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Was war. Was wird.

Please allow me to introduce myself, I'm a man of wealth and taste. Ein gewisses diabolisches Grinsen kann sich Hal Faber tatsächlich nicht verkneifen. Trotz aller Tode, berühmter ebenso wie namenloser, die vor allem für politische Unruhe sorgen.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ja, damals: Als die Dokumentation "Sympathy for the Devil" im Fernsehen lief, kam der Blues über uns, die Musik der Schwarzen. Ganz nett war dann, wie Alexis Korner schrammte. Aber dann kam ein Albino und zerlegte alles nach Strich und Faden. Johnny Winter schenkte uns "Nothing but the Blues", was immer noch der beste Grund dafür ist, die IP-Adresse zu verbiegen, um die bei uns gesperrten Songs des Albums hören zu können zum Abschied. Zurück im Delta oder tief unten in Florida, dort ist Johnny Winter nun angekommen.

*** Nirgendwo ist Flug MH17 angekommen. Vieles spricht fĂĽr einen versehentlichen Abschuss, doch wer verantwortlich ist, das ist noch unklar, nicht nur in der Wikipedia. Aus der Sicht des Datenjournalismus haben Lufthansa und Singapore Airlines einfach nur GlĂĽck gehabt. Der hilflose Ruf nach UN-Blauhelmen entspricht der allgemeinen Konzeptionslosigkeit der neuen deutschen Ostpolitik und dem Festredner-Schwafeln von "Russlands reichs-nostalgischem Weg" auf der Geburtstagsfeier der Kanzlerin.

*** Der Geschichtsprofessor Osterhammel sprach auf der Feier vom Internet als "revolutionäre Daseinsmacht" wie es etwa die Religion ist in seinem Buch Die Verwandlung der Welt. Vielleicht geht es auch etwas kleiner. Da gibt es nun einen großen Bohai um deutsche Spione, während die Regierung "mit bleierner Gelassenheit" auf die Emthüllungen von Edward Snowden reagiert. Ausgerechnet den Entwurf des BND für Gegenspionage soll der Mann sowohl an die Amerikaner wie an die Russen gemailt haben. Vielleicht sollte man einmal den Alltag von Spion und Spion betrachten. Die tageszeitung hat das gemacht, im Falle eines Spiones des Assad-Regimes, rekonstruiert nach Akten des Bundeskriminalamtes. Da wird der Entwurfsordner von Gmail benutzt, mit Skype telefoniert, Foto-Material auf USB-Stick gebrannt und nach Syrien geflogen. Wieder einmal ist es die Telefonüberwachung mit einem IMSI-Catcher, die den Durchbruch bringt: In sieben Tagen werden 15 verschiedene Orte und 10.688 Handys überwacht, bis man die verschiedenen Geräte des Spions identifiziert hatte. Der Rest war dann Routine-Sache, ganz ohne Großabschnorchelung am De-CIX.

*** Ohne Überwachung sind Menschenleben in Gefahr - "innocent lives will be lost."! Mit dieser steilen These der Heimatschützerin Theresa May hat Großbritannien das heftig diskutierte  Notstandsgesetz-Paket DRIP (Data Retention and Investigatory Powers Bill) verabschiedet. Bei den Debatten in den beiden Kammern waren teilweise weniger als 20 Politker anwesend, als ob noch Fußball-WM wäre. Aber Briten gehen so. Die Online-Welt ist böse, da muss unter Berufung auf den schwer unter Terror leidendem Staat Dänemark die Vorratsdatenspeicherung wieder her und ausgeweitet werden, am besten auf die ganze Welt: "Service providers have to comply with their legal obligations, irrespective of where they are based." Bezeichnend ist, dass der Vorgang mit dem Broadcasting Ban von 1988 verglichen wird, "the most stringent controls imposed on the electronic media since the Second World War. A watershed had been reached in government relations with British journalism - never again could the boast be made that Britain enjoyed complete freedom of speech." Wer braucht schon Rede- und Informationsfreiheit. In seiner Kolumne Electronic Chronicles schrieb der US-Amerikaner Paul Levinson damals:

"These moves, though no doubt born of understandable frustration in a world plagued by terrorism, are astonishing attacks on the bulwarks of democracy. At a time when the world is being thrilled to the marrow with the first rays of freedom in the Soviet Union, England -- the birthplace of modern Western democracy -- is taking a frightening step backwards. The move has all the slipper signs of fascim."

Levinsons Kommentar wurde in den damals bestimmenden Online-Diensten wie Compuserve oder Prodigy gelöscht, das Recht auf Vergessen war in den 80ern ein Gutsherrenrecht. Auch das kommt heute wieder, wenn ein Gigant wie Google das von der EU geforderte Recht auf Vergessen einführt und die europäischen Staaten und ihre Justizorgane erst recht von Google abhängig macht.

