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Was war. Was wird.

Gutmenschen? Gutmenschen! Wenn Dieter Nuhr schon fĂĽr Sprachpflege geehrt wird, muss sich Hal Faber ein bisschen auf die Suche machen. Eine interessante Erfahrung. Und das nicht nur, weil Forenkommentare echt hilfreich sind.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Ehrlichkeit ist nun eine Farbe und sie ist ein knalliges Magenta, benannt nach jenem Ort in der Nähe von Mailand, wo der Boden nach einer missglückten Kommunikation von 10.000 Toten gefärbt wurde. "Wir wissen, was Kunden brauchen", behauptete die Telekom bei der Vorstellung von Magenta Eins – und verkauft ab sofort einen Dreierpack der umfassenden Kundenbindung in drei Hemdgrößen, inklusive 7-tägiger Speicherung aller IP-Adressen.

*** Achja, Transparenz stand auch noch weiß auf magenta auf der Folie, noch über der Geschwindigkeit. Transparent und ehrlich, wie es meine Art ist, habe ich mich diese Woche nach den Protesten zur Benutzung des Wortes "Gutmensch" in der letzten Wochenschau auf die Suche gemacht. In Zeiten, in denen ein Flachwitzler wie Dieter Nuhr 30.000 Euro für die Pflege der deutschen Sprache bekommt, ist das eine interessante Erfahrung: Weder konnte ich Belege dafür finden, dass der Begriff Teil der nationalsozialistischen Propaganda war, wie vom Deutschen Journalisten Verband und dem Duisburger Sprachforschungsinstitut behauptet wird, noch fand ich den "gutt Mensch" in jiddischen Wörterbüchern, nur den guter-jíd, den chassidischen Rabbi. Ein Leserbrief:

"Da ich zu denen gehöre, die sich am Sonntagmorgen schon immer unter der Dusche freuen, dass sie gleich ein neues WWWW lesen können, erlaube ich mir mal, eine PM zu schreiben und für meine Kritik nicht die Kommentarfunktion zu nutzen: An der Demo 'Freiheit statt Angst' kritisierst du im neuesten WWWW die 'schwer moralische Schaumsprache der Gutmenschen', und das tut mir richtig weh. Nicht wegen der Kritik an sich, sondern weil ich den Begriff 'Gutmenschen' bisher immer nur von ausgesprochenen Idioten gehört oder gelesen habe, von Leuten, die andere diffamieren wollten, weil diese sich für was auch immer engagieren. (Und von denen mir noch niemand die Frage beantworten konnte, was denn ihr positives Leitbild ist, dem ich nachstreben sollte, um dieser Kritik zu entkommen: lieber ein 'Schlechtmensch' werden?)"

*** Im Januarheft 1992 der "Zeitschrift für europäisches Denken", allgemein als Merkur bekannt, wetterte Karl Heinz Bohrer gegen die westdeutsche Schaumsprachigkeit mit scheuerlichen Floskeln wie der von der "Mauer im Kopf niederreißen" oder dem Gerede vom Querdenker. Bohrer wünschte sich ein "Wörterbuch des guten Menschen". Kurt Scheel, der den Artikel redigierte, leistete sich ein Späßchen und machte daraus das "Wörterbuch des Gutmenschen" in Anlehnung an das Wörterbuch des Unmenschen. Im Jahre 1994 erschien es dann, der erste Band des Wörterbuches des Gutmenschen, herausgegeben von Klaus Bittermann und Gerhard Henschel. Das Buch berief sich auf Eckhard Henscheids Wörterbuch "Dummdeutsch", das 1985 und – von uns Krauts erweitert – 1986 bis 1992 erschien, ohne jemals den Gutmensch zu erwähnen. Nur das Gutdraufsein hat es in dieses Wörterbuch geschafft, der Vorläufer von Yolo.

*** Sinnigerweise haben die Herausgeber des Wörterbuches den Gutmenschen nicht selbst definiert, sondern einen Gutmenschen zitiert, Horst Eberhard Richter: "Die Besorgten [sehen sich] als geduldige, aber empfindsame Menschen. Sie verspüren innerlich intensiv, was von außen auf sie einwirkt. Aber zugleich kümmern sie sich aktiv um das Leben außerhalb. Häufiger als der Durchschnitt machen sie sich Sorgen um andere Menschen. Wichtig ist ihnen aber auch ihre Innenwelt. Sie sind es gewohnt, sich über ihre eigenen Probleme Gedanken zu machen, und dies in Bereitschaft zu Selbstkritik. Sie verkriechen sich nicht, sondern zeigen sich gern, legen Wert darauf, schön auszusehen."

