Die Woche: Wachstum in schwierigen Zeiten
Allmählich kann man es ja nicht mehr hören, das Gerede von der Krise. Hier gibt es zur Abwechslung gute Nachrichten.
Ich weiß, ich weiß: Allmählich kann man es nicht mehr hören, das Gerede von der Wirtschaftskrise. Und von der Krise als Chance redet sowieso niemand mehr. Trotzdem geht es hier noch mal um die Wirtschaftskrise – und zwar um die guten Nachrichten aus der Krise. Die richtig guten Nachrichten, wohlgemerkt, nicht die "angesichts der derzeitigen Krise erfreulich geringer Rückgang"-Nachrichten. Es geht um Open Source.
Als im letzten Jahr die Finanzkrise zur Wirtschaftskrise wurde, haben die Analysten gleich spekuliert, das könnte jetzt der Durchbruch werden für Open Source im Unternehmen. Die Firmen müssen sparen, also nehmen sie billige Open-Source-Software, so ungefähr ging die Argumentation. Ich fand das damals ein bisschen arg naiv gedacht – als ob jetzt alle Welt auf Linux, MySQL und OpenOffice umsteigen würde, nur um im Angesicht der drohenden Wirtschaftskrise ein paar Lizenzkosten einzusparen.
Naiv war aber offenbar ich. Das wurde mir erstmals im Januar auf der Open Source Meets Business in Nürnberg bewusst, wo sich eine ganze Reihe von Anbietern und Dienstleistern im Open-Source-Umfeld versammelt hatten. Tenor ausnahmslos aller Firmen, mit denen ich gesprochen habe: Die Geschäfte laufen so gut wie nie.
Ein paar Zahlen:
- Red Hat: Umsatzsteigerung im vierten fiskalischen Quartal 2009 (Ende 28. Februar 2009) – genau wie in den Quartalen zuvor
- Novell: insgesamt UmsatzrĂĽckgang im ersten Quartal 2009, aber 24 Prozent Plus bei Linux
- Actuate: Umsatzsteigerung von gut 30 Prozent im ersten Quartal 2009 mit der auf dem freien BIRT-Projekt der Eclipse Foundation aufsetzenden Business-Intelligence-Lösung
- Funambol, Anbieter einer quelloffenen Synchronisationssoftware: Steigerung der aktiven Funambol-Server um 40 Prozent in drei Monaten.
- SourceFire: Umsatz mit freier Sicherheits-Software in einem Jahr um 36 Prozent gestiegen
- Alfresco: Umsatz mit dem quelloffenen Dokumenten-Management-System im Jahresvergleich verdoppelt
- ERP-Spezialist Compiere: Umsatz verdreifacht
- Datenbankanbieter Ingres: plus 30 Prozent Umsatz
- Embedded-Linux-Spezialist Windriver: Jahresumsatz um neun Prozenz gestiegen
Nun werden Erfolgsmeldungen gerne verbreitet, Misserfolge aber selten herausposaunt; und nur wenige Anbieter im Open-Source-Umfeld sind börsennotiert und müssen ihre Zahlen offen legen. Es mag also durchaus Gegenbeispiele geben, von denen ich lediglich nichts gehört habe. Und es gibt auch Firmen, wo es nicht so gut läuft – Sun beispielsweise.
Trotzdem stehen diese Erfolgsmeldungen in einem auffälligen Kontrast zu den Krisenmeldungen, die ansonsten in letzter Zeit über den Ticker gegangen sind: Microsoft musste erstmals einen Umsatzrückgang ausweisen und baut Stellen ab. Ähnlich sieht es bei SAP aus. Auch bei Sage droht Stellenabbau. Adobe meldet einen geringeren Gewinn und Umsatz als im Vorjahr. Auf der CeBIT verbreitete der Bitkom zwar Optimismus, gab aber auch zu, dass 45 Prozent der deutschen ITK-Unternehmen weniger Umsatz oder Aufträge verzeichnen als vor der Krise erwartet. Allerdings gibt es auch hier Gegenbeispiele, etwa die Software AG.
All das erhebt natürlich keinen Anspruch auf Repräsentativität, aber in all den Wirtschaftsmeldungen, die in den letzten Monaten auf meinem Schreibtisch gelandet sind, scheint mir doch eine Tendenz zu stecken: Im Open-Source-Bereich läuft es besser als anderswo. Bringt die Wirtschaftskrise also doch den Durchbruch für Open Source im Unternehmen?
Glaube ich trotzdem nicht. Im Gegenteil: Der "Durchbruch" hat schon längst stattgefunden – nur dass es kein Durchbruch war, sondern eine langsam zunehmende Akzeptanz. Keine IT-Abteilung wird sich ausgerecht in Zeiten knapper Kassen auf das Experiment "Umstieg auf Open Source" einlassen – aber vielleicht auf Grundlage guter Erfahrungen damit den Einsatz ausweiten. Insofern profitieren die Open-Source-Firmen, deren Geschäfte gut laufen, weniger von der Krise als von der guten Arbeit, die sie bislang geleistet haben.
Und das heiĂźt dann auch, dass mit dem Ende der Krise der Boom nicht vorbei sein wird. Was ja auch eine gute Nachricht ist. (odi)