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Was war. Was wird.

Zum Kongressbesuch in der Hauptstadt wähnt sich Hal Faber in einem von alternden A-Bloggern fantasierten Futuristan und macht sich schnell wieder auf den Weg in die norddeutsche Tiefebene zu Freunden, die kein Poken haben.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Heute kommt das WWWW einmal nicht aus der norddeutschen Tiefebene, sondern aus Futuristan. In diesem Land gibt es keine Zeitungen mehr, ihre Rolle haben Blogs übernommen. Das Parlament ist abgeschafft, die Politiker twittern stattdessen mit dem Hashtag #Demokratie. Klassische Namen sterben aus, die 12-stellige ID-Nummer hat sich durchgesetzt, mit der man sich am landesweiten WLAN anmeldet. Futuristan ist das Traumland der re:publica, einer enorm groß gewordenen Veranstaltung der beforschten deutschen Blogosphäre, die in dieser Woche in Berlin stattfand. Kritische Anmerkungen hat diese Veranstaltung der alten Männer ja genug bekommen, wobei die Einführung des Facepalmen in die deutsche Sprache zu den einsamen Höhepunkten zählt. Dafür allein muss man den Fefe loben, der selbst so nett loben kann.

*** Wie auf vielen zeitgenössischen Veranstaltungen der Netizen waren in Berlin die Laptops aufgeklappt, in die eifrig gewummst wurde, während Vorträge sich fragten, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben wollen. Diese Gesellschaft ist da. Während des Vortrages von Cory Doctorow saß ich neben einer jungen Frau, die twitterte und mailte, zwei Blogs füllte (davon ein Foto-Blog), in ihrem sozialen Netzwerk vorbeischaute und auch noch Online-Banking betrieb, dabei die TAN von ihrem Handy noch ganz altmodisch per Hand übertragend. Dann stöberte sie in der Wikipedia nach Doctorow und holte sich eine Zusammenfassung des Vortrags auf den Schirm, den der Entertainer irgendwo auf der Welt am Rande des Cyberspace gehalten hatte. Immerhin trug die junge Frau ganz altmodisch ein Namensschild.

*** Damit wird es bald vorbei sein. Auf der PrivacyOS nebenan wurde der neue Personalausweis von Litauen vorgestellt, den die Berliner Bundesdruckerei produziert. Die ersten 40.000 Ausweise sind ausgegeben und schon fängt die Bevölkerung an, die 11-stellige ID-Nummer anstelle des eigenen Namens zu nennen. Dabei ist die Nummer, die die nach einem sehr einfachen Zahlenschlüssel zusammengesetzt ist, von Staats wegen so bedeutsam, dass es untersagt ist, sie in einer E-Mail zu verwenden. Eine Einschränkung, die in Berlin belächelt werden dürfte, wo sich fast jeder Re:publikaner ein Poken holte, um schneller Twitter-, Facebook-, StudiVZ-Daten und die Mail-Addi austauschen zu können.

*** Verlassen wir die hübsch verfickte Parallelwelt der selbstaufgeregten digitalen Boheme und wenden wir uns Fragen zu, die in der nahen Zukunft der Follower keine Rolle spielen. Denn abseits der Berliner Konferenz rätselte in diesen harten Zeiten Netzland, was es mit der seltsamen Rasterfahndung des BKA mit Daten der Deutschen Telekom auf sich hat. Die Formulierung "Die Deutsche Telekom war im Übrigen gebeten worden, nur Daten von Mitarbeitern zu übermitteln, die vom BKA mitgeteilte Kriterien erfüllten", liest sich wie eine Verlautbarung des Ministeriums für Wahrheit. Prüfen, wer bestimmte Kriterien erfüllt, das ist die Basis der negativen Fahndung, wie sie der Erfinder Horst Herold formulierte: "Während bei der 'elektronischen Bürofahndung' Ergebnisbestände aufgebaut werden, die erst den Ausgangspunkt weiterer Suchmaßnahmen bilden, können Rasterfahndungen, je nach dem Fahndungsziel, durch Herauslöschen aller Gruppen, die Legalität verkörpern, bereits den oder die Verdächtigen liefern." Was auch immer bei der "delegierten Rasterfahndung" im Einzelnen passierte, wird vielleicht dereinst auf Wikileaks zu lesen sein. Unstrittig ist offenbar, dass die Telekom etwas lieferte, was das BKA brauchte. Und natürlich sind Terroranschläge verhindert worden.

