Was war. Was wird.
Ein große Sauerei aus miesen Ideen? Ja, so könnte man das Internet auch bezeichnen, wenn man unbedingt will. Ach, wenn sich Techniker und Kulturkritiker mal einig sind, hat das doch auch was Schönes, säuselt Hal Faber. Und dann kommt doch das Web 3.0.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Schluss, aus und vorbei die schönen Jahre, als der Sekt in Strömen floss und Kaviar mit Esslöffeln gefuttert wurde. Jetzt kommt der Wiederaufbau und das Wirtschaftswunder, von dem wir doch besonders viel verstehen. Eine ehrliche Zeit mit ehrlichen Häuten, die Leistungswasser trinken und die Baby Sea Kittens nicht mehr in sich hineinlöffeln. Leistung muss sich wieder lohnen, Herr Ballack. Jetzt wird in die Hände gespuckt und diese dann in Unschuld gewaschen. Diese böse Finanzkrise da draußen, was hat sie denn mit der friedlich in der Herbstsonne stinkenden norddeutschen Tiefebene zu tun, in der der letzte Mais gemahlen und die Wintersaat ausgebracht wird? Dort, wo die gierigen Bussarde sich so vollgefressen haben, dass sie auf dem Boden hocken, unfähig zum Abflug. Schnell ist es vergessen, dass durch die Bank alle gierig waren, die sich ein bisschen Gier leisten konnten. 10.000 Hamburger zockten mit den Lehman Brothers, mehr als die happy few vom Elbufer. Wie gut, dass jetzt der Weltspartag kommt und jeder wieder seines Schweines Glück ist.
*** Wer wirklich einen heißen Tipp haben will, wie ein guter Neustart aussehen kann, sollte sich die Folie Nummer 42 (!) der aktuellen Präsentation von SCO betrachten, die bei Groklaw in ihrer ganzen Schönheit zu sehen ist. Aller Müll bleibt bei einer alten Firma namens SCO Group, Werthaltiges wird in eine neue Firma investiert, die mit fettem Kapital aus dem Morgenland in die Zukunft dampft, komplett mit allen Unix-Rechten. Wesentlich komplexer ist der Umgang mit den übel riechenden Krediten nicht, den die Banken demonstrieren, komplett mit einem Stunt von Ackermann.
*** Selbstverständlich sind nicht alle Neugründungen von Firmen Betrügereien im großen Stil. Manchmal steckt der Wunsch, es allen mal richtig zu zeigen, in einer Firma wie bgCCC, ähem bgC3. Was Bill Gates recht ist, ist Andy Bechtolsheim, allen Dementis zum Trotz, noch rechter. Außerdem ist die Begründung für sein Engagement bei Arasata, ähem Arista Networks lesenswert: "My iPhone runs better software than a typical switch. It is just mind-boggling that the cheapest consumer product has more robust software than what the Internet runs on." Man denke nur an das Geburtstagskind DNS-System, das von seinem Erfinder Paul Mockapetris als "a big mess of rotten ideas" bezeichnet wurde.
*** Gut, andere Systeme sind auch nicht besser dran, wenn man die Nachrichten vom Hubble-Teleskop liest, wo sich die Programmierer mit einem veralteten 486er herumschlagen müssen. Besser sind da Belladonna und Damiana drauf, die dieser Tage am Albert Einstein-Institut eine Neutronensternkollision durchgerechnet haben, mit wirklich schicken Ergebnissen. Ob dabei wirklich der berühmte "Stein von Rosetta" des inneren Aufbaus eines Neutronensternes gefunden worden ist, wird sich zeigen. Heller als 10 Milliarden Sonnen soll es scheinen, wenn zwei Neutronensterne kollidieren. Passt dieser Gipfel der Physik eigentlich zum Bildungsgipfel, der ebenfalls in dieser Woche stattfand? Immerhin kollidierten mit Angela und Anette zwei Supernovae, dass sogar die tageszeitung tief in den klassischen Bildungskanon griff und eine Qualitätsdebatte nach der Komparation Denk-Denker-Denkste aufmachte: "Latinum fundamentum est für Denken, Kultur et überhaupt: Ceterum censeo Bildung esse lernendam! Cui bono, hic salta! Deutschland est amor vati. Conclusio: Imperium germaniae imperii imperorum dominibit globum! Tantum quale schavanem, papa asinus est. Juventus in schola est dulci et decoriwumm esse wie trinke. Alea gaga est! Sumus gans ballaballa. Lirum larum fickusfickus: total in eimero, quibus quicki qui quick quack." 2015 sollen die ersten Gipfelgelder fließen. Für all die beflissenen Bildungsgipfler sei die Weisheit angefügt "Si tacuisses philosophus mansisses" – und wieder sind uns die Froschesser voraus.
