichts mit wirklicher Intelligenz zu tun.“
Als wiederum ein IBM-Rechner vor ziemlich genau drei Jahren in der Quizshow „Jeopardy!“ feine sprachliche Andeutungen besser verstand als die besten menschlichen Kandidaten, hieß es wieder: Alles nur Algorithmen und Datenhuberei – die Stellung des Menschen als Krone der Geisteskraft sei durch so etwas keineswegs gefährdet.
Seit einiger Zeit schlägt sich Software sogar in der Gesichtserkennung wacker – immerhin ein Feld, in dem unsere Hirne gewissermaßen hartverdrahtete Hochleistungsrechner sind. Doch unser Neuronen-Chauvinismus lässt sich auch davon nicht aus der Fassung bringen.
Sollten die ersten Maschinen Steuern hinterziehen oder bei einem Poetry-Slam die menschliche Konkurrenz mit ergreifenden Sonetten in Grund und Boden dichten – es würde wieder heißen: beeindruckend, aber irgendwie nicht echt.
Ich dagegen finde, spätestens jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, die Überlegenheit der Maschinen demütig anzuerkennen. Nun verstehen sie nämlich sogar mehr von Bier als ich. Spanischen Forschern ist es mit einem Elektrodenarray und künstlicher Intelligenz gelungen, 51 Biersorten mit einer Genauigkeit von über 80 Prozent auseinanderzuhalten. Ich hingegen habe es in einer Blindstudie mit meinen Kollegen nur auf eine Trefferquote von zwei aus fünf geschafft.
Nun werden mir die Philosophen unter den Lesern wahrscheinlich bitwendend ins Forum posten, dass die elektronische Zunge Bier zwar analysieren, nicht aber genießen könne. Mag sein. Aber: Weiß man’s wirklich? Und wie lange bleibt das noch so? Können wir smarten Kühlschränken künftig noch unser Bier anvertrauen? Vorsichtshalber würde ich jedenfalls keinen Flaschenöffner in ihrer Reichweite lassen.
(grh)