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Was war. Was wird.

Nein, Kutcher und Twitter und CNN, das ist wirklich zu doof, um eine Anmerkung wert zu sein, findet Hal Faber, der manches Mal auch in einer zerbrechenden Welt lebt.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** "Auf den Gesichtern aller Zuhörer ging ein gefälliges und versonnenes Lächeln auf, und in ihren Beinen prickelte das Blut." Der Untergang hat bei Joseph Roth immer seinen morbiden Charme. Ja, es ist anregend und entspannend gleichzeitig, aber, bei etwas historischem Bewusstsein, auch etwas morbid, sich die Ausstellung Marc, Macke und Delaunay im Sprengel-Museum Hannover anzusehen, die nicht nur die "Schönheit einer zerbrechenden Welt zelebriert". Das eigentlich Faszinierende ist, in diesem Zerbrechen den Aufbruch in die Moderne zu entdecken, mit all ihrer eigenen Schönheit und ihrem eigenen Schrecken. Auch das findet sich bei Joseph Roth, nur einen Satz hinter dem versonnenen Lächeln – dann doch, die Vorahnung der untergehenden Welt: "Während sie noch standen, glaubten sie schon zu marschieren." Von Delaunays "Fenêtres ouvertes simultanément" oder Marcs "Katze hinter einem Baum" führt halt doch ein direkter, wenn auch nicht geradliniger Weg zu Picassos "Guernica" und Celans "Todesfuge". In Malerei und Literatur ebenso wie in der Gesellschaft. Es ist die Musik von Albert Ayler, der inzwischen und auch heute noch den musikalischen Kommentar dazu liefert.

*** Kommentieren möchten so viele, auch wenn sie eine zerbrechende Welt nicht beschreiben können. Allzu vieles ist aber wirklich keinen Kommentar wert – selbst US-Berichterstatter, von denen viele doch sonst allen Mist eifrig raportieren, wenden sich blamiert von dem Hype um jede noch so banale Gemütsregung auf Twitter ab. Wenn das Medium nicht nur die Botschaft ist, sondern den Nachrichtenwert bestimmt, dürfte das vorläufige Maximum der Medienidiotie erreicht sein, egal, was uns manch dem Zeitgeist hinterherhechelnde Kollege so einreden möchte. Es ist mir also völlig egal, ob Kutcher (wer war das noch mal, abseits seines Status als Moore-Ehegatte?) oder CNN ein selbst ausgerufenes Wettrennen gewinnt. Es gibt kaum etwas, was nicht wichtiger wäre.

*** 85.214.73.63 Die Bedeutung von Nummern, beispielsweise. Der schwarze Freitag liegt hinter uns. Die Firmen Deutsche Telekom, Vodafone/Arcor, Hansenet/Alice, Telefonica/O2 und Kabel Deutschland haben den Vertrag zum Einstieg in die Internet-Zensur in Deutschland unterzeichnet. Sie werden mithelfen, ein Stoppschild im Internet aufzustellen, dessen Text gute Chancen hat, als Beginn einer neuen Unfreiheit im Haus der Geschichte ausgestellt zu werden, komplett mit allen  Varianten. Komplett mit den entlarvenden politischen Hasstiraden über pseudo-bürgerrechtsengagierte Hysterie von Pseudo-Computerexperten von Politikern, die die Funktionsweise des Netzwerkes von Netzwerken nicht verstehen wollen. Komplett mit den deutlichen Kommentaren der zensurgeilen Presse, die vom "Pfuhl Internet" schwadroniert und hofft, dass die Entscheidungen nur der Anfang sind und dieser schmutzige Teich bald trockengelegt wird, damit das internetteste Bürgerleben wohlzensiert und gesittet ist.

*** 62.141.58.13 Natürlich werden Pseudo-Computerexperten sich einen ordentlichen DNS-Server suchen, der die staatlich verordnete Sicht auf das Internet umgeht. Es geht eben nicht um "die Angst der Internetgötter, ihr angebliches digitales Paradies könne eines Tages verloren gehen", wie der FAZ-Journalist meint. Es geht schlicht um Zensurfreiheit. Sowohl die norwegische wie die australische Sperrliste enthalten Imageboard-URLs mit manchmal abgeschmackten Fotos, auf denen der Pedobear tanzt oder Obamas Gesicht entstellt ist. Entsprechend wird auch unser BKA zensieren. Das eine "Vertreibung aus dem selbsternannten Paradies" zu nennen, kann nur der Nachrichenchef und Pfuhl-Experte der FAZ. Gegen den Müll der rechten Denkungsart muss man Mitten am Rand lesen, den besten Zeitungstext zu diesem Thema, der das Wahlkampf-Tool der Ursula von der Leyen entlarvt. Wenn der delirierende CSU-Politiker Uhl ankündigt, dass seine Fraktion all die vor sich hertreiben werde, die dem künftigen zusätzlich angeleierten Gesetz nicht folgten. "Wenn dieses Gesetz in Kraft tritt, wird es nicht Kinder vor Missbrauch schützen, nicht Täter vor sich selbst schützen oder dingfest machen, nicht Neugierige davor schützen, straffällig zu werden. Es wird nicht einmal etwas werden, mit dem die CSU irgendwen vor sich hertreiben kann."