*** Lustig ist die Empörung, die Elke Heidenreich in der deutschen Kultur erzeugt hat. Für WWWW-Nerds wäre die analoge Zusammenfassung ein Heise-Autor, der die letzte c't als "gequirlte Scheiße" empfand und sich wundert, nicht mehr in dem Blatt schreiben zu dürfen, das gerade groß seinen 25. Geburtstag feiert. Elke "Lesebefehl!" Heidenreich ist nicht mehr zum Ausschalten und hat hoffentlich die Muße, den tollen Drei-Stufen-Test zu überdenken, den ihr Sender erfunden hat. Er soll für die Internet-Angebote der GEZ-gesponserten Sender gelten. 1. Eine neue Website wird ordentlich bei der Fernsehwebseitenzulassungsstelle angemeldet. 2. Die behördliche paritätisch besetze Prüfkomission der Fernsehwebseitenzulassungsstelle prüft den Gemeinwohlnutzen der Webseite nach der Digital Extreme Definition. 3. Alle Monster des Webs trampeln als Mitbewerber über die Website, die Reste werden von Carmen Nebel und Florian Silbereisen präsentiert. Ja, das ist deutsche Internet-Kultur, begleitet vom Sesamstraßen-Song "Wie, wo, was weiß Ranicki." Fehlt irgendwo ein schnuckeliger kleiner Bücherblog zur Rettung des Abendlandes? Es gibt im Fernsehen einen Shitpoint und er wird mantamäßig niedergelegt. Da helfe uns doch Denis Scheck.
*** Das Wort der Woche ist zweifelsohne der Terahertz-Scanner. Es klingt ganz harmlos wie Flachbett-Scanner oder Freibad-Spanner. Wissenschaftlich ist die Diskussion um diese Scanner seit langem in Gang, es gibt sogar ethische Bestimmungen zu dieser Technik, die besagen, dass die Personen, die einen Body-Scan am Bildschirm sehen, den visualisierten Nackten nicht in der Realität sehen dürfen. Das Prinzip wird in den ach so prüden USA strikt eingehalten und ist in Europa übergangen worden. Darum wanderte der Terahertz-Scanner in dieser Woche in die Nachrichten. Als Nackt-Scanner erregte er gar das Missfallen unseres Innenministers. Er findet Nackt-Scanner schlimm, genau wie Beleidigung als STASI 2.0. Vielleicht ist die Annahme gar nicht so abwegig, dass Worte Geschichte machen, wenn man sie nur geschickt genug wählt. Zum Nackt-Scanner passt der Wellentöter für den Taser oder der Peepshowchip für RFID. Freiheit statt Angst ist die falsche Lösung, wenn eine ordentliche Portion Angst reicht, ein Millionenspiel über den Wert der Freiheit in die Diskussion zu rücken. Der Nackt-Scanner hat jedenfalls dem Newspeak von Big Brother einen Spin verliehen, der vorerst die gesamte Technik diskreditiert. Natürlich kann der erste entdeckte Attentäter mit einer umgeschnallten Bombe die Diskussion umpolen. Die Sprache ist ja flexibel, wenn es um Gefallene und Märtyrer geht.
Was wird.
25 Jahre wird die c't und darum steigt im schönen Hannover eine ordentliche Party. Eingeladen sind nur Personen, die die c't heute Scheiße finden, weil sie früher ja ach so megatrillionenmäßig besser war. Wobei das immerhin von einer dynamischen Entwicklung kündet. Betrachten wir nur die Chip, die kürzlich zu ihrem 30. Jubiläum die erste Ausgabe im A5-Format nachgedruckt hat, damit man nachlesen kann, dass die Texte damals genauso grauenhaft waren wie heute. 25 Jahre c't überkreuzen sich übrigens mit der Geburtstagsfeier eines gefürchteten, gehassten und von manchen auch geliebten Wortprozessors. Zur Feier des Tages gelobe ich, die nächste Wochenschau zwar nicht mit dem Osborne CP/M-Schlepptop zu schreiben, aber doch mit Electric Pencil, der Software des genialen Michael Shrayer. Der ePencil stellte mit CTRL-H einen leeren Bildschirm zur Verfügung, wie ihn heute nur noch Systeme wie Q10 kennen, mit ESC konnte ein angeschlossener Kassettenrecorder gestartet/gestoppt werden, womit der Traum jedes Interview-Abschreibers unter dem Namen Dict-A-Matic in Erfüllung ging. Dummerweise wurde ESC auch für andere Befehle benötigt.
Um auch einmal den Bert Brecht zu missbrauchen: Was ist die Feier des Vergangenen gegen die Feier des Kommenden? Natürlich ist das Jubiläum eines Computerblattes in Hannover nur eine Miszelle verglichen mit den Stürmen, die der Feldafinger Kreis in der kommenden Woche entfachen will. Der Presseeinladung entnehme ich, dass die KI-Forscher wie die Trend-Experten aus Feldafing in Darmstadt eine Konferenz zur Zukunft des WWW abhalten und dabei das "Web 3.0" in Angriff nehmen werden. Vergesst Textverarbeitungen, vergesst soziale Netzwerke, hört auf zu twittern. 3.0 ist eine große Wolke, die uns alle benebeln wird. Cloud komme, auch wenn mal wieder der Körper dem Wecker vorauseilt, oh großes fliegendes Spaghettimonster, erbarme dich unserer Seelen, die diesen Cloudkrams nicht mehr hören können. Daher jetzt die Kopfhörer aufgesetzt und McCoy Tyner gehört, der im Dezember seinen 70. Geburtstag feiern wird: Der Kompagnon von John Coltrane in seinem Quartett und bis heute grandiose Pianist nun altersweise mit (unter anderem) dem auch nicht mehr ganz so jungen Wilden Marc Ribot, das hat was. (Hal Faber) / (jk)