Der Heilige Gral der Feinmotorik
Auf einem Video punktet ein Industrieroboter gegen den Weltklasse-Tischtennisspieler Timo Boll. Kann das sein?
Auf einem Video punktet ein Industrieroboter gegen den Weltklasse-Tischtennisspieler Timo Boll. Kann das sein?
Kürzlich habe ich ein Video gesehen, das mir fast die Schuhe ausgezogen hat: Der Weltklasse-Tischtennisspieler Timo Boll und ein Industrieroboter schießen sich die Bälle um die Ohren. Boll ist 16-facher Europameister und der einzige Deutsche, der es je an die Spitze der chinesisch dominierten Weltrangliste geschafft hat. Seit mehr als zehn Jahren spielt er praktisch konstant unter den Top Ten der Welt. Doch gegen den Roboter-Arm hat er sichtlich zu kämpfen. Zunächst spielt ihn die Maschine nach allen Regeln der Kunst aus und geht mit 6:0 in Führung. Erst ein Netzroller und ein Kantenball – für die sich Boll brav beim Roboter entschuldigt – drehen das Spiel, und er kann den Satz knapp mit 11:9 gewinnen.
Neun Punkte gegen Timo Boll – wie kann das sein? Erleben wir gerade, wie nach Schach und Jeopardy die nächste menschliche Bastion fällt? Und das ausgerechnet beim schnellsten Ballspiel der Welt, das von seinen Spielern Reaktionszeiten im Bereich von wenigen hundertstel Sekunden verlangt?
Die Antwort ist: Es kann tatsächlich nicht sein. Das erkennt man schon im Video am Fehlen sämtlicher Sensorik. Dort steht nur ein nackter Roboterarm in einer leeren Halle, keine Spur von Stereo-Kameras, Scannern oder sonstigem Hightech-Equipment. Es handelt sich um ein Werbevideo des Herstellers Kuka für den chinesischen Markt. Dort ist Timo Boll vermutlich bekannter als Merkel, Luther und Goethe zusammen. Ein Anruf bei Kuka bestätigt: Das Match hat in dieser Form nie stattgefunden, die Szenen sind mit Hilfe diverser filmischer Tricks entstanden.
Trotzdem finde ich die Idee charmant, Tischtennis als ultimative Benchmark, als heiligen Gral der motorischen Fähigkeiten von Maschinen zu etablieren – so wie es Schach und der Turing-Test für die Künstliche Intelligenz war beziehungsweise ist. Die Roboter-Fußballer sollen ja um das Jahr 2050 menschliche Spieler schlagen. Wann wird es wohl beim Tischtennis so weit sein? Ich behaupte: Deutlich später, dafür ist der Sport einfach zu anspruchsvoll, schon alleine wegen des Spins. Aber bis dahin kann man ja eine Reihe weiterer Meilensteine anpeilen: etwa Spielkarten mischen, Kaninchen aus dem Hut zaubern oder Schlösser zerstörungsfrei öffnen.
(grh)