Ein strahlender Abe

Zum Jahrestag der Atomkatastrophe wirbt Japans Regierungschef Shinzo Abe um Vertrauen fĂĽr seine Atompolitik. Mit einem alten Trick: Er isst Lebensmittel aus Fukushima.

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Von
  • Martin Kölling

Zum Jahrestag der Atomkatastrophe wirbt Japans Regierungschef Shinzo Abe um Vertrauen fĂĽr seine Atompolitik. Mit einem alten Trick: Er isst Lebensmittel aus Fukushima.

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe hat sich zum Medienfuchs gemausert. Kein Regierungschef vor ihm hat so die Botschaft der Regierung und der traditionell skandalträchtigen Minister kontrolliert wie er. Doch zum dritten Jahrestags der Atomkatastrophe in Fukushima beging er einen der ältesten Fehler der Medienarbeit.

Erst schaufelte er ostentativ Fisch aus der Region in sich hinein, um die misstrauische Bevölkerung zu überzeugen, dass lokale Nahrungsmittel sicher sind. Dann bekannte er am Montag auf einer Pressekonferenz: "Ich esse Reis aus Fukushima." Der gebe ihm Kraft. Ab Herbst will er sich noch mehr stärken. Dann hoffe er, Reis aus Tamura essen zu können, einer der bisher evakuierten Gemeinden um die Ruinen des Atomkraftwerks Fukushima 1, die jetzt wieder zur Besiedlung freigegeben werden soll.

Na dann, guten Appetit. Nur denke ich, dass diese zur Schau gestellte Sorglosigkeit nicht zur Vertrauensbildung beitragen wird. Wie Erfahrungen aus aller Welt zeigen, kann ein Politiker eine schon misstrauische Bevölkerung durch derartige Bekenntnisse und Vorführungen nicht davon überzeugen, dass alles gut und sicher sei. Und erst recht gilt das für die Angst vor verstrahlten Lebensmitteln.

Im Alter von 59 Jahren kann Abe wahrscheinlich Reis aus der Evakuierungszone essen, bis er buchstäblich strahlt. Dennoch wird Meister Tod ihn wahrscheinlich vor dem möglichem Ausbruch von Krebs erwischen.

Auch ich muss mit 48 Jahren nicht allzu wählerisch sein. Während der Atomkatastrophe sagten mir die Ärzte schon, dass ich in meinem Alter überlegen sollte, ob ich beim Durchzug einer Strahlenwolke noch eine Jod-Tablette schlucken wollte, um die Schilddrüse vor der Einlagerung von strahlendem Jod zu schützen. Mögliche Strahlenschäden sind halt auch eine Funktion der verbleibenden Lebensspanne. Je älter man ist, desto weniger muss man sich sorgen.

Eltern mit Kindern haben daher eine weitaus niedrigere Toleranzschwelle – auch in Japan. Die meisten wird Abe daher auch mit solchen PR-Stunts nicht in sein Lager ziehen. Dies zeigte eine Umfrage des TV-Senders NHK, nach der immer noch viele Familien mit Kindern aus Fukushima wegziehen, und nur ein Viertel der Weggezogenen zurückkommen will.

Abe hält dies dennoch nicht davon ab, sein Lieblingsprojekt weiter zu verfolgen: die Wiedereinschaltung möglichst vieler der derzeit allesamt abgeschalteten noch funktionsfähigen 48 Atomreaktoren. Alles ist unter Kontrolle im Atomkraftwerk Fukushima 1, ist sein Mantra.

Wobei Kontrolle bei ihm ein dehnbarer Begriff zu sein scheint. Unter Kontrolle in dem Sinne, dass Tokio für die nähere Zukunft nicht gefährdet ist, ist der Atomunfall wohl schon. Nach amtlichen Messungen ist die ohnehin geringe Strahlenbelastung in der japanischen Hauptstadt wieder auf Vorkrisenniveau und damit niedriger als in Paris. Und ich glaube, dass dies auch stimmt.

Doch von Kontrolle in dem Sinne, dass der Austritt von Radioaktivität aus den Atomruinen gestoppt worden wäre, kann nicht die Rede sein. Vielmehr gibt es Anzeichen, dass immer mehr radioaktiv verseuchtes Kühlwasser durch Risse in den Reaktorbehältern und Fundamenten ins Grundwasser sickert und damit ins Meer fließt. Darüber hinaus wachsen die Mengen an strahlender Brühe, die in den Tanks lagert, immer weiter an.

Nun ist der Pazifik groß und auch schon vor Japans Küste tief. Das Problem wird daher buchstäblich verwässert. Doch Fisch aus dieser Meeresregion würde ich dennoch umso ungerner essen, je mehr Zeit verstreicht. Im Landesinneren wird es dagegen mit jedem Jahr besser aussehen.

Aber so sehr Abe sich auch mit Reis aus der Region stärken mag, eine massenweise Neubesiedlung und reißenden Absatz für Produkte aus Fukushima wird er mit seinem Beispiel nicht bewirken. Warum soll man dort wohnen und lokale Lebensmittel essen, wenn man Alternativen hat, in denen die Strahlungswerte niedriger sind? Mich würden keine zehn Pferde zum Umzug nach Fukushima bewegen, so schön die Region auch sein mag. (bsc)