*** In Schweden sind die Rechtsanwälte von Julian Assange in erster Instanz mit dem Versuch gescheitert, den schwedischen Haftbefehl und damit den europäischen Haftbefehl gegen ihren Mandanten aufheben zu lassen. Sie ziehen nun vor das Berufungsgericht Svea hovrätt und geben sich zuversichtlich, diesmal zu gewinnen. Unterdessen hat Ecuador noch einmal bekräftigt, Assange so lange Asyl in der Botschaft zu gewähren, bis er zu einem sicheren Aufenthaltsort reisen kann. Die Generalstaatsanwältin Ny, die die Vorwürfe gegen Assange untersucht, deutete einen Ausweg aus dem perfekten Patt an. Nach ihrer Ansicht ist ein Verhör in der Botschaft in der Botschaft schon deshalb nicht möglich, weil dort kein Zwang auf Assange ausgeübt werden kann, ein Wattestäbchen zur bislang fehlenden DNS-Probe zu akzeptieren. Könnte der Wikileaks-Chef nicht vorab eine Eklärung abgeben, dass er der DNS-Probe zustimmt? Darauf wollte die Anwälte nicht eingehen.

Was wird. (Was war reloaded.)

Wir sind Weltmeister. Aber wir können uns nicht benehmen. Darum üben wir noch. Frei nach Ernst Blochs Hoffnungsprinzipien und dem enttäuschten Klaus Theweleit kann man nur festhalten: Der Fußball, der geht so und Philipp Lahm auch. Wenn jetzt bitte noch die elende "political correctness" sich aus dem Fußball raushalten könnte und diese furchtbaren Mercedes-Sterne verschwinden, könnte es noch was werden mit dem Fußball. Automarken werden sowieso total überschätzt, die Zukunft gehört dem rollenden Flatrate-Unwesen.

Die Zukunft war bekanntlich schon einmal besser. Man denke nur an das Konzept der öffentlichen Feiermeilen und Kunsträume mit den Centerbeams, die Otto Piene am MIT entworfen hat, wo die ersten programmierten Lichtskulpturen entstanden. Am MIT war Piene Professor für "Telekommunikation, Laser, Video, Holographie, Himmels- und Umweltkunst", wie er sein Forschungsgebiet nannte. Vor vielen Jahren schrieb Piene mit seiner Loseblattsammlung More Sky eine vergnügliche Gebrauchsanweisung für das Leben in der Zukunft. Sein Olympia-Regenbogen sollte ein Zeichen der Hoffnung setzen für alle Menschen im Nahen Osten. Nun ist Piene in Berlin im Taxi gestorben und More Sky zur Retrospektive geworden. Zu seinen Ehren startet das Sommerrätsel 2014 mit der Kategorie "Kunstware", die weit mehr als nur "Computerkunst" umfasst.

Auch Heribert Hellenbroich ist gestorben. Das Bundesinnenministerium hat ihm eine etwas nichtssagende Kondolenz spendiert, in der "die Bekämpfung der Wirtschaftsspionage durch die frühere Deutsche Demokratische Republik" besonders gewürdigt wird. Das mag ein Bruderkampf der Staaten gewesen sein, doch der eigentliche spielte sich zwischen ihm und seinem ultramarxistischem Bruder ab, ein echtes BRD-Vermächtnis. In diesen unseren NSA-durchtränkten Zeiten geht das Sommerrätsel auch mit der Kategorie "Spyware" an den Start.

Mit Heinz Zemanek ist der bedeutendste österreichische Informatiker gestorben. Aber dann gab es da noch einen, den Commander Cliff Allister McLane, den Gründer von Pan y Arte, den Dietmar Schönherr von Wünsch dir was. Diese Sendung würde heute im pc-Zeitalter sofort verboten werden, nicht nur wegen Leonie Stöhr oder abgesoffenen Autos. Dass in der Sendung gegeneinander antretender Familien die Kommune 1 auftrat und höchst intelligent über den Sinn von Ehe und Familie diskutierte, ist ein Hack der ersten Güteklasse. Auch das Vorlesen der Künstler, die von Nationalsozialisten getötet wurden, bei der Verleihung der Goldenen Kamera zähle ich dazu. "Warum haben Sie nur die schöne Schau gestört?" Ja, warum nur? In Andenken an Dietmar Schönherr und im Vordenken an das bevorstehende Jubiläum des Btx-Hacks geht darum die Kategorie "Hackware" im neuen Sommerrätsel an den Start.

Vorschläge zum kniffligen Rätseln sind wie immer willkommen. Zu gewinnen gibt es nichts, höchstens Ruhm bis zur Löschung durch diesen oder jenen Idioten. Aber

Be careful with a fool
You know, someday he may get smart
He will treat you so cool and chilly
Till he will hurt you to your heart

(jk)