Was war. Was wird.
PIEEEEPS the EU. Man kann sich darüber amüsieren, wie die Überwachung den Überwachern auf die Füße fällt. Auch darüber, dass eine Frau den sonst so eindeutig männlich besetzten Satz ausspricht, meint Hal Faber. Aber …
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** "Ein kluger Satz ist für einen schlauen Kopf nur ein Ziegenlederhandschuh: Wie schnell ist die falsche Seite nach außen gestülpt." Der große Barde Shakespeare wusste es beizeiten und der Geheimdienst Sluschba bespeky Ukrajiny machte sich nun ein Späßchen draus: "Fuck the EU." Dass ein Mitglied der US-amerikanischen Regierung unverschlüsselt telefoniert in einem Land, in dem der Geheimdienst die gesetzlich festgelegte Möglichkeit hat, jedes Telefongespräch zu unterbinden, ist eine erstaunliche Sache. Gab es kein Nuland-Phone weit und breit? Hätte man das nicht besser ganz ohne Kompromat formulieren können, wie es etwa Nulands Ehemann 2003 machte, als er publikumswirksam erklärte, dass die Amerikaner vom Mars kommen, die Europäer hingegen von der Venus?
*** "Fuck the EU" ist ein schlichter Satz mit einer eindeutigen Aussage, die alles andere als "plump" ist, wie die empörten Leitmeinungstaktgeber nun landauf, landab schreiben. "Fuck the EU", stilecht mit einem PIEEEEPS versendet, steht für eine USA, die schlicht die Nase voll hat von dem komplizierten Europa. Das mag man als Kanzlerin völlig unakzeptabel finden, weil ähnliche Aussagen wie "verpisst euch" nur für den politischen Gegner reserviert sind.
*** Übrigens liegt auch die kleine Piratenpartei falsch, die die Aussage offiziell als "auf die EU scheißen" eingedeutscht haben will. Ja, man kann sich darüber amüsieren, wie die Überwachung den Überwachern auf die Füße fällt. Auch darüber, dass eine Frau den sonst so eindeutig männlich besetzten Satz ausspricht. Vielleicht hilft der schlichte Satz, die Vereinigten Staaten als anarchisches Gebilde zu verstehen, dass sie überall dort Anarchie am Werke sieht, wo es gegen längst verratene amerikanische Werte geht. Jedweder Einwand zur NSA oder anderen Spionierern wird ignoriert. "Fuck the EU" könnte auch vom GCHQ kommen, wenngleich gesitteter. There is a world elsewhere.
*** Nun aber formiert sich gar mächtiger Widerstand mit Donnerhall und Knall und Lall. Etwa in der Süddeutschen Zeitung wo Sandro Gayken wieder einmal dazu auffordert: Werft die Computer weg!. Hoppsla, kleine Verwechslung? Aber nicht doch, der Aufruf zum Computerwegwerfen steht nur in der gedruckten Süddeutschen und endet interessant. Wenn alle Computer weggeworfen sind, fickt die EU erst richtig los:
Doch dieser Neuanfang wäre eine große Chance. Gemeinsam mit Staaten wie den Niederlanden und Norwegen könnten hier sichere Hardwareprodukte und Betriebssysteme entwickelt werden. Sie ist eine maximale Lösung für alle IT-Sicherheitsprobleme, bewahrt Privatheit und schafft neue Märkte. Das ist besser und substanzieller als schimmerndes Marketing auf überholten Produkten. Und ein Exportschlager allemal.
*** Niederlande und Norwegen? Ungiftige deutsche Computer mit niederländischem Minix und norwegischer Tastatur? Smarterphones? Lancom-Router, Tulip Computer und Opera statt Chrome? Fragen über Fragen, und das, obwohl dieses Jahr Great Britain das Partnerland der CeBIT und ein deutsch-britischer IT-Gipfel angesagt ist. Nein, ich habe nichts gegen das Land von Teefax, Machfax und Überwachfax, schließlich kommt ein nobler Vorschlag zur Dezentralisierung des Internet von einem Sir, der nebenbei ein Loblied auf die Hacker singt.
*** Große Worte auch von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Da muss gleich ein Kampf gegen den technologischen Totalitarismus geführt werden, von einer mutigen sozialen Bewegung, die zum Hammer greift und losnagelt:
Sie muss im Bereich der Datensammlung, -speicherung und -weitergabe rechtliche Pflöcke einschlagen, die klarstellen, dass die Privatheit eines jeden ein unveräußerliches Grundrecht ist, und einen etwaigen Missbrauch eindeutig sanktionieren. Sie muss überdies durch eine kluge Wirtschaftspolitik sicherstellen, dass wir in Europa technologischen Anschluss halten, damit wir aus der Abhängigkeit und Kontrolle der heutigen digitalen Großmächte befreit werden, unabhängig davon, ob es sich dabei um Nationalstaaten oder globale Konzerne handelt.
