Was war. Was wird.
Der Sommer ist vorbei. Aber um TrĂĽbsal zu blasen, dafĂĽr muss man nicht auf den Herbst warten, grantelt Hal Faber. Und bemitleidet eine einsame Schlampe, mit der niemand demonstrieren will. Besser aber unter Schlampen leben als in Putins Neurussland.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Das war's wieder einmal. Rund um den Reichstag und am Kanzlerinnenamt vorbei schlängelte sich die diesmal doch recht überschaubare "Netzgemeinde" von 6500 Personen mit ihren Plakaten und Transparenten. "Freiheit statt Angst" klingt gut, aber ist offenbar schwer zu visualisieren und noch schwerer zu erklären. In den Reden zu dieser Demonstration überwog die schwer moralische Schaumsprache der Gutmenschen und überschlug sich in der Beschreibung der Taten eines Edward Snowden, als sei dieser der Weltbefreier himself. Dazu der Appell an Guck & Horch, ein deutscher Snowden möge sich bitte melden. Auch deshalb waren Plakate, die etwas für Snowden wollten oder forderten, eindeutig in der Mehrheit – nur der Schwarze Block forderte Freiheit für Bruder Adel und der Hurenblock Freiheit von der Zwangsregistrierung. Wahrscheinlich ist "Freiheit statt Angst" die einzige Demonstration der Welt, in der ein Transparent mit einem ellenlangen Zitat von Bruce Schneier Beifall erhalten kann, ebenso wie die kleine Truppe der Amerikaner, die für ein überwachungsfreies Amerika eintrat. Lang ist es her, dass sich die mutigen "besorgten Amerikaner" im August 1973 gegen die Überwachung engagierten, doch was die Leute zu erzählen haben, ist für netzpolitische Aktivisten von heute uninteressant, so ganz ohne Netz und Tweets.
*** Was sonst abseits der Parteiballons von Piraten, Grünen und Linken zu sehen war, zeugte von Angst, von Zweifel und Sorgen, vom Leben im Überwachungsstaat. Fein angezogene Leute zeigten "akkuraten Widerstand", eine einsame Schlampe ihren nackten Arsch. Ein Pärchen im Bett, das unter Kamerabeobachtung vögelt, stellte den größte Themenwagen neben der obligaten Datenkraken-Prozession. Nichts illustriert dieses Dilemma des unfrohen freien Lebens besser als die "Digitale Gesellschaft", die allen Ernstes im Vorfeld der Demonstration Demotipps für Mobilgeräte veröffentlichte. Muss man in Zukunft vor jeder Demonstration sein Gesicht entstellen und die IMSI-Catcher-App aktualisieren, die Wiener Forscher da entwickeln? Immerhin entbehrt es nicht der Ironie, dass für die Tests der Überwacher-Überwacher keine Demonstration genommen wurde, sondern der Wiener Opernball, in der Hoffnung, dass potenzielle Demonstranten von der Polizei überwacht wurden. Nichts Genaueres konnte dann bei der nicht durchgeführten Opernballdemo gemessen werden.
*** Apropos gemessen: In dieser Woche wurde uns nicht nur das düstere Lagebild Cybercrime präsentiert, mit einem Dunkelfeld so groß wie Mordor, sondern parallel auch eine Studie des Branchenverbandes Bitkom. Eindeutig die Mehrheit der Befragten befürchtet laut Bitkom die Überwachung durch Geheimdienste: Die Veröffentlichungen von Snowden haben ein tiefes Misstrauen erzeugt. "Die Angst vor Bespitzelung durch den Staat ist heute größer als die Angst vor Cyber-Kriminellen. Das ist eine Folge der Abhöraktionen staatlicher Geheimdienste im Internet", heißt es in der Bitkom-Mitteilung. Es ist eine kleine Lehre in aktiver Duckmäuser-Kunde, wie Bitkom-Chef Dieter Kempf diese Aussage "fachmännisch" auf der Pressekonferenz abschwächte (Video, ab 11. Minute).
*** Im Alter von 94 Jahren ist am 25. August Karl Ganzhorn in Maichingen gestorben. Seine Familie schickte die Nachricht nach der Beisetzung am Mittwoch in die Welt und niemand wollte einen Nachruf. Dabei ist die Geschichte von Ganzhorn eine deutsch-amerikanische Erfolgsgeschichte. Der Vater des deutschen IBM-Labors studierte in französischer Gefangenschaft infolge des Afrikafeldzuges, in dem er als Nachrichtentechniker eingesetzt war, vom YMCA fotokopierte deutsche Bücher. Er schaffte dank dieser "Wüsten-Universität" 1948 den direkten Sprung in die Wissenschaft, nur um danach im Jahre 1952 vom Fleck weg als Physiker bei IBM mit der Aufgabe betraut zu werden, das damals größte IBM-Labor Europas mit 200 Wissenschaftlern aufzubauen. Seinem Engagement ist es zu verdanken, dass Heinz Zemanek in Wien eine IBM-Außenstelle betreiben konnte. Neben der Entwicklung des kleinsten IBM-Systems 360/20 hielt er Informatik-Vorlesungen in Karlsruhe und sorgte sich überhaupt um die Entwicklung dieses Studienganges. Karl Ganzhorn war auf seine Art ein aufgeschlossener IT-Fachmann, der noch im Alter von 79 Jahren damit anfing, sich trotz aller SNA-Allüren seiner Firma IBM mit HTML zu beschäftigen, damit seine Bücher im Internet erscheinen konnten.
