Nanotechnik hilft Öko-Projekten
Das neue Buzzword in der Nano-Szene lautet "grün". Reports und Konferenzen sondieren zunehmend das Potenzial der Kleinsttechnologien für Energie, Klima und Umwelt, berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe.
- Niels Boeing
- Dr. Wolfgang Stieler
Das neue Buzzword in der Nano-Szene lautet "grün". Reports und Konferenzen sondieren zunehmend das Potenzial der Kleinsttechnologien für Energie, Klima und Umwelt, berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 11/2008 (seit dem 16.10. am Kiosk oder hier portofrei zu bestellen). "Cleantech entpuppt sich gleichermaßen als Nutznießer und Chance der Nanotechnik. Meines Erachtens sind die Parallelen zwischen beiden so groß, dass man sie kaum noch auseinanderhalten kann", schwärmt Josh Wolfe, umtriebiger Nanotech-Analyst und Forbes-Kolumnist.
Erste Studien beziffern den Öko-Effekt der Nanotechnologie: So haben im Auftrag des Umweltbundesamtes Forscher der Universität Bremen und des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung in Leipzig vier verschiedene Nano-Anwendungen genauer unter die Lupe genommen. Eine davon ist der thermoplastische Kunststoff "Ultradur", der im Spritzguss verarbeitet wird und von BASF in zwei Varianten produziert wird. Das mit Nanopartikeln angereicherte "Ultradur High Speed" erreicht eine höhere Fließgeschwindigkeit, weil die Teilchen die Viskosität des geschmolzenen Stoffes erhöhen. Folge: In der Ökobilanz liegen Energieverbrauch und CO2-Emissionen bei der Highspeed-Variante um zehn Prozent niedriger. Auch die anderen Anwendungen – Hybrid-Busse mit Nanotech-Batterien, Elektronik-Schutzfolien aus Nanotubes und Oberflächenbeschichtung mit einem Nano-Metall – zeigten teils erhebliche Entlastungseffekte.
Eine erste systematische Abschätzung, wie viel Kohlendioxid in einem Industrieland dank Nanotechnologien eingespart werden könnte, hat im Mai 2007 Ben Walsh vom Beratungsunternehmen Oakdene Hollins im Auftrag des britischen Umweltministeriums erstellt. In fünf bis sechs Jahren könnten demnach dank Nanomaterialien in Kraftstoffen, der Wärmedämmung von Gebäuden und der Photovoltaik in Großbritannien jährlich etwa zwölf Millionen Tonnen CO2 vermieden werden – immerhin knapp zwei Prozent des derzeitigen britischen CO2-Ausstoßes von etwa 680 Millionen Tonnen im Jahr.
Für Deutschland haben Jochen Lambauer und Alfred Voß vom Institut für Energiewirtschaft und rationelle Energieanwendung an der Universität Stuttgart erste Zahlen vorgelegt. Nach ihren Berechnungen könnten Nanotechnologien den Endenergieverbrauch bis 2030 im günstigsten Szenario um bis zu 6,7 Prozent senken.
Kritiker werden geneigt sein, den neuen grünen Anstrich der Nanotechnik als vorbeugende Propaganda abzutun. Denn tatsächlich fürchten Industrie und Forschung seit Langem einen Umschwung der bislang positiven öffentlichen Meinung zur Nanotechnik, sollten sich die Hinweise mehren, dass Nanomaterialien toxisch sein können. So haben beispielsweise einige Studien gezeigt, dass Kohlenstoffnanoröhren in bestimmten Anordnungen wie die ähnlich geformten Asbestfasern wirken. Weitere Studien kamen aber zu anderen Befunden. Weil internationale Standards für nanotoxikologische Untersuchungen gerade erst entwickelt werden, sind die Ergebnisse bisher noch widersprüchlich.
In den meisten grünen Nanotech-Anwendungen sind die Materialien fest eingebunden – eine unmittelbare Gefahr für Menschen stellen sie so nicht dar. Unklar ist aber, ob sie nach einer Entsorgung in die Umwelt gelangen könnten und wie sie sich dort verhalten. Die Forschung hierzu steht gerade erst am Anfang. Damit grüne Nanotechnologien ihrem Namen gerecht werden, müssen diese Fragen gründlich untersucht werden. Denn es wäre sicher nicht hilfreich, damit alte Probleme zu lösen und zugleich neue, womöglich noch gravierendere, in die Welt zu setzen.
Die November-Ausgabe der Technology Review ist ab sofort im Zeitschriften- und Bahnhofsbuchhandel erhältlich oder kann portofrei bestellt werden. (Niels Boeing) / (wst)