Statt Plattenvertrag: Direktvertrieb über iTunes & Co.
Der US-Anbieter Tunecore bietet Künstlern für einen Pauschalpreis von rund 32 US-Dollar im Jahr die Musikdistribution über Online-Musikshops wie iTunes, Amazon MP3 und andere Branchengrößen.
Der Vertrieb von Songs und Alben hat sich in den vergangenen Jahren radikal verändert. Bekannte Künstler und Bands wie Trent Reznor (Nine Inch Nails) oder Radiohead setzen vermehrt auf den Direktvertrieb per Internet – nicht zuletzt, um teure Abschlagszahlungen an die Plattenfirmenbürokratie zu vermeiden und mehr Reingewinn zu erwirtschaften, der auch durch den Wegfall der CD-Herstellung steigt. Große Online-Musikplattformen wie Apples iTunes haben in ersten Ländern die Distribution physischer Tonträger überholt. In den USA verkauft so inzwischen nur noch der Supermarktriese Wal-Mart mehr Musik, dürfte jedoch Marktbeobachtern zufolge auch bald überholt werden.
Die veränderte Situation bedeutet allerdings nicht zwingend, dass es junge Bands viel einfacher haben, Käufer für ihre Werke zu finden. Sie können ihre Songs zwar in sozialen Netzwerken wie MySpace bewerben, doch gehen sie dort häufig im riesigen Angebot unter. Auch die Platzierung und der Verkauf von Alben und Singles in den großen Musikangeboten ist alles andere als einfach. So verhandeln die marktbeherrschenden Anbieter noch immer am liebsten mit traditionellen großen und kleineren Plattenfirmen, deren Gesamtkatalog sie auf einen Rutsch aufnehmen können, ohne sich mit einzelnen Künstlern auseinandersetzen zu müssen.
Der US-Musikdienstleister Tunecore will das nun ändern und bietet das Einstellen in diverse große Plattformen auch für Musiker ohne Plattenvertrag an. Er übernimmt dabei die gesamte Backend-Infrastruktur: Künstler übergeben ihre Musik an TuneCore und das Hosting sowie die Bezahlabwicklung laufen über den Anbieter. Tunecore unterstützt zur Zeit iTunes in allen Vertriebsgebieten, Amazon MP3, Rhapsody, Napster, E-Music, Lala.com sowie einige kleinere Anbieter mehr. Neben dem Einzelabsatz werden auch Abomodelle angeboten.
Die Kosten halten sich dabei in Grenzen: So verlangt Tunecore für das Hosting pro Album 19,98 US-Dollar im Jahr. Hinzu kommen 99 US-Cent pro Song und eine Gebühr von jeweils 99 US-Cent pro Online-Laden, in den ein Album eingestellt wird. So kommen bei einem Werk mit elf Titeln insgesamt 31,86 US-Dollar zusammen. Erwähnenswert dabei ist, dass es sich hierbei um einen Pauschalpreis handelt: Der Künstler erhält die vom Download-Laden ausgezahlte Summe vollständig. Das sind bei iTunes beispielsweise 70 US-Cent pro Song oder 7 US-Dollar pro Album mit elf oder mehr Titeln; Alben mit weniger Titeln werden pro Song abgerechnet. Etwas komplizierter wird es hingegen bei Amazon MP3: Der E-Commerce-Riese bietet Künstlern zwar verschiedene Vergütungshöhen an, behält sich aber vor, selbst Preisreduktionen vorzunehmen.
Tunecore bietet neben dem Verkauf von Songs und Alben auch noch den Vertrieb von Musikvideos an. Dies ist allerdings mit 85 US-Dollar pro Stück mit weniger als fünf Minuten Länge deutlich teurer als bei Alben. Hinzu kommen die üblichen 19,98 US-Dollar im Jahr an Hosting-Kosten. Extra berechnet wird auch, wenn man ein Video zurückzieht. Für die bei iTunes für 1,99 US-Dollar verkauften Filmchen kann ein Künstler dann immerhin 1,40 US-Dollar verdienen. Weitere Tunecore-Dienstleistungen betreffen die Überwachung der Verkaufsaktivitäten: Für 2,98 US-Dollar im Monat kann man sich detaillierte Statistiken herunterladen, die auch Verkaufsländer und Städte enthalten, da diese von iTunes-Nutzern angegeben werden.
Der US-Anbieter, der seinen Sitz in Brooklyn, New York, hat, ist nicht der einzige Dienstleister, der unabhängigen Bands den Zugriff auf iTunes, E-Music und diverse weitere Anbieter ermöglicht. Der Independent-Dienstleister CDBaby, der anfangs vor allem physische Tonträger verkaufte, bietet schon länger alternativ auch den digitalen Vertriebsweg an. Allerdings sind dort mit einem Pauschalbetrag nicht alle Gebühren abgegolten. Stattdessen verlangt CDBaby pro digital verkauftem Song eine Kommission von neun Prozent – Gebühren, die Apple und Amazon erheben, kommen noch hinzu.Ben Schwan/ (gr)