Viele Leute, wenig Inhalt
Eine Polemik gegen ein uraltes Ritual auf Messen und Kongressen.
Eine Polemik gegen ein uraltes Ritual auf Messen und Kongressen.
Ich habe es wieder getan. Auf der Hannover Messe. Wider besseren Wissens. Es war mal wieder ein Triumph der Hoffnung über die Erfahrung: Ich habe mir eine Podiumsdiskussion angehört. In der naiven Erwartung, neue Argumente oder frische Gedanken zu hören, irgendwas in der Art halt. War dann natürlich wieder strunzlangweilig. Genau wie die unzähligen strunzlangweiligen Podiumsdiskussionen zuvor, zu denen ich Depp aus irgendwelchen Gründen immer wieder hindackele.
Die inhaltliche Ergiebigkeit solcher Veranstaltungen ist dabei umgekehrt proportional zur Zahl der Teilnehmer. Schon bei fĂĽnf Leuten ist locker eine halbe Stunde rum, bis sich alle vorgestellt haben und ihr Eingangsstatement losgeworden sind. Dann kommt jeder noch ein, zwei Mal zu Wort, und das war's. Wieder eine Stunde Lebens- und Arbeitszeit verschwendet.
Den Moderator trifft dabei meist keine Schuld. Das Problem liegt im Format selbst: Wenn jemand etwas Spannendes zu erzählen hat, dann würde ich ihm gerne ausführlicher zuhören. Wenn jemand nichts Spannendes zu erzählen hat, dann hat er auch nichts auf dem Podium verloren. Und wenn es zwei entgegengesetzte Positionen auszufechten gibt, dann reichen zwei Duellanten.
Trotzdem ist die Podiumsdiskussion auf Messen und Kongressen nicht auszurotten. Warum nur? Weil die Veranstalter mit ihr bequem einen Slot füllen können? Oder weil sie glauben, dass eine Podiumsdiskussion einfach irgendwie dazugehört? Man weiß es nicht.
Nun ließen sich klassische Podiumsdiskussionen ja relativ einfach meiden (was ich hiermit auch zu tun gelobe), doch das Format scheint um sich zu greifen. Auf der Internet of Things World letzten Herbst beispielsweise bestanden ganze Themenpanels nicht mehr aus Einzelvorträgen. Stattdessen saßen alle Referenten in einem Halbkreis und wurden von einem Moderator zu diesen und jenen Aspekten ihrer Forschung befragt.
Selten ist es mir so schwer gefallen, den Ausführungen zu folgen. Bei einem Einzelvortrag weiß man ja meist, was gerade dran ist: Erst kommt die obligate Selbstdarstellung, dann die Beschreibung des Problems, dann die eigene Methodik und schließlich so etwas wie ein Ergebnis. In einer unstrukturierten Gesprächsrunde verliert sich dieser Bezugsrahmen: Spricht jemand gerade über den allgemeinen Forschungsstand oder über die eigene, spezielle Forschung? Soll das jetzt das Problem sein oder schon die Lösung? Und was genau war noch mal neu daran?
Liebe Kongressveranstalter, streicht doch einfach diesen Wurmfortsatz der Tagesordnung und gebt stattdessen den einzelnen Referenten mehr Raum. (grh)