Déjà vu
Sie lesen von einer revolutionären technischen Neuerung und denken, die Geschichte kommt mir doch irgendwie bekannt vor. Wahrscheinlich haben Sie Recht.
Kennen Sie das? Sie lesen von einer revolutionären technischen Neuerung und denken, die Geschichte kommt mir irgendwie bekannt vor. So ging es mir neulich erst wieder.
Japanische Forscher haben mit Hilfe der Quantenmechanik das Auflösungsvermögen eines Mikroskops drastisch gesteigert. Wie genau das geht, und welche Rolle die quantenmechanische „Verschränkung“ dabei spielt, haben Takafumi Ono, Ryo Okamoto und Shigeki Takeuchi kürzlich in einem Paper beschrieben. Und ich hatte das vage Gefühl, schon mal darüber berichtet zu haben. Aber das Paper war doch ganz frisch.
Aber der Reihe nach: Ono und Kollegen verbesserten ein so genanntes Interferenz-Kontrast-Mikroskop. In dem werden zwei Laserstrahlen auf das abzubildende Objekt gelenkt. Diese Strahlen werden reflektiert. Treffen sie auf unterschiedlich hohe Punkte, erzeugt das eine Phasenverschiebung. Diese Phasenverschiebung wird sichtbar gemacht, indem die reflektierten Strahlen überlagert werden. Das ist ziemlich tricky. Aber auch mit diesem Verfahren kann man keine beliebig kleinen Dinge sichtbar machen.
Stark vereinfacht: Bei einer Wellenlänge der Lichtquelle von 405 Nanometern hat das Mikroskop ganzgrobüberdendaumen 200 Nanometer Auflösung (mit ganz vielen technischen Tricks kitzelt die Halbleiterindustrie aus Lasern mit 193 Nanometer Wellenlänge Transistoren mit 22 Nanometer Strukturbreite heraus. Aber das ist eine andere Geschichte).
Jetzt kommt die Quantenmechanik ins Spiel. Die japanischen Forscher beschossen ihr Objekt nämlich nicht mit gewöhnlichen Lasern sondern mit verschränkten Photonen.
Bei miteinander verschränkten Systemen sind die Wellenfunktionen der einzelnen Komponenten - also hier der Lichtteilchen - überlagert. Misst man den Ort oder die Phase eines Photons legt man damit auch den Zustand des anderen Photons fest. Das bedeutet: Je mehr mit einander verschränkte Photonen ich auf mein Objekt schieße, desto besser wird die Auflösung.
Bedauerlicherweise ist die Produktion beliebig vieler verschränkter Lichtteilchen nicht so einfach - die Japaner erzeugten deshalb jeweils nur ein verschränktes Photonenpaar. Damit konnten sie dann aber ein Q sichtbar machen, dass sie in eine Glasplatte geätzt hatten und das sich nur 17 Nanometer über der planen Platte erhebt.
Ich hab gegoogelt, um zu sehen, ob noch jemand auf diesem Gebiet arbeitet. Und dann wurde mir klar, warum mir die Geschichte so bekannt vorkommt. Weil ich schon mal darüber geschrieben habe. Und zwar in der Ausgabe 21/2001 der c’t. Damals haben zwei US-Wissenschaftler gezeigt, dass sich mit solchen Quanteneffekten im Prinzip extrem kleine Chipstrukturen herstellen ließen.
Irgendein treuer c’t Leser hat diese Ausgabe nicht nur auf seinem Heimserver gespeichert, sonder per dynds-Dienst sogar an das Internet angebunden. In Form von reinem Text - die Umlaute sehen auch ganz merkwürdig aus. Wie früher, als ich noch mit dem Modem in Mailboxen unterwegs war.
Das ferne Echo der Vergangenheit illustriert ganz trefflich das schmutzige, kleines Geheimnis des Innovations-, Technik- und Wissenschaftsjournalismus: Fortschritt ist eine Schnecke. Wissenschaft spielt sich auf der Langstrecke ab. Wirklich neu ist nur selten irgendwas.
Jeder, dem ich das erzähle, winkt sofort ab. Wissen wir doch, bekomme ich zu hören. Ach ja? Wenn das so ist, warum fährt das Publikum so massenhaft auf die großen Shows ab, bei denen die Vordenker des Silicon Valley das jeweils nächste „Big Thing“ abfeiern? Was treibt die Menschen zu Tausenden auf die TED-Konferenzen dieser Welt, wo sie gebannt den Wunderprediger des digitalen Zeitalters lauschen, die Heilmittel für jedes mögliche Leiden verkaufen? Und natürlich die xte Revolution versprechen - in der Kommunikation, bei der Software, in Sachen Betriebssystem, und so weiter und so fort. Nichts gegen eine gute Show. Aber manchmal wäre mir ein bisschen weniger Bombast und ein bisschen mehr Substanz lieber. (wst)