Stop-and-go durch die Nacht

Die Bahn will den Autoreisezug einstellen. Ein Nachruf.

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Die Bahn will den Autoreisezug einstellen. Ein Nachruf.

Diesen Sommer bin ich mit dem Autoreisezug in den Urlaub gefahren. Es war ein etwas zwiespältiges Vergnügen. Nach dem Verladen musste ich noch fast zwei Stunden am Bahnhof herumlungern, bis es endlich losging. Warteräumen und Wagen würde ich gerne einen gepflegten Siebziger-Jahre-Charme attestieren, wenn sie denn gepflegt wären. Und das Ganze auch noch zu happigen Preisen an ungünstigen Terminen.

Bewegt sich der Zug dann endlich, bleibt er in Sichtweite des Bahnhofs erstmal wieder 20 Minuten stehen. So geht es dann weiter im Stop-and-go-Verkehr bis Innsbruck. Fahrplanmäßig, wohlgemerkt. Wahrscheinlich stammt der Fahrplan noch aus einer Zeit, als es an der Grenze zu Österreich Passkontrollen gab.

Bis 2017 will die Bahn den Autozug nun ganz abschaffen. In Berlin etwa werden die Wagen schon jetzt nur noch auf Lastwagen transportiert. Der Konzern begründet die Einstellung des Angebots mit mangelnder Nachfrage. Kein Wunder: Die Bahn hat sich meinem Eindruck nach keine übertriebene Mühe gemacht, die verbliebenen Kunden zu begeistern. Am Personal lag es nicht, das war entspannt und freundlich. Aber dass es nicht möglich sein soll, einem Passagierzug nachts eine halbwegs zügige Verbindung freizuschaufeln, kann ich nicht ganz glauben.

Ist der Autoreisezug nicht ohnehin ein rollender Anachronismus? Schließlich gibt es mittlerweile reichlich Billigflieger und günstige Autovermieter. So gesehen ist es tatsächlich etwas seltsam, eineinhalb Tonnen Technik huckepack durchs Land zu karren.

Trotzdem werde ich den Autoreisezug vermissen. Für Motorradfahrer, Oldtimer-Fans oder Familien mit viel Gepäck ist er immer noch eine bessere Alternative als der Leihwagen. (Groteskerweise ist es bei der Deutschen Bahn bis heute übrigens einfacher, sein Auto oder Motorrad über lange Strecken mitzunehmen als sein Fahrrad. Aber das ist eine andere, ebenfalls traurige Geschichte.)

Mit jedem eingestellten Autoreisezug gibt es auch eine Nachtzugverbindung weniger. Dies finde ich ebenfalls bedauerlich. Denn Flüge starten entweder unchristlich früh oder machen den ganzen Tag kaputt, selbst wenn der Flieger nur eine Stunde in der Luft ist. Mit dem Nachtzug kommt man zumindest potenziell ausgeruht direkt mitten in der Stadt an. (Beim Autoreisezug ist das mit der Ruhe leider so eine Sache, denn die Klimaanlage ist nur unwesentlich leiser als ein Laubbläser.)

Immerhin hat die Bahn versprochen, die Finger vom klassischen Nachtzug zu lassen und ihn 2016 sogar „neu aufzustellen“ – was auch immer das heißen mag. Ich hätte da einen Vorschlag: Einen Waggon für Fahrräder anhängen. Das wäre mal eine echte Marktlücke.

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Nachtrag vom 25.9.: Wie die Süddeutsche berichtet, will die Bahn offenbar doch die Nachtzuglinien reduzieren. Alles andere wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein. (grh)