Meinung: Smarte Technik, tumber Markt
Wenn intelligente und vernetzte Systeme tatsächlich "Win-win-Situationen schaffen" – wo sind dann die ganzen Gewinner?
Wenn intelligente und vernetzte Systeme tatsächlich "Win-win-Situationen schaffen" – wo sind dann die ganzen Gewinner?
Honsel, TR-Redakteur, staunt regelmäßig über die Absurditäten des Energiemarktes.
Ist von "Smart Grid", "Smart City" oder ähnlichem die Rede, folgt im selben Atemzug gern die "Win-win-Situation". Gleichen schlaue Algorithmen beispielsweise Angebot und Nachfrage von Strom aus, sollen alle etwas davon haben. Doch wo stecken bloß die ganzen Gewinner? In der Energiebranche schon mal nicht: Hochmoderne Gaskraftwerke werden von Kohlemeilern verdrängt, die Photovoltaik-Branche kämpft ums Überleben, Verbraucher und Industrie klagen über hohe Strompreise, der CO2-Ausstoß steigt trotzdem weiter.
An der Technik liegt's nicht. Es gibt Sensoren und Funkmodule für ein paar Cent, ein gut ausgebautes Datennetz, reichlich Rechenleistung und Speicherplatz in der Cloud. Handys und Armbänder, Autos und Straßen, Fabriken und Kraftwerke – sie alle werden zunehmend intelligent, vernetzt oder beides. Eigentlich müssten wir von Win-win-Situationen umzingelt sein. Doch wohin man schaut: Stagnation. Elektroautos? Zu teuer. Smart Meter? Unrentabel. Effiziente Fabriken? Zu lange Amortisationszeiten.
Dabei gibt es bei smarten Technologien durchaus viel zu gewinnen. Nur profitieren nicht unbedingt immer diejenigen, die dafür bezahlen müssen. Beispiel Elektroauto: Es würde unter anderem die Innenstädte leiser und sauberer machen sowie die Abhängigkeit von Importöl senken. Ein Nutzen für die gesamte Gesellschaft also. Doch davon haben Käufer und Hersteller wenig.
Ein ähnlicher Fall sind Biogas-Kraftwerke. Sie könnten schwankenden Sonnen- und Windstrom ausgleichen. Die nötige Regeltechnik dafür existiert. Doch die Betreiber von Biogasanlagen bekommen eine feste Einspeisevergütung, egal wann und wie viel Strom sie einspeisen – warum also sollten sie sich an der Stromnachfrage orientieren?
Ein drittes Beispiel sind Windräder. Mit großen Rotoren und kleinen Generatoren können sie auch an windarmen Standorten nahe den Verbrauchern relativ gleichmäßig Strom liefern und so den Netzausbau reduzieren. Doch für den Betreiber bedeutet das vor allem weniger Ertrag – und den Netzausbau muss er nicht bezahlen. In allen Fällen steht schlaue Technik einem tumben Marktmodell gegenüber. Wenn aber fehlende Technik nicht das Problem ist, kann weitere technische Hochrüstung allein auch keine Lösung sein. Was smarter werden muss, sind die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Sie müssen dafür sorgen, dass Kosten und Nutzen fair bei allen Beteiligten ankommen.
Klassischerweise löst die Politik solche Probleme gern mit Subventionen, Steuern oder Verboten. Bei Glühbirnen mag das noch funktionieren. Doch bei komplexen Systemen wie dem Strommarkt oder der Elektromobilität sind Kosten und Nutzen auf viel mehr Ebenen verteilt. Wie schafft man hier die richtigen Anreize, um den Nutzen für die gesamte Gesellschaft zu maximieren?
Beispiele dafür sind rar. Per Crowdfunding könnten etwa lärmgeplagte Anwohner Ladesäulen für Elektroautos finanzieren. Doch solche Einzelaktionen ersetzen keine langfristige Politik. Wie ein systematischerer Ansatz aussehen könnte, zeigt das Projekt "Regeneration Dialogue" im schwedischen Malmö. Dort geht es um eine heruntergekommene Hochhaussiedlung aus den siebziger Jahren. Überließe man deren Sanierung einfach einem Investor, würden Mieterhöhungen die angestammten Bewohner vertreiben.
Dabei wäre Geld durchaus vorhanden – es fließt nur nicht in die Infrastruktur, sondern in die Folgen von Armut, Krankheit und Gewalt. Um die Geldströme sinnvoller zu kanalisieren, haben Behörden und Unternehmen ein "sozio-ökonomisches Balance-Sheet" für die direkten und indirekten Kosten sozialer Verwahrlosung aufgestellt. Das Ergebnis: Wenn nur jeder 20. Arbeitslose einen Job fände, würden die Sozialkassen so viel Geld sparen, dass sich damit eine sozialverträgliche Sanierung bezahlen ließe. Gelingt es also, neben den Gebäuden auch die Lage der Menschen zu verbessern, finanziert sich das Ganze praktisch von selbst.
Das Beispiel stammt zwar aus dem sozialen Bereich, doch es lässt sich leicht auf die Technik übertragen. Was sich lohnt, wird gemacht. Und die Politik muss durch intelligente Markt- und Geschäftsmodelle dafür sorgen, dass sich das, was der Gemeinschaft nutzt, auch tatsächlich finanziell rechnet. Natürlich lässt sich dieser Nutzen nicht vorab auf Heller und Pfennig berechnen. Doch schon der Versuch würde zu einer ehrlicheren Debatte in der Politik führen. (grh)