Busrouten nach Bedarf

Ein Start-up will in der US-Metropole Boston den Nahverkehr revolutionieren: Statt feste Linien zu nutzen, sollen Kunden sich kĂĽnftig per Smartphone zusammenfinden.

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Ein Start-up will in der US-Metropole Boston den Nahverkehr revolutionieren: Statt feste Linien zu nutzen, sollen Kunden sich kĂĽnftig per Smartphone zusammenfinden.

Der öffentliche Personennahverkehr, kurz ÖPNV, ist nicht das flexibelste aller Transitsysteme. Busse und Bahnen folgen normalerweise einem festen Fahrplan, der vielleicht einmal im Jahr angepasst wird. Es liegt somit in der Natur der Sache, dass der ÖPNV auf Bedürfnisveränderungen seiner Fahrgäste nur mit Verzögerung reagieren kann.

In der US-Ostküstenmetropole Boston versucht sich eine junge Firma namens Bridj nun an einem neuen Ansatz: Sogenannte Pop-up-Busse, die sich den Wünschen der Fahrgäste anpassen und nicht umgekehrt.

Bus in Boston: Bridj will den regulären ÖPNV ersetzen.

(Bild: Wikipedia / PD)

Zumindest soll das so sein: Die Routen, die das Start-up künftig bedienen will, bestimmt Bridj über einen eigenen Algorithmus, der zahlreiche Parameter einbezieht – etwa, wo genau jetzt besonders viele Menschen, arbeiten und ihre Freizeit verbringen. Hier liegen dank Online-Erfassungssystemen mittlerweile sehr genaue Daten vor, die über das hinausgehen, was etwa eine Verkehrszählung leisten kann. So verkaufen Mobilfunkanbieter schon seit längerem anonymisierte Bewegungsdaten, die auch schon Einkaufszentren oder Sportstätten als Indikatoren dienen, ob ihr Angebot bei der Zielgruppe wirklich so gut ankommt, wie es ankommen sollte.

Laut Bridj werden unter anderem die Postleitzahlen von Arbeitsplatz und Wohnort ebenso ausgewertet wie GPS-Daten von Handys, Facebook-Statusmitteilungen und Twitter-Botschaften mit Ortsangaben sowie Check-ins bei Ortsdiensten wie Foursquare. Zudem nutzt der Algorithmus auch Daten der Stadtverwaltung, des aktuellen Zensus und andere öffentlich zugängliche Informationen.

Bislang ist das Betriebsgebiet von Bridj noch recht eingeschränkt.

(Bild: Bridj)

Auch nach dem Erkennen interessanter Strecken in einem Stadtgebiet geht Bridj anders vor als die Konkurrenz. Statt richtige Linien mit vielen Zwischenhalten aufzubauen, werden Punkt-zu-Punkt-Verbindungen angeboten, die nonstop in Form eines Expressbusses abgefahren werden. Zwischengeschaltete Stops gibt es in der Regel nicht – außer, der proprietäre Bridj-Algorithmus kommt eines Tages zu einem anderen Schluss.

Innerhalb von drei Monaten sollten so mindestens 18 Routen in den Regionen Boston und Cambridge zusammengestellt werden. Bridj selbst ist dabei nicht der Betreiber der Busse: Die Fahrzeuge stellen örtliche Fuhrunternehmer, die das Start-up zu diesem Zweck gebucht hat.

Billig ist der – potenziell durchaus bequeme – Spaß aber nicht. Pro Reise verlangt Bridj zwischen 5 und 8 Dollar, das ist deutlich mehr, als für U-Bahn oder Bus im Rahmen des Verkehrsverbundes von Boston gezahlt werden müsste. Dafür gibt's aber immerhin bequeme Einzelsitze, WLAN zum schnellen Gang ins Internet vor der Arbeit sowie ein paar Gratis-Snacks. Damit erinnert Bridj ein wenig an die Angebote, die Firmen wie Google oder Apple ihren Mitarbeitern in der Region San Francisco machen: Auch hier fahren Luxusreisebusse festgelete Routen ab, bringen Manager wie Ingenieure am Morgen in die Firma und am Abend wieder zurück.

Die Bridj-App sammelt interessierte Fahrgäste ein.

(Bild: Bridj)

In ersten Tests der Demonstrationsrouten zeigte sich bereits, dass Bridj durchaus schneller ist als Bostons ÖPNV-Anbieter. Das dürfte vor allem den Nonstop-Verbindungen geschuldet sein. Die Ostküstenmetropole ist zudem ein ergiebiges Pflaster, denn Kunden klagen hier gerne über den Zwang zum Umsteigen, da einzelne Routen nicht gut genug ausgebaut sind. Laut aktueller Untersuchungen lassen sich nur 30 Prozent aller Arbeitsplätze innerhalb von 90 Minuten erreichen. Dabei gehört Boston zu jenen Metropolen in den USA, in denen ein signifikanter Anteil der Haushalte nicht über ein Auto verfügen.

Hinter Bridj steckt ein sehr junges Team. So ist der GrĂĽnder Matthew George noch keine 25 Jahre alt. Seine Idee: Es mĂĽsse einen Markt geben zwischen dem Ă–PNV-Angebot der Massachusetts Bay Transportation Authority (MBTA) und den hochpreisigen Anbietern wie Limousinenservices und Taxis. In diesem Mittelsegment wolle sich Bridj nun platzieren. (bsc)