*** Beschaulich und gemächlich steuern wir auf einen großen Krieg zu. Nach den Äußerungen von Russlands Präsident Putin ist klar, dass er ein "Neurussland" will, das ein gutes Stück über den Donbas hinausgeht und die Ukraine zu Unselbstständigkeit erwürgt. Inmitten dieser Entwicklung überrascht es immer wieder, was die hochgelobten Aufklärungs-Dienste produzieren. Denn liest man die offiziellen NATO-Erklärungen, so liefern Bilder der Firma Digital Globe die Beweise. Ein Schelm ist, wer an die handgemalten Beweise der Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein denkt. Nein, hier ist es ja ein gutes Geschäft. Angeblich kann man die eigenen Bilder nicht zeigen, ohne die eigenen Aufklärungs-Fähigkeiten zu kompromittieren. Der Verdacht drängt sich auf, dass es mit diesen Fähigkeiten nicht weit her ist. Die Phantasien eines Advanced Ground Surveillance mit vielen hochfliegenden Drohnen sind nicht ausgeträumt. Im nächsten Krieg verlassen wir uns dann auf Google Streetview und der "Feind" vielleicht auf Here, deren Autos gerade kreuz und quer durch Berlin fahren. Die norddeutsche Tiefebene ist im September dran.
Was wird.
September, September, der Sommer ist vorbei. Auf die Demonstration der Netzgemeinde folgt die Demonstration der Netzwirtschaft, vulgo "Internationale Funkausstellung" genannt. Sie wird von Stars wie Judith Rakers, Dieter Hallervorden, Marit Larsen und Klaus Wowereit eröffnet. Letzterer hat in dieser Woche die Quoten bei der Wette ruiniert, wer eher fertig wird, der Flughafen oder der Bürgermeister. Aber das interessiert ja nicht, denn Die Zukunft ist Eins, wie es das Telekom-Motto zur IFA ist. Smarthomeentertainmentcloudhealth, alles ist Eins, was brauchen wir da noch einen Flughafen in der Pampa, nur mit Uber über Nacht zu erreichen, gelle?
Bei der Telekom geht das übrigens so: "Eine mehr als 130 Meter lange und 4,5 Meter hohe Projektionswand sorgt im dynamischen Zusammenspiel mit einer Medienskulptur im Zentrum des Standes für eine unverwechselbare Gesamtatmosphäre: Standgrenzen lösen sich scheinbar auf, neue Räume entstehen, alles ist in Bewegung, alles wird Eins", heißt es in der Ankündigung, als würde es um die Ars Electronica gehen. Aber die findet erstens in Linz statt und hat statt 1 das Motto "C" wie: creativity, catalysts, community, collaboration, communication, content, commons, competition, chaos, culture, cooperation, crossover, cross-disciplinarity, capability, capacity, capital, craving, caution, certainty, confidence, challenge, choice, citizens, clouds, crowds, clusters, code, coexistence, cohesion, coincidence, cynicism, cacophony, commitment, compromises, consideration, coordination, copyright, copyleft, correlation, courtesy, craziness, credibility, criticism, cruelty, cubicles, cookies, caffeine, cognition, china, cumulation, culmination, cyberspace, cyber-arts …
Alles ist Eins oder alles ist C, das ist die Frage in der Champions League der Philoso-Viehtreiber. Kann da die Mutter aller Dinge beruhigen, die auf der IFA von den Franzosen präsentiert wird? Dort, wo Platons Höhle direkt zum gekrümmten Riesen-Bildschirm mutiert ist, präsentiert von der Miss IFA mit roter Perücke. Zum nächsten WWWW werden wir es wissen, auch kniffligste Spätsommerrätsel werden schließlich aufgelöst. Was wir nicht wissen werden, ist, wie wir den Sexismus auf der IFA loswerden – schon bei Sexismus in Computerspielen bereitet offensichtlich die Kritik an ihm vielen Typen mehr Probleme als der Sexismus selbst. Choose your side? Wohl gebrüllt, Löwe. (jk)