*** Niederländische Pflöcke, norwegische Wirtschaftspolitik? Leider nennt der Sozialdemokrat Martin Schulz keine Länder, das würde auch die Wucht des Appells schmälern. Schließlich ist Schulz zwar verschlafen und stauneswert bräsig wie die gesamte alte SPD, doch Schulz hat ihn noch, den "gutinformierten radikalen Agnostiszismus". Für diese vorbildliche Einstellung wird Schulz in der FAZ ganz, ganz lieb von Evgeniy Morozov gedrückt wird, der sonst jede Meinung außer seiner aktuellen eigenen umstandslos zerquetscht. Und wer soll den Karren aus dem Dreck zerren? Der alte Maulwurf? Bei Morozov lesen wir:
Historisch hat die Linke sich als fähig erwiesen, einige der Übel, unter denen die Gesellschaft leidet, zu diagnostizieren und sogar zu beheben. Heute muss sie lernen, diese Fähigkeit einzusetzen, um die zahlreichen Schichten technologischer Mystifizierung zu durchdringen, die Silicon Valley der öffentlichen Debatte aufgezwungen hat. Es gibt immer noch zahlreiche Übel, und wenn wir die technologische Struktur Google und Facebook und ihresgleichen überlassen, werden wir die Plattformen für die Veränderung der Situation verlieren.
*** Ho, Ho, Ho Chi Minh Auf, auf zum Kampf, zum Kampf sind wir geboren … und wenn es nur der Kampf um verschwurbelte Worte ist. Denn was bitte sind "Plattformen für die Veränderung der Stituation"? OK, Google ist seit Streetview urböse und Geburtstagskin Facebook ist es auch nicht. Facebook wird ja von den Linken selbst abgetan, wenn es wie hier heißt: "Es sind die schwer flexibilisierten, hochnervösen Mittelschichten in aller Welt. Facebook ist ihre Schlüsselerfahrung, ihr Selbstbildnis und ihr Vermächtnis. Das verzagte 'Ho-Ho-Ho-Chi-Minh' der Bewegung lautet: 'Keep calm and carry on.'"
*** Ganz sicher nicht sind die Hacker gemeint, jene Typen, die nie Sex haben und Wichs-Königinnen sind. Statt eine ordentliche Plattform für die Veränderung der Situation zu zimmern, haben sie in dieser Woche den Klageweg beschritten, Seit an Seit mit Bürgerrechtlern, eine Art Marsch durch die Instituitionen mit den Institutionen, denn die Klage richtet sich vor allem an den Bundesnachrichtendienst mit Sitz in der Reichssiedlung Rudolf Heß, was Kommentatoren als substanzlose Aktion kritisierten.
*** Am allerwenigsten dürften "die Bürger" gemeint sein. Die interessieren sich weniger für den technologischen Totalitarismus, denn für die Bundesligatabelle oder den Medaillenspiegel der putinischen Festspiele. Dennoch scheint da irgendetwas nicht zu stimmen, wenn staatsfeindliche Haltungen zunehmen und jeder vierte Polizeiangriff politisch motiviert sein soll. "Da hat sich insbesondere in Großstädten eine Szene ergeben, wo man schon darüber nachdenken muss, was dagegen zu unternehmen ist", soll Deutschlands oberster Kriminologe Christian "3F" Pfeiffer gesagt haben. Ja, wo bleibt denn der EU-Qualitätsdrahtzaun für deutsche Großstädte?
Was wird.
Ach ja, das Positive. Das gibt es doch immer. Das bleibt immer irgendwie übrig und kann von keinem Totalitarismus gestoppt werden. Passend zu "Fuck the EU" sei auf ein Ereignis verwiesen, an dem sich die schwer verstörte USA auf ein europäisches Vorbild einließ. Genau heute vor 50 Jahren traten die Beatles in der Ed Sullivan-Show auf, 77 Tage nach der Ermordung von Präsident John F. Kennedy. Bis heute gilt diese Fernsehsendung als Meilenstein der Unterhaltungsgeschichte und Beginn der amerikanischen Beatlemania.
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Dann wäre da noch der 11. Februar, der Tag, an dem wir uns wehren, wobei "wir" für das alternative Amerika steht, das nicht den Verstand an den Türen und Schleusen der Terrorfahnder abgegeben hat. Erinnert wird an den Kampf gegen SOPA und PIPA sowie an den Tod von Aaron Swartz. Wer nicht in den USA lebt, sollte sich um die Institutionen scharen, die die Privatsphäre schützen und den Hashtag #StopTheNSA verwenden. OK, #FuckNSA dürfte auch ankommen. (anw)