Gut gefüllte Pipeline für Neurodoping

Ritalin war nur der Anfang: Künftig dürfte die Auswahl an sogenannten Neuro Enhancern kräftig zunehmen, denn die Pharmaindustrie wittert einen interessanten Zukunftsmarkt, berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe.

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Ritalin war nur der Anfang: Künftig dürfte die Auswahl an sogenannten Neuro Enhancern kräftig zunehmen, denn die Pharmaindustrie wittert einen interessanten Zukunftsmarkt, berichtet Technology Review in seiner aktuellen Ausgabe 07/08 (seit dem 19. 6. am Kiosk oder hier online portokostenfrei zu bestellen).

Während der aktuelle Suchtbericht der Bundesregierung (PDF) Medikamentenmissbrauch noch hauptsächlich als Problem alter Menschen darstellt, berichten Experten wie Professor Hinderk Emrich, Leiter der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), von einer zunehmenden Zahl von organisch weitgehend gesunden Spitzenkräften, die nach Mitteln verlangen, mit denen sie noch besser werden oder das hohe Niveau dauerhaft halten können. Das gilt anscheinend vor allem für Leute vom Fach: In einer – nicht repräsentativen – Umfrage der Fachzeitschrift Nature gab jeder fünfte Forscher an, schon mit Hirndoping experimentiert zu haben, zwölf Prozent betreiben es regelmäßig.

Die Pharmaindustrie, immer auf der Suche nach lukrativen neuen Mitteln, bereitet laut einer Erhebung des Pharmaunternehmens Novartis nicht weniger als 600 neue Medikamente für bessere kognitive Fähigkeiten bei Krankheiten wie Alzheimer vor. Noch ist das sogenannte Neurodoping (PDF) hierzulande nicht die Regel. Doch Psychiater berichten, dass die Grenze zwischen Medikamenten und Drogen sowie zwischen krank und gesund verschwimmt – ähnlich wie zuvor schon der Unterschied zwischen Wiederherstellungs- und Schönheitschirurgie oder Erektionsstörungen und dem Wunsch, allzeit sexuell bereit zu sein. Müdigkeit und mangelnde Konzentration werden zu Symptomen, die es zu beheben gilt.

Viele Medikamente, die die kognitiven Fähigkeiten zum Beispiel von Demenzkranken verbessern sollen, verstärken die Wirkung von Botenstoffen (Neurotransmittern) an den Verbindungen (Synapsen) zwischen Nervenzellen. Auf diese Weise sollen die Schaltkreise für Aufmerksamkeit, Lernen und Gedächtnis positiv beeinflusst werden. Ein Ansatzpunkt ist etwa der Botenstoff Acetylcholin: Damit er länger wirkt, hemmen Medikamente wie das Alzheimer-Mittel Donepezil das Acetylcholin abbauende Enzym Cholinesterase. Erste Tests mit Piloten, die nach Einnahme von Donepezil im Flugsimulator bessere Ergebnisse erzielten, waren vielversprechend, doch das Mittel löste auch Übelkeit aus.

Die US-Unternehmen Helicon Therapeutics und Memory Pharmaceuticals etwa setzen nicht bei den Synapsen an, sondern bei den mit Lernen in Verbindung gebrachten Molekülen innerhalb der Neuronen. So sollte zum Beispiel die Produktion des Proteins CREB angekurbelt werden; als Transkriptionsfaktor reguliert es Gene, die die Verstärkung von synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen bewirken. Doch die Enzymhemmer, die für den CREB-Anstieg sorgen sollten, taten dies nicht an den richtigen Stellen – und seither hört man von den Substanzen nicht mehr viel. Auch die mit vielen Vorschusslorbeeren bedachten Ampakine von Cortex Pharmaceuticals, die das Gedächtnis über die Glutamatrezeptoren im Gehirn verbessern sollten, haben nicht überzeugt. Allerdings ist es nicht ungewöhnlich, dass scheinbar vielversprechende Kandidaten bei der weiteren Prüfung durchfallen. Angesichts von 600 potenziellen Hirndoping-Pillen ist zu erwarten, dass einige davon besser wirken als die heutigen.

Es geht längst nicht mehr nur um überarbeitete Manager und überehrgeizige Forscher. Einen viel größeren Markt machen alte Menschen aus. Für diese Zielgruppe schuf die Pharmaindustrie bereits den Krankheitsbegriff "mild cognitive impairment", die leichte Gedächtnisstörung. Tatsächlich ist aufgrund des immer genaueren Verständnisses der molekularen Grundlagen des Lern- und Erinnerungsvermögens zu erwarten, dass die nächsten Medikamente, die auch beim kognitiven Aufrüsten von Gesunden eine Rolle spielen werden, aus der Neuroforschung stammen werden. Wird es also eines Tages normal sein, Wach- und Schlaumacher so selbstverständlich einzunehmen wie Aspirin? "Das wird so kommen", sagt MHH-Professor Emrich, "jeder muss das moralisch selbst entscheiden. Aber sonst müsste man Alkohol auch verbieten, das ist ja auch ein gutes Schlaf- und Beruhigungsmittel." (wst)