Verteiltes Betriebssystem
Das neuartige Betriebssystem Avatar OS läuft in jedem handelsüblichen Browser und verteilt Ressourcen und Speicherplatz über alle Nutzer.
Das neuartige Betriebssystem Avatar OS läuft in jedem handelsüblichen Browser und verteilt Ressourcen und Speicherplatz über alle Nutzer.
Klassische Betriebssysteme werden direkt auf einem Computer installiert, sei es nun Windows, Linux oder Mac OS X. Sonderlich flexibel ist das nicht, weil man seine persönlichen Einstellungen, Programme und Daten, die man nicht selten über viele Jahre gepflegt hat, nur schwer von PC zu PC mitnehmen kann – schon gar nicht auf Maschinen, die nicht grundsätzlich vertrauenswürdig sind, wie Hotelcomputer oder Rechner im Internet-Café.
Serversysteme rund um die sogenannte Virtualisierung können hier eine Lösung sein, weil sie erlauben, Kopien der eigenen Rechnerkonfiguration, Images genannt, auch auf andere Computer zu verschieben. Allerdings werden solche Verfahren aufgrund ihrer Komplexität zumeist nur in Firmennetzen angeboten.
(Bild:Â Avatar-Projekt)
Ansätze, Betriebssystem und Rechner zu trennen, gibt es aber auch noch andere. So versucht sich der Internetriese Google mit seinem hauseigenen Chrome OS und kostengünstigen Rechnern schon seit einigen Jahren an portablen Cloud-Lösungen, bei denen die Eingabe von Account-Namen und Passwort reichen soll, um sich in gewohnter Umgebung wiederzufinden. Die Sache hat allerdings einen zentralen Haken: Wer möchte dem Suchmaschinengiganten noch mehr persönliche Daten liefern, gar seine gesamte digitale Existenz?
Solche Bedenken sind es, die ein Team aus finnischen Programmieren motiviert haben, ein eigenes Betriebssystem zu entwickeln, das komplett aus dem Internet angeliefert wird, aber aus offener Software besteht. Statt wie Windows und Co. auf dem PC installiert werden zu müssen, läuft der Hauptbestandteil von Avatar OS direkt in modernen Browsern wie Chrome oder Firefox. Das Clevere daran: Statt die dafür notwendige Rechenleistung samt Speicherplatz zentralisiert auf die Server eines Cloud-Computing-Anbieters auszulagern, wird beides von allen mit Avatar OS ausgestatteten Computern gestellt. Dazu muss auf diesen eine kleine Zusatzsoftware namens Avatar Edge laufen.
(Bild:Â Avatar-Projekt)
Jeder teilnehmende PC ist somit ein Netzknoten, der auch Teile der Daten anderer Avatar-OS-Nutzer enthält. Ein Sicherheitsproblem soll dies aber nicht darstellen: Alle Informationen seien verschlüsselt und anonymisiert abgelegt, versprechen die Entwickler Marko Polojärvi und André Staltz, die bereits ein Prototypsystem entwickelt haben. Sie orientieren sich dabei an Dateitauschprotokollen wie BitTorrent und Anonymisierungsdiensten wie Tor. Ihr "Many to Many"-System ist zudem darauf eingerichtet, das einzelne Knoten gar nicht vertrauenswürdig sein müssen, denn mit den dort abgelegten verteilten Daten lässt sich wenig anfangen.
Avatar OS hat mehrere Vorteile. So bietet es die Möglichkeit, auf jedem Gerät auf seine Daten und seine gewohnte Benutzerumgebung zugreifen zu können. Lokal auf dem Rechner gespeichert wird dabei nichts – bis auf die verschlüsselten Daten, die sich von Avatar-OS-Rechner zu Avatar-OS-Rechner verteilen, aber nicht die eigenen sein müssen. Außerdem wird grundsätzlich erlaubt sein, das Betriebssystem auch anonym zu nutzen.
(Bild:Â Avatar-Projekt)
Die Oberfläche von Avatar OS soll einfach bedienbar sein und standardmäßig wichtige Anwendungen wie Fotoprogramme, Dokumentenmanagement und Multimediaprogramme enthalten. Entwickler aus der Open-Source-Community sind aufgerufen, sich daran zu beteiligen.
Wenn Avatar OS fertig ist, wird es laut Polojärvi und Staltz kostenlos angeboten werden, außerdem wird der Quellcode freigegeben. Geld für die Entwicklung soll zuvor über eine Crowdfunding-Kampagne von interessierten Nutzern eingesammelt werden. Technische Details zu Avatar OS haben die Entwickler in einer Spezifikationsbeschreibung zusammengefasst. Prototypsysteme sind bereits vorhanden. (bsc)