Was war. Was wird.
Vier Innenverteidiger? Der Rücken von Neymar? Interessiert Hal Faber nicht, der nimmt sich fußballfrei. Zu Hause läuft in Berlin das Sommertheater an. Da bringen sie eine moderne Farce zur Aufführung: Spion und Spion. Leider nicht so lustig.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
(Bild:Â Privat)
*** Huch, ein Bild? Ist schon Sommerrätselzeit? Sind die Nachrichten allealle und die Kaimane in Baggerseen aufgewacht? Was ist mit der Wirbelsäule des brasilianischen Papageis? Monty Pythons Comeback gescheitert, die Truppe hinter Gittern? Aber nicht doch, die Auflösung kommt sofort, schließlich stecken wir im größten Bundes-Nachrichten-geDümmel aller Zeiten. Da soll nun nach Berichten der Süddeutschen Zeitung ein BND-Mitarbeiter für die USA spioniert haben. Er soll sich vor allem um geheime Dokumente gekümmert haben, die der NSA-Untersuchungsausschuss auswertet. Die Sache ist alles andere als klar: nur ein einziger Mann, der auch noch per schlichter, unverschlüsselter E-Mail die CIA kontaktierte? Gut, die USA wollen wissen, was die deutsche Politik über die NSA weiß. Würde der 31-jährige Mann für die wieder mal bösen Russen spioniert haben, wäre seine Verhaftung kein Thema. Aber für einen eng befreundeten Geheimdienst, da verhaftet man doch nicht, da kopiert man den USB-Stick und teilt sich brüderlich die Erkenntnisse und gut ist.
Die Presse mag sich noch über die Zerstörung eines Bündnisses aufregen, aber das war es denn auch schon. Schließlich will auch der BND wissen, was die Politik via Untersuchungsausschuss über den BND weiß. Die jahrelange Arbeit an der parlamentarischen Kontrollverlust-Kommission vorbei muss ja auch irgendwie dokumentiert werden. Mindestens zwei Dutzend BNDler dürften sich mit dem Ausschuss beschäftigen, immer brav auf der legalen Suche nach OPINT. Nachrichten vom Ausschuss wie die über den beflügelten Drohnenkrieg gibt es ja genug, die ausgewertet werden müssen.
*** Damit klärt sich auch des Fotos Rätsel: es handelt sich um eine Rudolf-Steiner-Schule der Verehrer übersinnlicher Schleiertänze. Sie war einstmals ein Kampffort des Oberkommandos der Wehrmacht und später gemeinsamer Sitz von CIA, NSA und BND mit dem hübschen Tarnnamen: "Dokumentationsstelle für Wehrtechnik und Umweltschutz". In der Schulgeschichte heißt es zur Zeit nach 1990, als die Operation Blackfoot begann:
Die USA versprachen sich durch die Einbindung der Deutschen besonders effektive Informationenbeschaffung. So wurde das Gebäude ab 1990 im Föhrenweg zur Mitnutzung durch den BND freigegeben und genutzt. Die Amerikaner waren im Untergeschoss des Gebäudes. Die anderen Etagen benutzten die Mitarbeiter des BND. Man versprach sich gegenseitige Hilfe und vollständigen Informationsaustausch. Die Eigenständigkeit beider Geheimdienste wurde natürlich beibehalten, zumal die Interessen beider Staaten nicht gleich sind und auch ein gegenseitiges Misstrauen vorhanden war. Die Amerikaner waren umfangreich mit Geld und speziell ausgerüsteten Kraftfahrzeugen ausgestattet. Der BND arbeitete zumindest anfangs sehr zögerlich und schwerfällig....
Im Aktensicherungsraum des BND stand ein Faxgerät, das Texte nicht nur ins Hauptquartier nach Pullach faxte, sondern praktischerweise auch zu einem CIA-Anschluss. In der Welt der Schlapphüte gibt es nicht nur die Spione, sondern auch die Informations-Wasserträger, die Agentenführer und die Agentenumdreher. Aus gegebenem Anlass sei an die abenteuerliche Geschichte von Hüseyin Yildirim erinnert, der als Transporteur zwischen dem DDR-Spion James W. Hall und dem Ministerium für Staatssicherheit arbeitete. Anlass ist Imperium ohne Rätsel, das diese Woche erschienene Buch vn Klaus Eichner, des Chefanalytikers der DDR-Aufklärung über die NSA. Es kaut in weiten Teilen die Geschichte von Edward Snowden wieder und betreibt Geschichtsklitterung mit der Behauptung, dass sich das Ministerium für Staatssicherheit an die Gesetze gehalten habe, die NSA hingegen nicht.