*** Dieser nervige Typ Mensch, der lieber betet statt zu argumentieren, ist etwas in die Jahre gekommen, besonders unter dem Tugendterror der politisch korrekten Meinungsäußerung, wie sie von der Rechten betrieben wird. Aber es gibt ihn noch, den reinen Gutmenschen, das zeigte Freiheit statt Angst etwa mit der Rede des "im Exil" lebenden US-Amerikaners Jacob Appelbaum. Und es gibt auch die Angst, als Gutmensch auszusehen, etwa bei den Grünen, wie es die tageszeitung in dieser Woche auf ihrer Titelseite trefflich zur Flüchtlingsproblematik kommentierte. Wie war das damals noch mit den Gutmenschen? "Mein Freund ist Ausländer." Genau 90 Minuten lang. Ansonsten gilt heute: Papier ist geduldig.

*** Moralische Überhöhungen können schnell in die Irre führen. Nehmen wir die Frage, wo die deutschen Whistleblower bleiben. Warum gibt es bei uns keinen Snowden? Die erste Antwort könnte darauf verweisen, dass bei unseren Diensten wie BND oder Verfassungsschutz keine Dienstleister wie Booz Allen Hamilton arbeiten. Eine zweite könnte auf das Alter des Whistleblowers verweisen. In all den vielen Büchern über Snowden wird vom Erstaunen der Journalisten berichtet, die in Hongkong einen sehr jungen Menschen trafen. Mit zunehmendem Alter, mit einem Haus und Kindern, sieht das ganz anders aus und liest sich dann wie in diesem Forenkommentar ...

"Übrigens habe ich nicht gesagt, dass ICH kurz vor der Berufsunfähigkeit durch Gewissensbisse stünde. Nur der Teil 'Aber manche können nicht mehr ruhig schlafen und müssen ihr Seelenheil pflegen' war auf mich selbst gemünzt. Ich wollte damit einerseits meine persönliche Motivation erläutern, warum ich mich hier äußere. Andererseits gibt es eben auch Kollegen, die bereits an einem gravierenderen Punkt angelangt sind. Kollegen, die den politisch eingeschlagenen Weg für falsch halten und gerne den Bürgern und dem Grundgesetz dienen wollen, finden sich bei allen Partnerbehörden. In unserem Metier arbeiten nicht nur von Grund auf schlechte Menschen. Jeder einzelne der Zweifler mit Gewissensbissen versucht, mit der persönlichen Situation fertig zu werden. Verschiedene Lösungswege stehen zur Verfügung. Herr Snowden hat einen möglichen Weg gewählt und damit enorme Wirkung erzielt."

So der O-Ton aus einer Behörde, bei der "Industrievertreter ein und aus(gehen), um ihre tollen neuen 'Crime Investigation and Prevention Solutions' zu verkaufen." Hinterlassen in einem offenen Forum, anonym kommentiert. Glaubt man der Süddeutschen Zeitung, so hat sich das überlebt. Kein zielloses Plaudern mehr, sondern ein strukturierter Dialog mit dem Leser ist angesagt. Da reserviert man eine ganze Seite der Wochenend-Beilage, auf der sich acht Historiker äußern, und eröffnet eine Debatte zu einer Frage, die auch so kommentiert werden konnte. Kritische Kommentare sind notwendig, damit der kenntnislose Bellizismus mancher Medien den passenden Widerspruch bekommt und eine andere Sicht der Dinge existieren kann. Nun hat einer der Hausherren des Heiseforums das Kommentieren unter anderem auf Google+ selbst kommentiert. tl,dr? Wie wäre es mit diesem Satz zu diesen Sätzen von Twister:

"Twisters Anmerkung, dass der Begriff 'Troll' heutzutage inflationär gebraucht wird, ist sehr notwendig. Jede Äußerung missliebiger Meinung wird derzeit schnell zum Trollen. Trolle aber, andersrum gesehen, sind ein Zeichen dafür, dass Foren funktionieren."

Was wird.

Widewidewitt, bumm, bumm, Wibadiwum. Wir bauen die Welt um, bis sie uns gefällt. Mit freundlich aussehenden Überwachungskameras Mindestens bis zur nächsten IFA, die noch smarter werden will. Wer "wir" ist, wird wohl die Wibadiwumme Jasmin wissen. All die smarten Dinge, die da mit ihrer proprietären Software ins Haus kommen, und aus dem IT-Gefängnis ihrer Hersteller befreit werden müssen. Moment, moment, das ist die falsche Sicht. Ganz ohne Forum beginnt Jasmins Pendant Fefe mit einem anderen wir:

"Wisst ihr noch, wie wir alle sauer waren, dass die Leute ihre WLANs nicht abgesichert haben, und das unsicher war? Und dann haben wir gemerkt, dass wenn die alle ihre WLANs zunageln, und wir dem Anschlussinhaber Haftung überhelfen, dass es dann nirgendwo mehr freies WLAN für Passanten gibt? Rückblickend eine total doofe Idee, dass wir da gemeckert haben. Hätten wir mal die Schnauze gehalten."

NatĂĽrlich kann man das kommentieren. Oder man kann sich auf die Datenspuren freuen, die sich wieder einmal mit Datenspuren befassen, die wir so vorder- oder hinterlassen:

The past lives on in your front room
The poor still weak the rich still rule
History lives in the books at home
The books at home
It's not made by great men. (jk)