*** 213.73.91.35 So läuft ins Leere, was ins Leere laufen muss, sich aber prächtig für den Wahlkampf gebrauchen lässt, Abtreibungen inklusive. Das gilt für alle Parteien, die das Internet als Trallafiti sehen. Auch das von der FAZ im gleichen Atemzug gefeierte erstinstanzliche Urteil gegen die Macher von Pirate Bay könnte ins Leere laufen. Vorerst sind andere Konsequenzen aus dem Urteil bemerkenswert, etwa die 3000 neuen Parteimitglieder, die in die schwedische Piratenpartei unmittelbar nach Bekanntgabe des Urteils eingetreten sind. Oder die schwedische Konsequenz, nicht den Müll eines großen Möbelhauses, sondern den Pirate-Bay-Server ins Technische Museum zu stellen, als Artefakt aus einer Zeit, in der eine Industrie feiernd in den Abgrund schlidderte, wie es in der taz heißt. Um mal das Positive mit den Augen der Springerpresse zu sehen – klarer kann man schließlich nicht sagen, wie die Gemengelage aussieht: "Noch ein paar Piratenbuchten mehr, und das neue Bündnis von Urheberrechtsschützern und jenen, die entschlossener gegen Kinderpornografie, Gewaltverherrlichung, Glücksspiel oder Extremismus im Netz vorgehen wollen – es steht."

*** Bleiben wir einen Moment bei Springer, schließlich gratoulliert auch dieser Verlag der ehemaligen alternativen tageszeitung zum 30. Geburtag durchaus treffend mit den Worten: "Ist es nicht schön, ein Alter erreicht zu haben, in dem man Cocktails trinkt, anstatt sie zu werfen?" Nun, es ist nicht schön, wenn eine Zeitung, gegründet gegen die freiwillige Selbstzensur deutscher Medien im Herbst 1977 mittlerweile ein Spießerblatt der Cocktailschlürfer geworden ist. Aber es ist nicht zu ändern, denn die Präservative des Wesentlichen sind gut gefüllt mit schlichten Meinungen. Etwa zur Gentechnik, die in dieser Woche für nette Schlagzeilen sorgte. Dabei ist sie doch besonders nützlich beim neuen Transhumanismus und seiner Frage, wie wollen wir den Menschen haben?

*** MON810 ist vorläufig in Deutschland verboten, doch das wird den Agrarkonzern Monsanto nicht daran hindern, seine mächtige PR-Maschine weiter laufen zu lassen. Erinnert sei an eine Zeit, als Monsanto deutsche Gerichte zur Zensur des Netzes bemühte. Kinderpornografie, Gewaltverherrlichung, Raubkopiererei und Gentechnikgegnerei sind auf den kleinsten Nenner p zu bringen, wobei p für Profit steht. Notfalls wird es sicher einen Alphajournalisten geben, der für wenig Geld den nötigen Gesamtzusammenhang herbeischreibt. Die Iniative Soziale Marktwirtschaft macht das ja wunderbar mit ihrem neuen Regionalranking vor. Danach ist die norddeutsche Tiefebene eher schwach von der Konjunkturkrise betroffen, sofern dort Genfraß und Genferkeleien erlaubt sind. Über all dem aber strahlt München und das Umland in Bayern, der eigentlichen Heimat des Analogkäses.

*** Zu den traurigen Nachrichten dieser Woche muss der Tod von Corín Tellado im Alter von 82 Jahren und von Sir John Maddox im Alter von 83 Jahren gezählt werden. Tellado war vielleicht nicht die große alte Dame der spanischen Literatur, mit über 4000 Texten aber ganz sicher die Weltrekordhalterin im Guiness-Buch der Rekorde. Mit einer Gesamtauflage von 400 Millionen Exemplaren lässt sie ähnlich bewunderte Schreibarbeiterinnen wie Rosamunde Pilcher hinter sich. Große Literaten wie Mario Vargas Llosa, der ihre Arbeiten betreute, haben Elogen auf Corín Tellado veröffentlicht. 1998 erhielt sie die goldene Arbeitsmedaille von Spanien, eine Auszeichnung für langjährige Arbeitsdisziplin. Vor 10 Jahren bekam sie den Asturien-Preis, lange vor Google. Mit John Maddox starb der engagierte Verfechter der "peer review", der erbarmungslos manch wissenschaftlichen Blödsinn wie dem vom homöopathischen Gedächtnis des Wassers entlarvte. Als Redakteur von Nature war Maddox, der für seine Editorials zwei Flaschen Rotwein brauchte, berüchtigt, den Autoren ihr Selbstlob um die Ohren zu hauen. "Was es noch alles zu entdecken gilt" war sein letztes Buch.

Was wird.

Zum 62. Mal lädt die Hannover Messe in die schönste Stadt der Welt ein. Aus ihr koppelte sich dereinst die CeBIT ab, in sie kann sich die CeBIT künftig reintegrieren, wenn das Gejammer der Branche weiter anhält. Anders als Software oder dieses klaut-Computing, was im Internet präsentiert werden kann, brauchen ordentliche Maschinen noch ordentliche Messen. Wo, wenn nicht auf der Hannover Messe, kann man das intuitive Elektromobil-Röllerchen "MoVi~" bewundern, das so "einfach wie ein Browser" gesteuert werden kann? Oder wie wäre es mit dem i-MiEV von Mitsubishi, dem Elektroauto in der Erfolgsspur des i-Phones? OK, für die Verschrottungshilfe kommen die Geschosse etwas spät.

Ganz anders laufen die Geschäfte offenbar in Berlin, wenn man den Machern der Funkausstellung Glauben schenkt. Bevor sich unter dem Funkturm Waschmaschinen und DVD-Player tummeln, ist Platz genug für die Medizintechnik, die auf der ConHIT ausgestellt wird. Die Augen ruhen dabei auf Microsoft, das die "internationale Gesundheitsplattform HealthVault" in Deutschland an den Start schickt und mit schicker Technik demonstriert, wie das "aktive Einbringen in die Gesundheitsplanung" aussehen kann. Arzt und Patient arbeiten gemeinsam am Surface-Tisch an der "Realisierung des Gesundheitspotenzials des Users". Über die Arbeit an der deutschen Sprache unterhalten wir uns später. (Hal Faber) / (jk)