*** Wenn man etwas Verbotenes tut, so kann man immerhin einen hübschen Namen dafür finden. Airbus macht es vor und nennt die hausinterne Rasterfahndung eine Vorsorge-Untersuchung. Das passt hübsch zur Bemerkung des ehemaligen Bahnchefs Mehdorn, dass ihm die Fummeleien im Mailsystem der Deutschen Bahn keine Bauchschmerzen machen. Nun hat ihn die unterschätzte Affäre seinen Job gekostet. Ausgerechnet der Vorsitzende des EADS-Verwaltungsrates soll Mehdorn nachfolgen. Vielleicht findet Herr Grube zum Amtsantritt einen hübschen Namen für den Mailstopp, der Mehdorn stoppte. Auf weitere Details der Untersuchung bei der Deutschen Bahn darf man jedenfalls gespannt sein. Liebend gern wollen wir doch wissen, was das für ein Mail-Server ist, der ausgerechnet bei einer E-Mail der Gewerkschaft der Lokführer wegen "Überlastung" seinen Geist aufgab. Hier sollte mindestens für den nächsten Eisenbahnerstreik eine Vorsorge getroffen werden, denn: Gewerkschafter dürfen nach einer Entscheidung des Bundesarbeitsgerichtes das Mailsystem benutzen, sofern das nicht eine spürbare wirtschaftliche Belastung der Firma mit sich bringt.

*** Die müden Aprilscherze, die dieser Tage zirkulierten, habe ich alle vergessen, nur den von Bill Gates nicht. Der behauptete 2004, dass in fünf Jahren das Problem des Spams ein für allemal erledigt sein wird. Hier irrte der große Visionär. Allein beim Schreiben dieser Zeilen über Gates trudeln bei ausgeschaltetem Filter die blödesten Sachen ein, die klar machen, warum Replica, Casino und verschiedene Umschreibungen für Geschlechtsteile wohl erst aus der Sprache verschwinden müssen, damit der Spam aufhören kann. Selbst dann hört er nicht auf, weil die Dummheit grenzenlos ist. Das kann ein kluger Kopf wie Bill Gates nicht wissen. Anlässlich der Einstellung von Microsoft Encarta bin ich hinab ins Archiv und habe die erste Microsoft-CD aus dem Jahre 1987 herausgekramt. Microsoft Bookshelf, vollmit Dingen wie dem American Heritage Dictionary, Roget's Thesaurus oder den World Almanac, komplett mit einem klugen Begleitschreiben von Bill Gates über die CD-ROM, The New Papyrus. "Selbst wenn sie ein fantastisch begabter Autor sind, werden sie von unserem Produkt profitieren. In wenigen Jahren wird jeder Computer ein CD-ROM-Laufwerk haben, mit dem sie auf das gesammelte Wissen der Welt zurückgreifen können. In unseren Bücherregalen werden CDs nach und nach die Bücher ersetzen und Papier sparen helfen."

*** Die CD kann man natürlich auch anders würdigen, etwa als Sargnagel der Musikindustrie: "Man sollte dabei anmerken, dass die CD eine reine Erfindung der Habgier ist. Sie wurde aus dem Kalkül heraus lanciert, dass die Leute CDs von Alben kaufen, die sie schon auf Schallplatte hatten." John Mellencamps Analyse der verrotteten Musikindustrie bringt es auf den Punkt, wenn er den Bilanzwahn der Erbsenzähler geißelt und die Idiotie der Medienforschungsunternehmen auf den Punkt bringt. Mit Soundscan wurde das Ende der Branche schon vorher eingeleitet. "Soundscan zählt die Plattenverkäufe wiederum über die Barcodes, die in die Ladenkassen eingegeben werden. Dieses System hat Popularität durch reine Kopfzahl ersetzt. Plötzlich standen Platten auf Platz eins der Hitparaden, von denen wir noch nie gehört hatten. Wir fragten uns noch, ob wir einfach keine Ahnung mehr hatten. Uns war jedenfalls nicht klar, dass sich hier eine Wandel vollzog, der vielleicht nicht das Musikgeschäft, aber doch die Plattenfirmen umbringen sollte."

Was wird.

Ostern kommt, da gibt es nicht nur Eier und Hasen und schmauchende Osterfeuer allüberall, sondern wunderliche Dinge wie eine dicke Pressemappe der Bertelsmann-Stiftung zum Thema "Auferstehung", die Werbung für einen Religionsmonitor macht. Dieser Monitor macht allen Kirchenfreunden Hoffnung und behauptet nicht nur, dass die Auferstehung und die Himmelfahrt das Land stärker prägen als die Eier und Schokohasen. Nein, Deutschland ist nach Bertelsmann ein von der Religion geprägtes Land ist, in dem auch die Menschen, die keiner Religion angehören, von religiösen Vorstellungen geprägt sind. Die harten Fakten: 33 Prozent der Deutschen glauben "fest" an ein Leben nach dem Tode, 32 Prozent glauben "mittel oder wenig" an ein Leben nach dem Tode und 33 Prozent glauben überhaupt nicht, dass es nach dem Ende weitergeht. Bedauerlich finden die Bertelsmann-Forscher den tiefen Riss, der durch Deutschland geht: 60 Prozent der Ostdeutschen können mit der Vorstellung von einem Weiterleben nach dem Tod "gar nichts oder nur wenig" anfangen. Dagegen sind nur 25 Prozent der Westdeutschen auferstehungsfeindlich gesinnt. Halten wir es also mit dem ollen Heine: Was Beine hat, das trollt sich fort. (Hal Faber) / (vbr)