*** Interessanter ist da ein anderer Punkt: Zehn Aktenordner fĂĽllte die von Hall als Printout entwendete und von Yildirim kopierte Bestandsaufnahme der NSA, die National SIGINT Requirements List (NSRL) mit den InformationswĂĽnschen der NSA, den sogenannten Informations-Selektoren ĂĽber Personen und Einrichtungen:
"Wir wussten: Die Einspeisung der Namen in die NSA-Computer bewirkte, dass bei jeder Nennung des Namens in einer Aufzeichnung diese weitere selektiert werden würde. Gleichzeitig war klar, dass damit eine strenge Überwachung und nachrichtendienstliche Bearbeitung bei Einreisen in die USA verbunden sein würde. Wir konnten mittels der Informationsinteressen der Intelligence Community nachweisen, wie stark bereits Anfang der 80er Jahre deren Interessen auch an der Aufklärung und Bearbeitung der westlichen Verbündeten waren."
Fünfzig Blatt umfassten die Informationswünsche über französische Personen und Einrichtungen, 35 Blatt galten dem Partnerland Westdeutschland. Dass dieses Material nach Auflösung der Stasi unter strenger Geheimhaltung an die USA zurückgegeben wurde, mag man wie Eichner als Skandal sehen. Zumindest der Verfassungsschutz hat sich aber die NSRL angesehen und 94 Seiten genauer analysiert. In diesen Tagen haben gab es viel Wirbel um die Überwachung des Tor-Netzwerkes durch die NSA, weil der Source-Code von Selektoren veröffentlicht wurde. Für sich genommen nichts Neues, seitdem die Existenz des 2006 von der NSA vorgestellten Programmes Mjölnir durchsickerte. Mjölnir ist in der nodischen Sage der Hammer von Thor, mit dem nach Meinung der Programmierer das Tor-Netzwerk gedengelt werden sollte, denn Tor stinkt bekanntlich. Nun hat also die Analyse des Source-Code begonnen, die zumindest ans Tageslicht bringt, das vieles aus den Snowden-Unterlagen etweder ein Fake sein könnte oder aber aus Lernmaterialien stammt. Die Schlussfolgerung der Entrüster, dass das Linux Journal Lesestoff für Extremisten birgt, erscheint abwegig:
// START_DEFINITION
/* These variables define terms and websites relating to the TAILs (The Amnesic Incognito Live System) software program, a comsec mechanism advocated by extremists on extremist forums. */
$TAILS_terms=word('tails' or 'Amnesiac Incognito Live System') and word('linux' or ' USB ' or ' CD ' or 'secure desktop' or ' IRC ' or 'truecrypt' or ' tor ');
$TAILS_websites=('tails.boum.org/') or ('linuxjournal.com/content/linux*');
// END_DEFINITION
Noch abwegiger sind eigentlich nur noch die Hacker des Chaos Computer Clubs, die in ihrer Stellungnahme zu den bekannt gewordenen Programm-Schnippseln davon sprechen, diese Bezeichnung fĂĽr Extremisten sei "ein weiterer Sargnagel fĂĽr diese Geheimdienste und ihre Partner." Wie war das noch bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichtes, als verfassungsamtlich festgestellt wurde, dass Extremisten VerschlĂĽsselung benutzen? Kein Aufschrei, nirgends.
*** Ist es auch Wahnsinn, so hat es doch Methode: unter den Neuerscheinungen dieser Tage gibt es ein weiteres Buch, Deep Web von Anonymus. Geschlagene 200 Seiten quält sich da ein Autor mit bemühtem Schreibstil ab, um die wilde, dunkle Welt von Tor zu beschreiben. Immer wieder werden LKA-Beamte und Staatsanwälte vom Autor befragt, was sie zum schlimmen Tor sagen; immer wieder betonen sie "in geschliffenem Beamtendeutsch", dass Tor in anderen, fernen, schlimmen Ländern die Meinungsfreiheit schützen hilft. Kein Interview mit den Ermittlern, das nicht in einem Plädoyer für die Vorratsdatenspeicherung endet. Besser kann das nur noch die Gewerkschaft der Polizei, wenn sie jubelt, dass die Vorratsdatenspeicherung kommen wird, damit wir Tor und Tails-Extremisten nichts zu lachen haben.
Was wird.
Ja, es gab noch andere Themen, etwa die Anhörung im Bundestag zur künftigen Drohnenpolitik, einen dröhnenden Schlagabtausch zwischen den Parteien und eine selbstfrauliche Vorentscheidung der Ministerin. Damit ist das Thema nicht gegessen, denn immerhin fragen sich sogar SPD-Politiker, warum man sich bei all dem NSA-Theater für ein US-System entscheiden sollte, das als Killer-System bekannt ist. Schließlich sind genau in diesem Punkte die deutsch-israelisch-afghanischen Beziehungen bestens eingespielt, schließlich kommen 40 Prozent der Heron-Bauteile aus Deutschland. Die Diskussion wird lustig weiter gehen. Damit komme ich zu einer Premiere der besonderen Art: Wenn diese kleine Wochenschau längst online im Netz steht und die Sonne über Deutschland lacht, wird erstmals ein Blogger und "Krautreporter" im ehrwürdigen Presseclub der ARD auftreten, der einstmals ein "Frühschoppen" war. Gesoffen wird längst nicht mehr. (vbr)