Meinung: Anpassung ist keine Option

Weil sich die lokalen Auswirkungen des Klimawandels so schlecht vorhersagen lassen, sollten wir ihn tunlichst verhindern.

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Von
  • John Reilly

Weil sich die lokalen Auswirkungen des Klimawandels so schlecht vorhersagen lassen, sollten wir ihn tunlichst verhindern.

Reilly ist Co-Direktor des "Joint Program on the Science and Policy of Global Change" am MIT.

Anfang April veröffentlichte der Weltklimarat IPCC einen neuen Bericht über mögliche Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel. Er versucht zu beschreiben, wer und was besonders empfindlich auf die Veränderungen reagieren wird. Die Schätzungen sind allerdings sehr unsicher. Das macht die Bemühungen, den Klimawandel zu verhindern, umso wichtiger.

Auf lokaler Ebene kann es beispielsweise vorkommen, dass für ein Gebiet Überschwemmungen und Dürren gleichermaßen vorhergesagt werden. Auch die direkten Risiken für die Bewohner sind nur selten aussagekräftig quantifiziert. Fragt man sich zum Beispiel, ob das persönliche Sterberisiko durch die Zunahme heißer Tage steigt, gibt der Bericht dazu nur folgende Antwort: "Lokale Temperatur- und Niederschlagsänderungen haben die Ausbreitung von einigen Krankheiten und Erregern verändert (mittlere Sicherheit)."

Ob die Änderungen nun bestimmte Risiken erhöhen oder senken, sagt der IPCC nicht. Selbst im abschließenden Teil des Berichts, der das Risiko für Küstengebiete beschreibt – etwa extremes Wetter, Nahrungsmangel, Trinkwasserknappheit –, fehlen genaue Angaben, wie viele Menschen betroffen sein werden und welches Ausmaß zu erwarten ist. Werden Extremwetter-Ereignisse die Zahl von Todesfällen und die wirtschaftlichen Schäden verdoppeln oder vervierfachen?

Oder steigt das Risiko in bestimmten Gebieten um zehn Prozent, während es woanders sinkt? Der Bericht gibt keine Antwort.

So bleibt er eine Ansammlung von Ereignissen, die irgendwem irgendwo vielleicht passieren könnten. Was das für den Einzelnen konkret bedeutet, bleibt unklar. Gut, ich sollte wahrscheinlich keine Immobilien an der Küste kaufen. Und wenn mein Einkommen von Meeresressourcen abhinge, würde ich mir einen anderen Job suchen – oder das zumindest meinen Kindern raten.

Allein: Ich mag diese Optionen haben, andere noch lange nicht. Hier führt der IPCC den Begriff des relativen Risikos ein: Arme und Ausgegrenzte seien gefährdeter, weil sie keine Mittel zur Anpassung haben. Doch darüber hinaus gibt es keine Hilfe für konkrete Entscheidungen, ob fürs tägliche Leben oder für langfristige Investitionspläne.

Stattdessen beschreiben die Autoren Beispiele für Anpassungsmaßnahmen in verschiedenen Regionen. Aber auch hier kommen sie letztlich nur zu dem Schluss, dass solche Maßnahmen hochgradig orts- und kontextspezifisch seien. Allein schon dieser Fakt steigert die Anpassungskosten, weil damit jedes Rezept für jeden Ort zu einem gewissen Grad neu entwickelt werden muss. Was in der Vergangenheit funktioniert hat, wird künftig nicht notwendigerweise wieder klappen – oder zumindest nicht gleich gut. Alles in allem liefert der IPCC-Bericht damit eher Argumente für die Vermeidung des Klimawandels als für die Anpassung. (bsc)