Google behält Motorolas Rosinen

Zwar verkauft der Internet-Riese seine Mobilfunktochter an Lenovo. Doch so schlecht, wie allgemein behauptet wird, ist der Deal nicht.

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  • David Talbot

Zwar verkauft der Internet-Riese seine Mobilfunktochter an Lenovo. Doch so schlecht, wie allgemein behauptet wird, ist der Deal nicht.

Auf den ersten Blick sieht es nach einem lausigen Geschäft aus: Nur 2,9 Milliarden Dollar hat Google für seine Handy-Abteilung Motorola Mobility vom chinesischen PC-Hersteller Lenovo bekommen. Erst 2012 hatte der Suchmaschinen-Konzern satte 12,5 Milliarden für das Mobilfunk-Unternehmen gezahlt und seither mit der Sparte Verluste in Höhe von mindestens einer Milliarde Dollar verbucht. Doch bei näherem Hinsehen fällt der Deal gar nicht so schlecht aus.

"Ich denke, Google hat erreicht, was alle für den strategischen Zweck dieser Übung hielten", kommentiert Joseph Hadzima von der MIT Sloan School of Management und Mitbegründer der US-Patentberatung IP Vision. Das hat drei Gründe: Erstens könnte Lenovo dem Konzern mit kostengünstigen Android-Geräten Zugang zu neuen Märkten verschaffen – und damit zu einer größeren Reichweite für seine Suchmaschine und Anzeigen.

Zweitens behält Google ein großes Paket mit 17000 Patenten. Dieses dürfte zum einen im Wettbewerb mit Apple und Samsung nützlich sein und Google bei den aktuellen Patentkriegen helfen.

Zum anderen ist es eine Geldquelle fĂĽr Lizenzen. Denn der Preis fĂĽr die Patente ist keineswegs so hoch, wie viele glauben machen wollen. Google hatte zuvor schon die "Home"-Unit von Motorola fĂĽr 2,35 Milliarden Dollar abgestoĂźen. Das ist jener Bereich, der unter anderem Set-Top-Boxen fĂĽrs Kabelfernsehen produziert. Alles in allem hat Google damit rund sechs Milliarden Dollar inklusive der 17.000 Patente gezahlt.

"Wenn man es als Patentkauf betrachtet, war das einzelne Patent deutlich gĂĽnstiger als beim Nortel-Deal", so Hadzima. Nortel ist ein insolventer kanadischer TelekommunikationsausrĂĽster. FĂĽr seine 6000 Patente zahlten vor zweieinhalb Jahren Apple, Microsoft und andere Technikfirmen 4,5 Milliarden Dollar.

Mindestens ebenso wichtig aber ist der dritte Grund: In den sechs Milliarden Dollar ist auch noch Motorolas Forschungslabor "Advanced Research and Projects (Atap)" enthalten, das Google ebenfalls nicht verkauft hat. Regina Dugan, die frühere Direktorin der US-Militärforschungsbehörde Darpa, leitet die Abteilung. Zu den spannendsten Projekten der oft geheimniskrämerischen Abteilung gehört das "Project Ara". Dahinter verbirgt sich ein modular zusammenstellbares Handy. Kunden sollen die Komponenten – etwa Batterien, Sensoren, Funktechnik und die Kamera – selbst kombinieren und austauschen können. Das könnte einen ähnlichen Entwicklungsschub für neue Smartphone-Hardware auslösen wie es Apples Einführung des App Stores für Software getan hat.

Atap verfolgt auch andere vergleichsweise verrückte Ideen, etwa die Entwicklung von elektronischen Tattoos als Ersatz für Passwörter. Es soll sogar an Pillen arbeiten, die nach dem Schlucken einen Identifizierungscode nach draußen funken. Googles eigene Forschungsprojekte – etwa energieeffiziente LCD-Bildschirme und neue Methoden, die Energieverschwendung in Apps aufzeigen – klingen im Vergleich dazu geradezu bodenständig.

Auch wenn Google aus der Handy-Herstellung ausgestiegen ist, dürfte das Unternehmen künftig Lizenzen für die Entwicklungen aus seiner Forschungsabteilung vergeben. Google-Chef Larry Page betonte darüber hinaus in einem Blog, dass sich sein Unternehmen bei der Hardware-Entwicklung künftig auf Bereiche konzentrieren werde, die besonders "reif für Innovationen" seien: tragbare Elektronik (Wearables) und den Smart-Home-Markt. Die Aussage überrascht wenig angesichts der kürzlich erfolgten Übernahme des Smart-Home-Spezialisten Nest. Atap könnte künftig für diese Vision mit eingespannt werden. (bsc)